Freitag, 11. September 2015

Der Papst, der nicht dazugehören will


Mit seinen jüngsten Erlassen, mit denen Papst Franziskus die Feststellung der Nichtigkeit einer kirchlich geschlossenen katholischen Ehe erleichtern will, dürfte er sich zwischen alle Stühle gesetzt haben.
Den Reformern kann die Regelung nicht gefallen, weil sie menschlich verhängnisvoll ist. Katholischen Paaren den Weg in eine neue kirchliche Ehe zu ermöglichen, indem man einfach behauptet, eine frühere Ehe hätte es nie gegeben, nimmt im Grunde die Menschen nicht ernst und macht das Sakrament der Ehe zur Farce. Auch eine gescheiterte Ehe war nie nur eine schlechte Ehe. Auf alle Fälle ist sie Teil der Lebensgeschichte zweier Menschen. Diese Lebensgeschichte wird nun mit einem juristischen Federstrich als nicht existent erklärt. Damit wird den Betroffenen die Möglichkeit genommen, sich auch mit der Erfahrung des Scheiterns in ihrem Leben konstruktiv auseinanderzusetzen. Zumindest wird ihnen von der Kirche signalisiert: das müsst ihr mit euch selber ausmachen, für uns war da nichts.
Aber auch das Sakrament der Ehe wird damit pervertiert. Nach katholischer Ehelehre ist es ja Gott selbst, der im Sakrament als Bürge dieser Verbindung auftritt. Die Annullierung einer Ehe aber bedeutet, dass Gott nie etwas mit der Verbindung dieser zwei Menschen zu tun gehabt hat. Wieso? Weil ein kirchliches Gericht nachträglich feststellt, dass bei der Eheschliesslung aus Unachtsamkeit, Unwissen oder absichtlich einige juristische Formalien nicht beachtet wurden. Ob Gott sich auf das Beziehungsabenteuer zweier Menschen einlässt, wird abhängig gemacht von Paragraphen des Kirchenrechts. Das ist eine ungeheure Anmaßung der kirchlichen Bürokratie!
Konservativen Kreisen aber geht selbst diese päpstliche Entscheidung schon zu weit. Laut einem Bericht von Christ&Welt formiert sich im Vatikan massiver Widerstand gegen die jüngste Entscheidung des Papstes:“Die Hauptvorwürfe lauten, der Papst habe die bei einer für die Kirche derart essentiellen Materie zuständigen Gremien umgangen und de facto die „katholische Scheidung“ eingeführt. Von einer „bedenklichen Entwicklung“ ist in dem mehrseitigen Schreiben die Rede, das geregelte Verfahren der Gesetzgebung in der Universalkirche sei „ausgehebelt“ worden. Die meisten Sicherungen im Eheprozess seien wissentlich „ausgeschaltet“ worden.“(Christ&Welt)
Man kann sich natürlich fragen, ob es klug von Franziskus war, der ab dem 4.Oktober in Rom tagenden Bischofssynode vor zugreifen. Diese sollte sich abschließend mit den Themen Ehe und Familie befassen. Was diese nun noch beschließen soll, nachdem der Papst das Ergebnis vorweg genommen hat, kann man sich durchaus fragen. Umgekehrt ist natürlich mit gutem Grund zu vermuten, dass die Synode in der Frage von geschiedenen Wiederverheirateten bestenfalls zu einem Ergebnis gekommen wäre, das etwa auf der Linie der jetzt vom Papst dekretierten Lösung gelegen hätte. Es hätte aber auch schlimmer kommen können, hätte sich die Beton-Fraktion durchgesetzt. Möglicherweise wollte Franziskus einem solchen Beschluss zuvorkommen und hat die Notbremse betätigt. Die Kosten seines Vorgehens sind dabei durchaus beträchtlich. Die Bischofssynode wird damit erheblich abgewertet und an der oft bekundeten Bereitschaft des Papstes, die offene Diskussion unter den Bischöfen zu ermutigen, dürften Zweifel aufkommen.
Außerdem kann man sich fragen, wie lange ein Papst sich halten kann, wenn er in wesentlichen Fragen an der Kurie vorbei regiert. Dass Franziskus mächtige Feinde in und außerhalb des Vatikans hat, ist ein offenes Geheimnis. Umgekehrt macht er sehr deutlich, dass er sich von der kurialen Bürokratie distanziert. Er holt sich seine Berater von außerhalb und es ist bezeichnend, dass Franziskus immer noch im Gästehaus des Vatikans wohnt. Das hat nicht nur mit seinem oft bekundeten Bedürfnis nach Kontakt und Kommunikation zu tun. Es ist auch ein sehr deutliche Aussage: „Ich gehöre nicht zu diesem Verein!“ Der Papst als Gast im Vatikan, das ist eine Provokation.