Donnerstag, 12. September 2013

Das Ende des Messias


Das Messiasbekenntnis des Petrus gefolgt von Jesu Leidensankündigung (Mk 8,27-33) macht allen Messiaserwartungen, die mit einer konkreten menschlichen Gestalt verknüpft werden, ein Ende. Hier die Messiasgestalt, dort der leidende Mensch(ensohn). Am Schicksal Jesu wird exemplarisch deutlich, was das Judentum mit allen seinen Messiasgestalten erlebt hat: sie produzieren ihren eigenen Untergang und Entäuschung und Leid für ihr Volk. Wo ein Messias erscheint, ist das Unglück nicht fern, denn am Messias müssen alle unsere Erwartungen scheitern.
Keiner rückt das messianische Drama in ein grelleres Licht als Markus. Dem enthusiastischen Messiasbekenntnis des Petrus setzt Jesus sein Wort vom leidenden Menschensohn entgegen und – als Petrus nicht verstehen will – die harsche Zurechtweisung: „Hinter mich, Satan!“ Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob hier real-historische Begebenheiten berichtet werden. Das ist markinische Theologie. Eine Theologie, die schwer zu akzeptieren ist, für Juden wie für Christen. Die Juden sind sich einig in ihrer Ablehnung eines Messias, der leiden muss. Ein Messias, der scheitert, kann nur ein falscher Messias sein. Die Christen haben sich irgendwie um das Problem herum gemogelt: „Musste der Messias nicht leiden, um in seine Herrlichkeit einzugehen?“ (Lk 24,26). Sie suchen und finden in den Heiligen Schriften Israels den Beleg dafür, dass ein leidender Messias eben doch der wahre Messias ist. Lukas mit seiner Emmaus-Geschichte bringt diese Überzeugung auf den Punkt (Lk 24,13-35). Die Theologie des Lukas lässt sich in dem Satz zusammenfassen: The Show must go on! Die Theologie des Markus gipfelt in dem Bekenntnis des römischen Hauptmanns unter dem Kreuz: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Mk 15,39“. Dies, nachdem Jesus mit einem lauten Schrei gestorben ist (Mk 15,37).
Das ist schwer zu verdauen für Juden wie für Christen. Aber darüber miteinander zu streiten, würde sich lohnen, denn hinter der Messiasfrage lauert die Gottesfrage. Wie müssten wir – Juden wie Christen - denn Gott denken, wenn der Messias Gottes in Wirklichkeit der leidende Mensch(ensohn) wäre?Denn wenn wir auch von Gott sehr unterschiedliche Vorstellungen und eine schreckliche Geschichte miteinander hinter uns haben, so bekennen wir doch – Juden wie Christen - den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Ja, als Christen halten wir im Unterschied zu den Juden daran fest, dass der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs auch der Gott des Jesus von Nazareth ist, der mit einem lauten Schrei am Kreuz gestorben ist. Das ist und bleibt ein Stolperstein neben unserer schrecklichen gemeinsamen Geschichte.
In Wirklichkeit ist dies der größte Stolperstein, größer noch als die Tatsache, dass Christen diesen Jesus schon sehr bald in einer Nähe zu Gott gesehen haben, die für Juden inakzeptabel ist. Aber, der Messias, der mit einem lauten Schrei am Kreuz gestorben ist, könnte zu einer Herausforderung für beide, für Juden wie für Christen werden. Könnte es denn nicht sein, dass der Messias Gottes schon unter uns weilt, verborgen im leidenden Menschen? „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11, 2-6).