Noch ein Jesus Blog?

Warum nicht!
Es gibt ja schliesslich auch (mindestens) vier Evangelien und das war in der damaligen Medienlandschaft schon viel.
Jesus muss immer wieder neu erfunden werden, nur dann bleibt er lebendig.

Wer sich auf die Suche macht nach dem Mann aus Nazareth, dem begegnet ein Mensch mit vielen Gesichtern. Wer das Neue Testament aufschlägt, stellt sehr schnell fest: der Jesus des Markus-Evangeliums ist ein anderer als der des Matthäus-Evangeliums oder des Lukas-Evangeliums, obwohl doch beide Markus als ihre Vorlage benutzen. Ein wiederum anderes Bild des Propheten und Weisheitslehrers aus Nazareth zeichnet das sogenannte Q-Evangelium, jene hypothetische Sammlung von Worten Jesu, die Matthäus und Lukas in ihre Evangelien einbauten. Dass der Jesus des Johannes-Evangeliums wiederum gänzlich anders daherkommt als bei Markus, Matthäus und Lukas erschließt sich auch dem Bibel-Unkundigen.

Seit zweihundert Jahren bemüht sich die Bibelwissenschaft, die mittlerweile aus vielen Einzeldisziplinen besteht, um die Frage: Wer war Jesus von Nazareth wirklich? Sie hat Bemerkenswertes geleistet. Aber noch immer stimmt, was Albert Schweitzer am Anfang des vorigen Jahrhunderts über die Leben Jesu Forschung feststellte: Jede Zeit und jeder Autor brächten vornehmlich ihre eigene Vorstellung von Jesus und ihre eigenen Interessen zur Sprache.

Aber ist dies in Wirklichkeit ein Grund zur Kritik? Das Wissen um Jesus ist stets nur vermittelt. Jeder wählt aus dem aus, was er von anderen berichtet bekam, sichtet es, wägt ab, wählt aus, bewertet, übernimmt oder verwirft, komponiert neu. Kein einziges uns vorliegendes schriftliches Zeugnis über Jesus geht direkt auf ihn selber zurück. Nicht einmal auf seine unmittelbare Lebenszeit. Alle Berichte beruhen auf Hörensagen, auf Zeugnissen von Zeugen von Zeugen von Zeugen. Auch in den vier kanonischen und den zahlreichen nicht kanonischen Evangelien und Evangelienfragmenten begegnen wir nicht unmittelbar Jesus „wie er wirklich war“. Ihre Autoren, wer immer sie gewesen sein mögen – schon ihre Namen sind teilweise fiktiv – gestalteten das, was sie schon vorgeformt übernahmen, nach ihrer Absicht und mit ihrer schriftstellerischen Imagination. Das Ergebnis ist literarische Fiktion, wie Literatur immer Fiktion ist.

Die historische Suche nach Jesus von Nazareth wird nie zu der Feststellung kommen können: „So war er“. Die Feststellung historischer „Tatsachen“ bewegt sich immer irgendwo zwischen den Extremen: „So war es mit Sicherheit nicht“ und „So war es mit Sicherheit“. Das ist die Unschärfe-Relation historischer Fakten. Kommt hinzu, dass, was man etwa für die Naturwissenschaft schon lange akzeptiert und berücksichtigt, für jedes andere beobachtende und beschreibende Tun gilt: der Beobachtende und Beschreibende verändert notgedrungen das Objekt, das er beobachtet und beschreibt.

Dennoch ist es sinnvoll und notwendig, Jesus von Nazareth immer wieder neu Gestalt zu geben, ihn immer wieder neu ins Bild zu holen. Nur so bleibt er lebendig. Imagination schafft Wirklichkeit. Imagination schafft Freiheitsräume, in denen neues Handeln möglich wird.

Jesus selbst hat die befreiende und verändernde Kraft der Imagination vorgelebt. Darin liegt seine andauernde Bedeutung. Er hat eine Wirklichkeit imaginiert, die er - in Anlehnung an seine jüdische Glaubenstradition - Reich Gottes nannte. „Das Reich Gottes ist nicht hier oder dort. Es ist inwendig in euch und außerhalb von euch.“(TomEv) - Imagination eben. Und doch ist es Wirklichkeit. Mit ihm ist zu rechnen. Auch mit imaginären Zahlen kann man rechnen, wenn auch die wenigsten von uns, die Operationen beherrschen. Wenn man sie aber beherrscht, dann zeigt sich: „Lahme gehen, Blinden wird das Augenlicht geschenkt und den Armen die Frohe Botschaft angesagt.“ (Mt 11,5par).

Wenn wir Jesus neu erfinden, ändert sich Jesus von Nazareth und dabei verändern wir uns. Es ist jenseits aller Glaubensformeln das beste, was geschehen kann: für ihn und für uns. Es ist Reich Gottes, inwendig und außerhalb... Es ist das, was er selbst gewollt hätte.

In diesem Blog geht es bunt durcheinander. Ergebnisse aus der Jesus Forschung wechseln sich ab mit privaten Einfällen und eigenwilligen Vermutungen. Auf Rechtgläubigkeit wird kein Wert gelegt. Es ist meine Suche nach Jesus von Nazareth. WeggefährtInnen sind mir willkommen und Andersdenkenden will ich mit Respekt begegnen.