Donnerstag, 26. April 2012

Minimalismus - Niemand kann zwei Herren dienen

Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird sich dem einen unterwerfen und den anderen verachten (Lk/Q 16,13).
Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. (Gen 1, 26).
Die Würde des Menschen ist unantastbar (Art 1,1 dt. Grundgesetz)


Eine wirksame Methode, Arbeitnehmer unmerklich, aber sicher, in den Wahnsinn zu treiben, ist das Multitasking. Befürwortet wird die Methode besonders von jenen dynamischen Anzugs- und Krawatten-Typen mit den glatt rasierten Jungengesichtern, die in Betrieben die Taktgeber auf den römischen Galeeren ersetzt haben.


Gemeint ist damit die Fähigkeit von Menschen, mehrere Tätigkeiten mehr oder weniger gleichzeitig auszuführen; zum Beispiel E-Mails schreiben mit dem Telefonhörer am Ohr und dem Text der neuesten Arbeitsanweisung auf dem Bildschirm. Ein Zyniker meinte allerdings einmal, wer Multitasking betreibe, sei bloß nicht in der Lage, seine Tätigkeiten richtig zu organisieren.


Entlarvend ist die Herkunft des Begriffs Multitasking. Er bezeichnet ursprünglich die Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere Operationen gleichzeitig oder so kurz hintereinander auszuführen, dass der Eindruck der Gleichzeitigkeit entsteht. Der Mensch als Abbild des Computers? Wir brauchen dringend eine neue Theologie der Befreiung für die modernen Sklaven der postindustriellen Gesellschaft. Sie könnte schon einmal damit beginnen, einige der gängigen Schlüsselworte unseres Wirtschaftssystems zu hinterfragen, dekonstruieren nennt man das heute.

Mittwoch, 25. April 2012

Minimalismus - Downsizing

 
Ein Schlagwort der Minimalismus-Bewegung heißt Downsizing, Reduzieren auf das Notwendige, auf alles Überflüssige verzichten. Das ist mehr als Entrümpeln und sich von den Dingen trennen, die man schon lange nicht mehr benutzt. Downsizing ist ein spiritueller Prozess, der einen zu erstaunlichen Erkenntnissen bringen kann. Man entdeckt dabei nämlich, auf manchmal recht schmerzliche Weise, woran das Herz wirklich hängt.

Die Jesusüberlieferung hat dafür ein ziemlich radikales Rezept:
Müllt euch nicht zu mit allerlei Zeug, das doch nur Staub und Rost ansetzt, oder mit Besitz, den man euch stehlen kann. Vielmehr findet heraus, was euer Herz reich macht macht. Den Reichtum des Herzens kann man euch nicht nehmen und wo euer Schatz ist, dort wird auch euer Herz sein. (vgl. Lk/Q 12,33f; MT 6,19-21; Thomas 76).

Und gibt auch gleich ein Beispiel, wohin gelungenes Downsizing führen kann:
Mit dem Himmelreich verhält es sich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle gefunden hatte, verkaufte er alles, was er besaß und kaufte die Perle. (Mt 13, 45f).

Dienstag, 24. April 2012

Minimalismus - einfach leben


Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen sollt und nicht um euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als Nahrung und der Leib mehr als Kleidung? Seht euch die Raben an: Sie säen nicht, und sie ernten nicht und sammeln in keine Scheunen, und Gott ernährt sie doch. Seid ihr nicht besser als die Vögel? Und wer von euch kann durch seine Sorge die Spanne seines Lebens verlängern? Und was sorgt ihr euch um Kleidung? Seht auf die Lilien, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und sie spinnen nicht. Ich sage euch: Noch nicht einmal Salomo in all seiner Herrlichkeit war gekleidet wie eine von ihnen. (Lk/Q 12, 22-27).



Diese Story aus Jesu Mund ist tückisch. Besonders wenn man sie an der Stelle enden lässt, wo ich es getan habe. So liest sie sich wie das Plädoyer für ein verantwortungsloses In-den-Tag-hinein-leben. Der Pfarrer, der seine Gemeinde am Sonntag bepredigen muss, ist froh, dass da noch was nachkommt. Richtig: Gott sorgt für uns! Da kennt er sich aus und die Worte kommen ihm leicht über die Lippen. Allerdings, wenn er fair ist, wird er auch ein paar Worte darüber verlieren, dass diese Sorge Gottes gelegentlich in seltsamer Verkleidung daher kommt. Der evangelische Pfarrer ist hier eindeutig im Vorteil. Er weiß, was die Klamotten für seine Kids kosten. Für die Kinder des katholischen Kollegen sorgt in der Regel  Gott. Aber das ist eine andere Geschichte.


