Das versteckte Evangelium

Jeder mit ein paar grundlegenden Kenntnissen über die christliche Bibel weiß, dass das sogenannte Neue Testament vier Evangelien enthält, benannt nach ihren vier mutmaßlichen oder angeblichen Autoren Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Nur wenigen aber dürfte bekannt sein, dass sich in zwei von den vieren ein fünftes versteckt. Schon lange weiß man, dass Matthäus und Lukas in ihrem Aufbau Markus folgen. Matthäus hat überdies fast das gesamte Material des Markus übernommen, Lukas etwa zwei Drittel. Eine auffallende Übereinstimmung besteht auch im Wortlaut der parallelen Stellen. Aus diesem Grund spricht man bei diesen drei Evangelien auch von den synoptischen Evangelien, weil man sie in drei Spalten nebeneinander stellen und parallel lesen kann (griechisch syn=zusammen; ophtein=sehen).

Neben diesen Gemeinsamkeiten mit Markus haben Matthäus und Lukas noch über 200 Verse gemeinsam, die bei Markus fehlen. Es sind überwiegend Worte, Reden und Gleichnisse, die Jesus zugeschrieben werden, sowie einige wenige erzählende Elemente. Wo haben sie diese her? Neben anderen Lösungsansätzen findet heute unter Fachleuten besonders eine Hypothese große Zustimmung. Man nimmt an, dass Matthäus und Lukas neben Markus unabhängig voneinander noch eine weitere Quelle benutzt haben, die vor allem Redematerial enthielt. Deshalb nennt man sie auch Logienquelle (vom griechisch. Logion) und benutzt als Kürzel den Buchstaben Q(=Quelle). Da man davon ausgeht, dass das Lukasevangelium den Text von Q besser bewahrt hat als Matthäus, zitiert man aus der Logienquelle, indem man den entsprechenden Vers aus Lukas anführt und ihm ein Q voranstellt (z. B. Q6,27=Lk6,27).

Nun hat dieser Erklärungsversuch natürlich eine Schwäche. Eine Logienquelle, wie sie hier postuliert wird, hat man nie gefunden und es ist höchst unwahrscheinlich, dass man je Manuskriptteile davon finden wird. Es ist ein Hypothese, allerdings eine, die die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den drei synoptischen Evangelien gut erklärt. Für sie spricht auch, dass etwa 50% des Textes, der in Matthäus und Lukas enthalten ist, auch im apokryphen Thomasevangelium auftaucht, das man 1947 in Nag Hammadi in Ägypten gefunden hat.
Während einige die Logienquelle für nichts weiter als eine lose Sammlung von Jesusworten – echten oder zugeschriebenen – halten, erkennen andere darin ein eigenständiges Evangelium, das Spruchevangelium Q. Wenn es auch im Gegensatz zu den kanonischen Evangelien kaum erzählende Elemente enthält, lässt es doch eine klar erkennbare literarische Struktur und eine eigenständige theologische Ausrichtung erkennen. Insbesondere schreibt das Spruchevangelium Q dem Leiden und Sterben Jesu, von dem ausdrücklich an keiner Stelle gesprochen wird, keinerlei heilswirkenden oder erlösenden Wirkung zu. Vielmehr wird Jesu Tod mit dem Schicksal der Propheten aus Israels Geschichte verglichen und seine Rechtfertigung durch Gott am Ende der Zeiten erwartet.
Genau so wenig ist die Rede von einer Auferstehung Jesu, wiewohl man sich offensichtlich seiner fortdauernden Gegenwart gewiss ist. Jesus bleibt lebendig in seinem Wort der Weisheit, wie man sich ihn denn auch als Sohn der göttlichen Weisheit vorstellt. Viel eher als an eine Auferstehung wird wohl an eine Art Hinwegnahme Jesu in den Himmel gedacht nach dem Vorbild der alten Propheten aus dem Norden Israels, Elia und Elischa. Als der kommende Menschensohn wird er am Ende der Zeiten als Richter erwartet. Die zentrale Botschaft des Spruchevangeliums ist die nahe herbei gekommene Gottesherrschaft in Jesu Wort und Tat (Q7,22) und die Aufforderung zu rückhaltlosem Vertrauen auf die Fürsorge Gottes (Q11,9ff; 12,22f) unter Verzicht auf jegliche materielle Absicherung.

Das Spruchevangelium ist in Galiläa, möglicherweise im Umkreis von Kapernaum entstanden und in Griechisch abgefasst. Es erlebte in einem Zeitraum von vielleicht zwanzig Jahren mehrere Bearbeitungen und Erweiterungen. Die ältesten Teile entstanden vermutlich um 50 u.Z., den Abschluss dürfte es um 70 u.Z. gefunden haben. Angesprochen sind einfache Leute aus dem ländlichen Milieu Galiläas, kleine Bauern, Pächter, Fischer und Handwerker. Sie wollen die Erinnerung an Jesu Worte und Taten lebendig erhalten, indem sie auf deren Grundlage eine neue Art des Umgangs miteinander erproben (Q6,27-28; 35c-d; 6,29-30; 6,32.34; 6,37-38; 12,22b-31).
Einige ziehen als Wanderprediger herum und versuchen Sympathisanten zu gewinnen (Q10,2-12).

Mit der Zeit schleicht sich ein bitterer Ton in die Sprüche (Q11,49-51). Die galiläischen Jesus-Leute stossen mit ihrer Botschaft und ihrer provokanten Lebensweise offenbar auf Ablehnung. Die Polemik gegen die Gegner nimmt an Schärfe zu (11,16.29-30; 11,46b.52.47-48 u.a.). Sie steigert sich bis zu der Drohung, dass an Stelle Israels die Heiden mit Abraham zu Tische sitzen werden (Q13,29.28). In ihrer Enttäuschung und Bitterkeit finden die Jesus-Leute schließlich nur noch darin Trost, dass der kommende Menschensohn beim Gericht dereinst Recht sprechen wird und sie selbst als Richter über die zwölf Stämme Israels richten werden (Q22,28.30).

In den Wirren der ersten jüdischen Revolte nach 68 u.Z. verliert sich die Spur dieser jüdischen Jesus-Bewegung. Ihr Evangelium wird von den Evangelien des Matthäus und Lukas assimiliert, die eine ganz andere theologische Zielrichtung haben. Damit geht allerdings auch das eigentümliche Verständnis dieser Gruppe von Jesus und einer Lebensform, die sich an seinen Worten orientiert für lange Zeit verloren.