Sonntag, 23. September 2012

War Jesus verheiratet?


Die Frage beschäftigte vor einigen Tagen für ungefähr 48 Stunden die Medien.War er? Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Man weiss es nicht.
Doch der Reihe nach. Karen King, einer Historikerin von der Harvard Divinity School und Spezialistin für frühchristliche Zeugnisse, war von einem anonymen Sammler ein Fetzchen Papyrus von der Grösse einer Visitenkarte zugespielt worden. Darauf befinden sich, stark beschädigt, einige wenige Bruchstücke eines Dialogs, wahrscheinlich zwischen Jesus und seinen Jüngern, in koptischer Sprache. Darin spricht Jesus über seine Mutter und seine Ehefrau. Eine von beiden wird Maria genannt. Welche gemeint ist, bleibt unklar. King ist der Meinung, dass sich der Name Maria eher auf die Maria aus Magdala bezieht als auf Jesu Mutter. Es geht um die Frage, ob besagte Maria würdig sei, Jesu Schülerin zu sein, was Jesus offenbar bejaht. Jesus sagt, dass er mit ihr, Maria (seiner Ehefrau?) zusammen sei oder „existiere“ und spricht dabei von einem Bild/Abbild. Gemeint könnte sein, einem Bild für die ideale Jüngerschaft.
Das fragliche Fragment ist Teil eines Codex in koptischer Sprache aus dem 4. Jahrhundert u.Z. King geht davon aus, dass es sich dabei um eine Übersezung aus einem ursprünglich griechisch verfassten Evangelium aus dem zweiten Jahrhundert u.Z. handeln dürfte. King nennt es Evangelium der Ehefrau Jesu. In Frage steht natürlich immer noch, ob das Fragment echt oder einfach eine Fälschung ist. Mehrere Experten bezeugen seine Echtheit, zumindest einer aber scheint diese anzuzweifeln. Die Untersuchungen gehen weiter. Nicht restlos geklärt ist auch, wo das Fragment ursprünglich herstammt. Der gegenwärtige Besitzer will anonym bleiben und hat es offenbar aus dritter Hand erworben.
Wie auch Professor King betont, sagt der Text nichts darüber aus, ob Jesus von Nazareth wirklich verheiratet war. Er bezeugt lediglich, dass es im zweiten Jahrhundert u.Z. in Kreisen dissidenter Jesus-Gruppen eine Diskussion darüber gab, ob Jesus unverheiratet gewesen war oder eine Ehefrau (Maria von Magdala?) gehabt habe. Man muss diese Diskussion im Zusammenhang mit der Frage sehen, welchen Stellenwert, Sexualität, Ehe, Frauen und Männer für Christen besassen. Es gab in dieser Frage unter den verschiedenen Gruppierungen ein breites Spektrum von Meinungen. Von einer ausgesprochenen Sexualfeindlichkeit, die einherging mit einer Abwertung von Frauen bis hin zur Idealisierung der Ehe als die vollkommene Form der Nachfolge lassen sich für jede Position Belege finden. Bekannt ist die Position des Paulus, der die Ehelosigkeit zwar als Ideal ansah, die Ehe aber als Mittel zur Beherrschung der sexuellen Begierde empfahl. Gemeinsam war allen diesen Positionen, dass die Überwindung der Leidenschaften, auch der sexuellen, ein unaufgebbares geistliches Ziel darstellte.
Grob vereinfachend kann man sagen, dass sich in den darauffolgenden Jahrhunderte die Position des Paulus durchsetzte. Die Ehelosigkeit war das Ideal, die Ehe hatte ihren Wert in der Produktion von Nachwuchs für das Gottesvolk und der Zähmung der Leidenschaften. Das Ideal für den Mann war, seiner Frau einzig zum Zweck der Fortpflanzung beizuwohnen, möglichst ohne dabei irgendwelche Lust zu empfinden. Auf die Lust der Frau verwendeten die Herren Theologen keinerlei Gedanken. Ihre Erfüllunge bestand, wenn sie schon nicht als Jungfrau leben konnte, ihrem Gatten gehorsam zu sein und Kinder auszutragen. Das Ideal der Ehelosigkeit wurde dabei stets mit dem Hinweis auf die Ehelosigkeit Jesu begründet.
In diesem Zusammenhang ist es durchaus interessant, wenn im vorliegenden Fragment aus dem mutmasslichen Evangelium der Ehefrau Jesu im Zusammenhang mit der Jüngerschaft von einem verheirateten Jesus die Rede ist. Es würde dies für eine ganz andere Spiritualität sprechen, die den Menschen als Mann und Frau in ihrer auch sexuellen Bezogenheit aufeinander als Modell der Nachfolge würdigen würde. Ich würde aber noch einen Schritt weiter gehen. Das Bild von einem verheirateten Jesus, unabhängig von der historischen Wahrscheinlichkeit, würde es auch erlauben, die Menschwerdung Gottes grösser zu denken. Wenn Gott gegenwärtig wird in einem Jesus, der mit einer Frau, nennen wir sie Maria aus Magdala, verheiratet ist, dann wird er gegenwärtig in einem Paar von Mann und Frau und wird so endlich ganz Mensch. Ich entdecke dieses Bemühen, Gottes unvollendete Menschwerdung an ihr Ziel gelangen zu lassen, auch in den verschiedenen anderen Spruchevangelien, die Maria aus Magdala zur besonderen Vertrauten Jesu machen. Dazu zählen das Thomasevangelium, das Evangelium der Maria und das Philippusevangelium.
Einen Vorabdruck des einschlägigen Beitrags von Karen King in der Harvard Theological Review finden sie als PDF unter diesem Link

