Sonntag, 27. Oktober 2013

Das Reich Gottes ist nahe - ist es das?


Im Mittelpunkt von Jesu Verkündigung steht seine Botschaft von der nahe herbei gekommenen Gottesherrschaft.

Mit „Reich Gottes“ oder „Gottesherrschaft“ oder „Königsherrschaft Gottes“ist weniger ein bestimmter Zustand als vielmehr eine Qualität der Wirklichkeit gemeint. Diese Qualität wird von den Jesus-Leuten und auch von ihm selber eng mit seiner eigenen Person und seinem Wirken verknüpft. „Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes unter euch angekommen“. Besessen im wahrsten Sinne des Wortes vom Geist Gottes tut Jesus das Werk Gottes, indem er Dämonen bannt, Kranke heilt und mit Sündern, Zöllnern und Dirnen das Brot bricht. In seinem und seiner JüngerInnen Handeln, das ist Jesu Überzeugung, ist Gottesherrschaft zum Greifen nahe herbei gekommen.

Einem modernen Verständnis mögen die Begriffe von Herrschaft, Königtum, Reich verdächtig vorkommen. Sie werden nicht unbedingt akzeptabler, wenn sie mit Gott in Verbindung gebracht werden. Der Verweis auf Gott diente und dient nur allzu oft der Legitimierung schwer zu ertragenden menschlicher Herrschaftsverhältnisse. Herrscher aber haben in einem demokratischen Verständnis eine schlechte Presse. Und Könige kommen fast nur noch im Märchen, in Kitschfilmen und Boulevardblättern vor. Man würde deshalb den Satz: Gott herrscht, besser übersetzen: Gott wirkt.


Diese Qualität „Gottesherrschaft“ wird in zahlreichen Bildern und Gleichnissen ausgemalt. Sie ist etwas unendlich Kostbares, das den letzten Einsatz lohnt, wirtschaftlich törichtes Verhalten ebenso wie moralisch fragwürdige Tricks. Seinen ganzen Besitz für eine einzige Perle dran zugeben zeugt nicht gerade von großem ökonomischem Verstand. Einen Acker zu kaufen und dabei zu verschweigen, dass er einen kostbaren Schatz birgt, ist nicht die feine Handelsart.

Das Reich Gottes lässt sich aber auch vergleichen mit Dingen, die nach allgemeiner Meinung von durchaus fragwürdiger Qualität sind. Mit dem Senfkorn etwa, einem unscheinbaren Sämchen, das zu einem großen Strauch heranwächst, in dem die Vögel wohnen, die die Saat des Bauern auf picken. Oder mit dem Unkraut im Weizen. Für den, der schon alles hat, ist das Reich Gottes unerreichbar, den Habenichtsen und Pennern gehört es.

Wer fragt:“Ist es hier oder dort?“, der hat es schon verfehlt, und auf die Frage:“Wann kommt es denn nun wirklich?“, gibt es keine Antwort. Denn das „Ende der Zeiten“ darf man nicht linear verstehen. Es ist jetzt und jetzt ist jederzeit. Der „Menschensohn“ erscheint nicht irgendwann zum Gericht. Vielmehr entscheidet sich jetzt, was Mensch sein wert ist.

Obwohl der jüdische Mythos vom Reich Gottes dem Bereich des Politischen entstammt, verwendet Jesus kaum politische Bilder, wenn er vom Reich Gottes spricht. Seine Bilder entstammen der Natur, aus der Vorstellungswelt der Bauern und Landarbeiter oder aus dem Bereich der Familie. Vorstellungen von einer 'politischen' Ordnung scheinen Jesus relativ gleichgültig zu sein. Wo er mit ihr konfrontiert wird, reagiert er vergleichsweise abschätzig wie bei der Frage nach der Steuer. Bei anderen Gelegenheiten entwirft er ein quasi anarchisches Gegenmodell, etwa wenn es um die Rechtsprechung geht: Wenn einer den Mantel von dir fordert, gib ihm auch das Hemd. Wenn einer der römischen Besatzungssoldaten dich unterwegs aufgreift und dich zwingt, sein Gepäck eine halbe Meile weit zu schleppen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die linke hin.

Das Familienmodell ist auch vielmehr ein Anti-Modell. Der Hausherr bedient die Gäste, wäscht ihnen gar die Füße. Kinder haben ein Anrecht auf das Reich Gottes und auch die Frauen. Ehrbarkeit ist mitnichten erforderlich. Es gilt das Prinzip der geschwisterlichen Gleichheit unter der Obhut eines fürsorglichen Vaters im Himmel.

