Sonntag, 27. April 2014

Katholische Schwarmintelligenz


Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx antwortete auf Kritik an der Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII und Johannes Paul II: „Das kommt nicht von oben, sondern von der Verehrung durch die Gläubigen“. In der Tat war die Heiligsprechung von Johannes Paul II durch Papst Franziskus wohl unvermeidbar. Zu laut war das Geschrei der Menge schon bald nach dem Tod des Papstes aus Polen: „Santo Subito!“ Hier kam der Sensus Fidelium, jene katholische Spielart der Schwarmintelligenz vielen in der kirchlichen Hierarchie gerade recht. Immerhin verstand es Papst Franziskus, dem Spektakel seinen eigenen Stempel aufzudrücken: Er hob neben Johannes Paul II kurzerhand auch Johannes XXIII auf den Altar. Wie die beiden so gegensätzlichen Päpste sich allerdings auf ein und dem selben Altar vertragen, bleibt sein Geheimnis.

Eine unselige Heiligsprechung


Heute ist ein guter Tag, aus der Römisch-Katholischen Kirche auszutreten. Allerdings habe ich diesen Schritt nicht schon vor annähernd dreißig Jahren getan. Es wird heute nämlich der Mann in Rom heiliggesprochen, der maßgeblich an dem katastrophalen Zustand die Schuld trägt, in dem sich die Römische Kirche gegenwärtig befindet: Karol Woytila, als Johannes Paul II über sechsundzwanzig Jahre Bischof von Rom und damit Herrscher über etwa 1,2 Milliarden Katholiken weltweit.
Der Mann, in jungen Jahren ein begeisterter Laienschauspieler, fand als Papst die Bühne, auf der er sein Hobby zum Beruf machen konnte. Die Kunst der medial geschickt vermarkteten Selbstinszenierung beherrschte er wie keiner seiner Vorgänger. Man erinnere sich nur an die Bilder, wenn er auf seinen zahllosen Reisen rund um die Welt aus dem Flugzeug stieg und den Boden des Landes küsste, das er betrat. Als ihm dies wegen seiner Krankheit nicht mehr möglich war, hielt man ihm einen Blumentopf mit Erde vor den Mund. Irgendwann erkannten dann wohl seine Medien-Berater die Lächerlichkeit dieser Geste und man verzichtete darauf.
Die Grenzen des guten Geschmacks aber waren zweifellos erreicht, als er sich mit fortschreitender Krankheit immer unverhohlener als zweiter leidender Christus inszenierte. Dass er sein Amt zum Schaden der Kirche in den letzten Jahren seines Pontifikats nicht mehr ausüben konnte, kümmerte ihn offensichtlich nicht. Den von verschiedenen Seiten an ihn herangetragenen Gedanken an einen Rücktritt wies er schroff von sich. Beratungsresistenz zählte zu den heraus stechenden Charakteristika dieses Papstes.
Schwerer aber als seine krankheitsbedingte Unfähigkeit der letzten Jahre wiegen die Maßnahmen während der Jahre, als er noch im Vollbesitz seiner Kräfte war. Die Ausgrenzung lateinamerikanischer Befreiungstheologen wie Leonardo Boff, die Demütigung Ernesto Cardenals vor den Fernsehkameras bei seinem Staatsbesuch in Nicaragua. Nach Kräften förderte dieser Papst die restaurativen Strömungen in der katholischen Kirche. So etwa das sektenähnliche Opus Dei. Dessen Gründer, den spanischen Priester Josemaria Escriva de Balaguer y Albas, der dem Faschisten Franco nahe stand, sprach er heilig. Wie denn überhaupt Heiligsprechungen unter Johannes Paul II inflationäre Ausmaße annahme-. Ebenfalls in der Gunst Johannes Paul II standen die ultra-konservativen Legionäre Christi. Ihr Gründer war Marcial Maciel Degollado, ein mexikanischer Priester, der in verschiedenen Ländern Kinder von mehreren Frauen hatte und dem zahlreiche Missbrauchsfälle mit angehenden Priestern nachgewiesen wurden.
Zu den Lieblingsthemen Johannes Paul II in seinen Reden gehörte die Ehe- und Sexual-Moral. Was Katholiken unter der Bettdecke zu tun und zu lassen hatten, darüber hatte der Papst sehr entschiedene Vorstellungen. Kein Wort aber zu den während seines Pontifikats sich häufenden Missbrauchsfällen von Priestern an Jugendlichen und Kindern. Im Gegenteil: Dieser größte Skandal in der jüngsten Geschichte der Katholischen Kirche wurde systematisch vertuscht und die Schuldigen der Strafverfolgung entzogen. Päderasten konnten sogar Karriere machen in der Kirche Johannes Paul II. Mindestens einer brachte es auf einen prominenten Bischofsstuhl einer deutschsprachigen Erzdiözese.
Natürlich auch konnte man von diesem Papst keine Lockerung des Pflichtzölibat von Priestern erwarten. Heiratswillige Priester aber wurden systematisch aus der Kirche hinaus gedrängt. Auf persönliche Weisung des Papstes wurden Laisierungsgesuche von Priestern über zehn Jahre lang einfach nicht mehr bearbeitet. Wer trotzdem heiratete, war automatisch exkommuniziert. Der durchaus beabsichtigte Nebeneffekt dieser Maßnahme: diesen Männern war jede Möglichkeit versperrt, je wieder eine kirchliche Tätigkeit etwa als Laientheologen auszuüben. Die Betroffenen gehen in die Zehntausende. Da ich selber davon betroffen war, weiß ich, wovon ich spreche.
Die Frage der Zulassung von Frauen zum Weiheamt beendete der Basta-Papst einfach mit einem Verbot, das Thema noch weiter zu diskutieren. Diesem Denkverbot messen nicht nur traditionalistische Kreise in der Römischen Kirche quasi dogmatischen Charakter bei. Ein Beweis dafür, dass der Untertanengeist gewissermaßen genetisch in der katholischen Seele verankert ist.
Dass heute auch Johannes XXIII heiliggesprochen wird, ist schon beinahe peinlich, haben die beiden Männer doch nicht das Geringste gemein. Wenn man Heiligsprechungen schon etwas abgewinnen kann, dann hätte Johannes XXIII eine eigene Feier verdient. So aber verschwindet er im Schatten seines von hunderttausenden Jubel-Katholiken beklatschten Nachfolgers. Und das ist dann schon wieder symbolisch für die Rückwärtsorientierung der Römischen Kirche der verflossenen Jahrzehnte. Kaum jemand erinnert sich noch an Johannes XXIII, der vor gut fünfzig Jahren das Zweite Vatikanische Konzil in Gang brachte. An Beliebtheit kommt er nicht annähernd an an den Papst heran, der aus der Kälte kam und eine neue Eiszeit in der katholischen Kirche einläutete. Der Arme kann nicht einmal auf die zwei Wunder verweisen, die für eine Heiligsprechung erforderlich sind. Papst Franziskus musste ihn eigens von dem zweiten fehlenden Wunder dispensieren. Welche Anmaßung! Vermutlich ist seine Heiligsprechung vor allem der Erleichterung darüber geschuldet, dass er starb, bevor er mit seinem Konzil allzu viel Schaden anrichten konnte. Denn dass das Zweite Vaticanum letztlich eine Totgeburt war, dafür sorgte schon sein unmittelbarer Nachfolger Montini. Beerdigt aber hat den Leichnam Johannes Paul II. Franziskus sorgt jetzt für den Blumenschmuck.