Mittwoch, 5. August 2015

Die Torheit Gottes und der infantile Glaube an einen allmächtigen Gott


Es nahm kein gutes Ende mit Jesus von Nazareth. Man hätte es ihm voraussagen können, und etliche habe das vermutlich auch getan: Am Ende hängst du irgendwo bei Jerusalem an einem Balken und stirbst einen qualvollen Tod, wenn dir nicht irgend eine barmherzige Seele Gift reichen lässt , um dein Leiden abzukürzen. So kam es dann auch.
Und heute, zweitausend Jahre danach, sind zwei gekreuzte Holzbalken das Markenzeichen einer Weltreligion, der größten nebenbei gesagt. Das Holz der Schande wurde zu einem Zeichen der Hoffnung und – gelegentlich mit schwer zu ertragender Überheblichkeit – zu einem Siegeszeichen: Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Sieg! Paulus hingegen spricht von der Torheit des Kreuzes (1Kor 1,18-25).

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.
Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit – oder je nach Perspektive – ein Ärgernis, weil im Kreuz ein Gott Ereignis wird, der alle unsere Vorstellungen von einem allmächtigen Gott konterkariert. Das Kreuz verlangt nach einer Entscheidung. Entweder gilt: Verflucht ist, wer am Holze hängt (Dtn 21,22f), will heißen, der Tod am Kreuz ist Ausweis der absoluten Gottesferne und Gottverlassenheit; oder aber am Kreuz offenbart sich Gott selbst. Wenn aber das zweite stimmt, dann müssen wir unsere Vorstellung von einem allmächtigen Gott wohl überdenken.
Was an sich ja kein so großes Problem sein sollte. Wo begegnen wir denn in unserer Erfahrung einem allmächtigen Gott? Nirgendwo! Und wenn Gott dennoch allmächtig sein sollte, dann ist er ein Willkür-Gott, der seine Allmacht spielen lässt, gerade wie es ihm gefällt. Ein allmächtiger Gott wäre ein Gott nach dem Vorbild alt orientalischer Despoten, ein durch und durch unmoralischer Gott. Die Vorstellung eines allmächtigen Gottes ist nichts weiter als die Projektion menschlicher Allmachtsphantasien und die Sanktionierung menschlicher Herrschaftsansprüche einerseits und die Wunschvorstellung von Generationen von Unterdrückten auf eine ausgleichende Gerechtigkeit andererseits. Wobei selbst ein allmächtiger Gott nur schwer den widerstreitenden Ansprüchen beider Seiten gerecht werden könnte. Und selbst die Gottesvorstellung der griechischen Philosophie, derer sich das Christentum der ersten Jahrhunderte bediente, war nichts weiter als die Abbildung der Herrschaftsverhältnisse ihrer Zeit, die es einem Sozialparasiten wie Plato und seinen Nachfolgern erlaubte, ihre Gedankenspiele zu betreiben, während ein Heer von rechtlosen Frauen, Männern (und Knaben) für die Befriedigung ihrer vitalen Bedürfnisse sorgten.
So hatte auch das Christentum sich sehr bald von der Torheit des Kreuzes verabschiedet und erfolgreich das Holz der Schande mit einem dicken Firniss von Gold und Silber überzogen. Aber selbst jene aus der unmittelbaren Gefolgschaft des Nazareners konnten die Vorstellung von einem gescheiterten Messias und mit ihm eines ohnmächtigen Gottes nicht ertragen. Was immer einige unter ihnen für Erfahrungen mit dem gestorbenen Jesus machten und nachträglich mit dem eschatologischen Hoffnungsbild von der Auferstehung von den Toten deuteten, es geriet ihnen die Auferstehung unter der Hand zu einer nachträglichen Rehabilitierung sowohl Jesu als auch Gottes selbst.
„Auferstehung“ aber ist nicht ein Ereignis, das der Kreuzigung Jesu linear folgt. „Am dritten Tag“ meint nicht eine zeitliche Abfolge. „Am dritten Tag“ verweist vielmehr auf die eschatologische Dimension des Kreuz-Ereignisses selbst. Was immer die ersten Zeugen geglaubt haben mögen, für uns lesen sich die Oster-Erzählungen der Evangelien so, als ob Gott auf Golgatha nur so getan hätte als ob. Und selbst ernstzunehmende Theologen vertreten heute noch die Meinung, Gott habe auf Golgatha nur eben mal um des Menschen willen seiner Allmacht Grenzen auferlegt. Das ist nicht Theologie, das ist kindisch! Eine solche Deutung nimmt Gott nicht ernst und den Menschen schon gar nicht. Das ist so, wie wenn der Vater sich bei einer spielerischen Rauferei mit seinem kleinen Sohn mal besiegen lässt. Dieser Infantilismus ist aber charakteristisch für den Glauben an einen allmächtigen Gott.




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