Samstag, 8. September 2012

Vor Nachahmung wird gewarnt (Mk 7, 31-37)


Die Leute bringen einen Menschen zu Jesus, der taub ist und nur unverständlich lallen kann. Und sie bestürmen ihn, dass er ihm die Hand auflege.
Jesus nimmt ihn von der Menge weg für sich allein. Er stößt ihm seine Finger in die Ohren und berührt seine Zunge mit Speichel. Er blickt zum Himmel auf, seufzt und sagt zu ihm: Effata, das bedeutet: werde geöffnet.
Sofort wurden seine Ohren geöffnet und gelöst wurde die Fessel seiner Zunge, und von da an redete er immer richtig.
Wie die Staatsanwaltschaft von N. auf Nachfrage mitteilte, hat ein Arzt gegen den Pfarrer seiner Gemeinde Strafanzeige wegen Aufforderung zu einer Straftat gestellt.
Der Pfarrer hatte in einem Gottesdienst den obigen Text aus dem Markusevangelium vorgelesen. In seiner Predigt, so der Arzt, habe er es versäumt, auf die Gefährlichkeit des Handelns dieses Jesus hinzuweisen. Das Einbringen von Gegenständen in das menschliche Ohr könne zu irreversiblen Schäden führen und dürfe nur von medizinisch geschultem Personal durchgeführt werden.
Überdies sei die angeblich heilsame Wirkung von Speichel in mehreren Untersuchungen widerlegt worden. Der menschliche Speichel enthalte im Gegenteil eine hohe Anzahl höchst aggressiver Bakterien, die zu schweren Infektionen führen könnten.
Auch sei das Handeln dieses Jesus als Angriff auf die körperliche Versehrtheit des Kranken einzustufen, da sich dieser wegen seiner Sprachbehinderung nicht habe artikulieren können. Die Sprecherin der Staatsanwalt meinte allerdings, vermutlich werde der Pfarrer mit einer Verwarnung davonkommen, da er in einem Verbotsirrtum gehandelt habe.
Die Bundesregierung hat die Ethik-Kommision gebeten, eine Stellungnahme zu dem Vorfall abzugeben. Sie empfiehlt, bis zur Klärung des Sachverhaltes auf die öffentliche Verlesung medizinisch fragwürdiger Texte aus der Bibel zu verzichten.

Gottesspuren oder die Bescheidenheit der Gottesrede


Die Gottesrede ist in die Krise geraten. Sie war ihrer selbst zu sicher, gab sich allwissend und unfehlbar. Sie gab vor, das innerste Geheimnis der Gottheit zu begreifen und benutzte das Wort GOTT doch allzuoft nur, um die Herrschaftsansprüche der Mächtigen zu zementieren. Sie hat Gott in Geiselhaft genommen und er hat es nicht überlebt. Man kann das vielzitierte Wort Nietzsches, „Wir haben Gott getötet“, auch in diesem Sinn verstehen.
Wir wissen nicht, wer Gott ist. So können wir zum Glück auch nicht wissen, ob er tot ist! Wir hoffen, dass er (noch) lebt. Wenn wir von Gott reden, dann reden wir von uns. Von unserer Hoffnung, dass er lebt. Und ist es nicht sonderbar, dass selbst jene, die seinen Tod verkünden, nicht aufhören können, von ihm zu reden? Gleichviel ob wir davon sprechen, dass er leben möge oder ob wir seinen Tod verkünden, solange das Wort GOTT noch vorkommt in unserer Rede, ist immerhin noch eine Spur Gottes in unserer Wirklichkeit zu erkennen.
Darin aber besteht der Sinn der Gottesrede, dass wir seine Spuren aufspüren. Unser Reden von Gott muss eine neue Bescheidenheit lernen. Es muss sich damit zufrieden geben, dass das, was es aussagt, nicht mehr ist als eine Gottesspur.