Die Schaffung solcher „Strukturen“ ist allerdings nicht gleichzusetzen mit der „Verwirklichung des Reiches Gottes“. Denn das „Reich Gottes“ hat weder einen fest umrissenen Ort, an dem es lokalisiert werden könnte, noch lässt sich ein Zeitpunkt bestimmen, wo man sagen könnte: „Jetzt ist es da!“ „Reich Gottes“ hat keine Substanz. „Reich Gottes“ ist Ereignis, wo immer Menschen im Namen und in der Kraft Jesu tun, was er getan hat: Dämonen austreiben, Kranke heilen, Blinde sehend machen, Gebeugte aufrichten ...

Freitag, 25. Oktober 2013

Wenn wir GOTT sagen


Wenn wir GOTT sagen, reden wir von uns. Wenn wir so von uns reden, reden wir eigentlich von uns und GOTT wird Ereignis in unserer Rede. Das ist der Sinn hinter der Metapher vom Wort Gottes. Gott spricht nicht, wir sprechen und in unserer Rede entbirgt/verbirgt sich GOTT. GOTT läßt sich nicht feststellen, auch nicht im Wort Gottes. GOTT ist flüchtig. Das sei all den Wort-Gottes-Fetischisten gesagt, die meinen, sie hielten GOTT zwischen den Buchdeckeln der Bibel gefangen.

Montag, 14. Oktober 2013

Das Vater unser unter Verdacht - Eine Satire


Bei all der Aufregung um den Luxus verliebten Limburger Bischof Tebartz-van Elst ist eine andere Nachricht beinahe untergegangen. Wie gerüchtweise zu vernehmen ist, hat sich auf Anregung des Bundesinnenministeriums eine interministerielle Arbeitsgruppe gebildet. Ihre Aufgabe, den Text des Vater unser auf seine Verfassungskonformität zu untersuchen. Ein Zusammenhang mit den bekannt gewordenen Abhörpraktiken amerikanischer und britischer Geheimdienste wird zwar in Abrede gestellt, Experten vermuten allerdings, dass der Text irgendwo in einem der engmaschigen Netze der IT-Spione gewissermaßen als Beifang hängen geblieben ist und einige Alarmglocken zum Schrillen brachte.
Immerhin stufen Mitarbeiter des Innenministeriums schon einen der ersten Sätze dieses bekannten Gebetes als höchst verdächtig ein. Die Bitte Dein Reich komme könne man nur schwer als harmlos bezeichnen. Vielmehr werde hier ganz offen die Errichtung eines Gottesstaates propagiert. Einige Pfarrer beider Konfessionen wunderten sich schon über eine bemerkenswerte Zunahme der Gottesdienstbesucher. Die Vermutung, es könnte sich hierbei um V-Leute des Verfassungsschutzes handeln, ist nicht von der Hand zu weisen.
Das Sozial- und Arbeitsministerium wiederum ist äußerst besorgt wegen der Bitte Unser tägliches Brot gib uns heute. Wer es sich in der Hängematte des Gottvertrauens bequem mache, sei nur schwer in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Im Finanzministerium vermutet man hinter dieser wirklichkeitsfremden Bitte allerdings die handfeste Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Regelrecht empört aber ist man dort über etwas anderes. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldnern habe ganz eindeutig einen Schuldenerlass für die hoch verschuldeten Südeuropäer im Sinn. Damit verunsichere man die Märkte und mache alle Bemühungen um eine Stabilisierung des Euro zunichte.
Unbehaglich wird es der Union, wenn sie den Satz liest: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von der Bösen. Man sieht darin eine Warnung an die Adresse der SPD vor einer Großen Koalition und ein Plädoyer für eine rot-rot-grüne Koalition. Natürlich stecke Die Linke hinter diesem Manöver, glaubt der Generalsekretär der CSU.
Auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz bemühte sich der gegenwärtig in Rom weilende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz die Wogen zu glätten. Er musste zwar zugeben, dass der verdächtige Text höchstwahrscheinlich von einem rechtskräftig verurteilten Aufrührer aus Galiläa stamme. Das liege aber mittlerweile schon zweitausend Jahre zurück. Auch wenn der Text sich seitdem größter Beliebtheit bei Millionen von Christen erfreue, habe er an den herrschenden Verhältnissen in all den Jahrhunderten nicht das Geringste geändert. Und das werde auch in Zukunft so bleiben, fügte der Erzbischof mit seinem berühmten Lächeln hinzu. Ähnlich äußerte sich auch der Vorsitzende der EKD am Rande einer Tagung im Schwarzwald.