Sonntag, 2. Dezember 2012

Jesus, der Christus


In meinem vorangegangenen Beitrag habe ich dafür plädiert, nicht einfach von Jesus Christus, sondern von Jesus, dem Christus zu sprechen. Verstärkt gilt das für die (schlechte) Angewohnheit, den Eigennamen Jesus überhaupt wegzulassen und sich auf Christus allein zu beschränken. Solche Rede ist besonders in lehramtlichen Aussagen beliebt, bei denen sich jede kritische Nachfrage verbietet.
Jesus Christus ist zu so etwas wie einem Glaubensobjekt erstarrt. Zustimmung oder Ablehnung entscheidet, ob sich jemand einer Glaubensgemeinschaft zurechnen darf oder nicht. Was wiederum über Heil oder Unheil, oder anders gesagt, über gelingendes oder verfehltes Menschsein entscheidet. Jesus, der Christus, verlangt geradezu nach einer Nachfrage. Jesus, der Christus, lässt das Fragezeichen am Ende zu. Fordert es geradezu heraus. Bist Du derjenige, oder sollen wir auf einen anderen warten?
Jesus der Christus steht für eine Vision, die Vision einer.Umgestaltung der Wirklichkeit jenseits jeglicher Vorstellung, für einen neuen Himmel und eine neue Erde, um ein etwas hilfloses Bild zu gebrauchen. Aber diese Vision reibt sich ununterbrochen mit der erlebten Wirklichkeit. Die Frage bleibt ständig präsent: Bist Du derjenige ....? Die Herausforderung für den Glauben besteht darin, die Vision nicht mit der Realität zu verwechseln und vorschnell zu verklären, aber auch, die Vision nicht als Illusion abzutun. Weshalb ich meine, dass die unentwegte Rückfrage nach dem realen Jesus von Nazareth so wichtig ist, so ungewiss das Wenige, was wir von ihm wissen können, auch ist. In seinem Schicksal spiegelt sich ja gerade dieser unaufhebbare Widerstreit von Realität und Vision. Womit Jesus, der Christus, genau zu dem Symbol wird, diesen Widerstreit auszuhalten.