Sonntag, 3. Mai 2015

Gehört das Alte Testament zum Christentum?


Protestantische Theologen in Deutschland liefern sich gerade eine hitzige Diskussion darüber, ob der Tanach, die Heilige Schrift des Judentums, Christen als Altes/Erstes Testament geläufig, zum Kanon der christlichen Bibel gehöre. Übersetzt: Kommt den Schriften der Hebräischen Bibel derselbe normative Charakter zu wie den Schriften, die im sog. Neuen Testament versammelt sind?



Notger Slenczka, Professor für systematische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin bestreitet dies. In einem Vortrag/Aufsatz DieKirche und das Alte Testament stellt Slenczka u.a. die These auf, das Alte Testament sei „kein Zeugnis der Universalität des Gottesverhältnisses, sondern ein Zeugnis einer Stammesreligion mit partikularem Anspruch“. Das Alte Testament, so Slenczka, sei das identitätsstiftende Dokument des Judentums, die christliche Kirche als solche sei „in den Texten des AT nicht angesprochen.“ „Damit ist aber das AT als Grundlage einer Predigt, die einen Text als Anrede an die Gemeinde auslegt, nicht mehr geeignet“. Denn das Alte Testament ist Anrede an das Judentum, von dem sich die christliche Kirche getrennt hat, womit sich der normative Anspruch des Tanach für die christliche Kirche erledigt hat. Natürlich hat der Tanach – wenn ich Slenczka richtig verstehe – weiterhin seinen Platz auch in der christlichen Bibel als Ausweis der religionsgeschichtlichen Herkunft des Christentums aus dem Judentum. Für die geistliche Lektüre ist ihm der gleiche Platz einzuräumen wie etwa der Apokryphen, jenen Schriften der jüdischen Heiligen Schrift, die Luther seiner Bibel angehängt hatte, ohne ihnen kanonischen Rang zuzubilligen. Sie mögen der religiösen Erbauung dienen wie andere Texte geistlichen Inhalts auch.



Natürlich setzt sich, wer derlei Thesen vertritt, schnell dem Vorwurf des Antijudaismus, ja des Antisemitismus aus. Mehrere Kollegen seiner Fakultät an der Humboldt-Universität distanziertensich denn auch entschieden von Slenczka. Die Gegner argumentieren in ihrer Stellungnahme vorwiegend theologisch und der Vorwurf des Antijudaismus/Antisemitismus ist nur zwischen den Zeilen herauszulesen, wenn sie auf die Geschichte der Theologischen Fakultät ihrer Universität hinweisen. Deutlicher wird der Kirchengeschichtler Markschies in einem Beitrag auf Facebook, wo er Slenczka in die Nähe von Nazi-Theologenrückt. Unter dem genannten Link findet man auch weitere, teilweise ähnlich gelagerte Stellungnahmen.
Slenczka wehrt sich gegen den Vorwurf des Antijudaismus und zeigt sich tiefgetroffen davon. Wenn er damit wohl wenig Zustimmung finden dürfte, ist Slenczka dennoch der Ansicht, mit seiner These gerade zum jüdisch-christlichen Dialog einen wichtigen Beitrag zu leisten, indem er sich gegen die christliche Vereinnahmung des Tanach wendet und ihm seine originäre Bedeutung als konstituierendes Dokument des Judentums zurück gibt. Ein Argument, dem man sich nicht gänzlich verschließen kann, sofern man sich einmal von den reflexhaften Reaktionen freimachen kann, die sich unwillkürlich einstellen, wenn von dem belasteten Verhältnis zwischen Judentum und Christentum, Deutschen und Juden die Rede ist.



Die Schwäche von Slenczkas Argumentation liegt in meinen Augen darin, dass er in der äußerst dünnen Luft des Dogmatikers räsoniert. Die Bibel, Altes wie Neues Testament, werden behandelt, als ob sie ein Dokument in Beton gegossener Lehrsätze wäre. Der biblische Kanon wird offenbar verstanden als Sammlung von Lehrinhalten, die konstitutiv für das christliche, resp. das jüdische Selbstverständnis sind. Demgegenüber muss man aber doch die normative/kanonische Bedeutung einer bestimmten Sammlung Heiliger Schriften so verstehen, dass die darin enthaltene Geschichte der Erfahrungen von Menschen mit ihrem Gott identitätsstiftende Bedeutung für eine religiöse Gemeinschaft hat. Darum hat die alte Kirche mit gutem Grund den Tanach in den Kanon ihrer Heiligen Schriften aufgenommen. Ohne die Heilige Schrift des Judentums wäre die christliche Bibel ein kastriertes Buch. Die zentrale Gestalt des Christentums ist der Jude Jesus. Konstitutiv für das christliche Gottesbild ist die Erfahrung des Juden Jesus mit dem Gott Israels. Wenn christliche Theologie ihre Gottesrede nicht unaufhörlich an den Gott des Jesus von Nazareth, der kein anderer als der Gott Israels ist, zurück bindet, dann verrät sie ihren Ursprung. Die große Gefahr von theologischen Entwürfen wie dem von Slenczka ist der Gottesverrat. Wer dem Tanach die normative Bedeutung für die christliche Identität abspricht, der verkündigt nicht mehr den Gott des Jesus von Nazareth.



Natürlich ist mit Blick auf das jüdisch-christliche Verhältnis eine naive oder auch böswillige Vereinnahmung des Tanach durch das Christentum zu kritisieren. Israels Geschichte mit Gott ist nicht die Vorgeschichte des Christentums und sie läuft auch nicht folgerichtig und eingleisig auf Jesus von Nazareth zu, schon gar nicht auf den Christus der Christen. Da besteht eine Spannung und die muss ausgehalten werden. Gott kann damit leben, uns – Juden wie Christen – ist sie als bleibende Aufgabe aufgegeben.