Aber man gerät leicht auf eine falsche Fährte, wenn man sich an der Frage nach dem all-sorgenden Vater im Himmel festbeisst. Es geht in dieser Geschichte um Raben und Lilien. Und es geht um Leben. Die Raben leben einfach; die Lilien leben einfach. Leben ist das Schlüsselwort in der Geschichte. Es geht darum, das Leben zu nehmen (Bert Hellinger). Es ist das größte und das grundlegende Geschenk, das uns gegeben ist. Wer sich in Sorgen verzehrt um Essen und Kleidung und all die anderen Dinge des Alltags, der kommt gar nicht mehr dazu zu leben. Er verpasst das Heute, weil er ständig in Sorge um das Morgen ist. Leben aber kann man nur im Jetzt. Und darum kann man Jesu Geschichte auf den Punkt bringen: einfach leben, um einfach zu leben. Nicht, dass mir dies auch nur ansatzweise gelingen würde.

Sonntag, 22. April 2012

Minimalismus - die eschatologische Herausforderung


Minimalismus als Lebensstil ist keineswegs von heute. Minimalistische Bewegungen gab es zu allen Zeiten. Fast jeder kennt den Griechen Diogenes von Sinope in seinem sprichwörtlichen Fass. Er war ein Vertreter der Kyniker, einer philosophischen Richtung aus dem 5. Jahrhundert v.u.Z.. Das kynische Ideal war Bedürfnislosigkeit und Natürlichkeit. Kyniker verachteten Besitz und für gesellschaftliche Konventionen wie zum Beispiel Scham hatten sie nur beißenden Spott übrig. Ganz bewusst legten sie es durch Auftreten und Rede darauf an, ihre Umgebung zu provozieren. 
 
Minimalistisch waren die Armutsbewegungen, die im Mittelalter halb Europa überzogen und in Unruhe versetzten. Sie waren ein Protest gegen die satte Selbstgenügsamkeit und Überheblichkeit des höheren Klerus und die soziale Gefühllosigkeit des aufkommenden Bürgertums. Das reiche und verwöhnte Bürgersöhnchen Giovanni Battista Bernardone, genannt Francesco, aus Assisi war einer dieser sogenannten Pauperes und Begründer der Minderbrüder, besser bekannt als Franziskaner. Francesco wollte das Evangelium in kompromissloser Radikalität leben und so dem armen und leidenden Jesus nachfolgen, bis er ihm am Ende seines Lebens derart ähnlich wurde, dass sich die Wundmale Jesu an seinem Körper zeigten. 
 
Jesus von Nazareth und die frühe Jesusbewegung, wie sie sich etwa im Spruchevangelium darstellt, ist zweifellos eine minimalistische Bewegung. Diogenes von Sinope lebte immerhin noch in einem Fass, Jesus von Nazareth aber behauptet von sich, er hätte nicht einmal einen Ort, wo er sich zum Schlafen hinlegen könne ((Lk/Q 9,57-60). Und er warnt denjenigen, der sich ihm anschließen will, dass ihn dann das gleiche Schicksal erwarte. Wie Jesus seine GenossInen auf den Weg schickt, erinnert stark an die Auftritte der antiken Kyniker: „Tragt keine Geldbörse, keinen Rucksack, keine Sandalen, keinen Stock und grüßt niemand unterwegs.“ (Lk/Q 10,4). 
 
Die Pietät des Sohnes seinen Eltern gegenüber gilt nicht mehr, wenn man sich Jesus anschließen will: „Folge mir“, befiehlt Jesus einem Nachfolge willigen, der zuerst noch seinen Vater beerdigen will: „und lass die Toten ihre Toten begraben.“ (Lk/Q 9,60). 
 
Als Anlageberater und Vorsorgespezialist kann man Jesus nicht empfehlen. Er predigt eine geradezu unverantwortliche Sorglosigkeit. Statt sich um ein einträgliches Auskommen zu bemühen, sollen wir uns an den Raben orientieren, die keine Vorräte anlegen und an den Lilien, die nicht spinnen (Lk/Q 12, 24.27). Übersetzt: „Riestert nicht und verbrennt eure Bausparverträge, denn wer auf diese Steine baut, baut sein Haus auf Sand.“ Er selbst lässt sich unbekümmert von begüterten Frauen unter seinen Anhängern aushalten.

Der Minimalismus Jesu ist radikal und kompromisslos. Er soll provozieren und schockieren. Er soll allgemein akzeptierte Verhaltensmuster und Wertvorstellungen in Frage stellen und damit den Blick frei machen auf eine tiefere Dimension der Wirklichkeit, die Wirklichkeit, die Jesus Gottesherrschaft nennt. Gemessen an dieser Wirklichkeit ist in Jesu Augen alles andere schlicht Schrott. Das ist schwer zu akzeptieren und noch schwerer zu realisieren. Dabei geht es keineswegs darum, Jesu Anweisungen sklavisch zu kopieren. Wer sich von Jesu minimalistischer Sichtweise inspirieren lässt, wird seine eigene minimalistische Lebensform finden müssen. Nachfolge Jesus heißt nicht, Jesus zu kopieren. Es heißt ja auch nicht: „Wer mir nachfolgen will, nehme mein Kreuz auf sich.“ Es heißt: „Wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich.“(LK 14,27). 
 
Jesuanischer Minimalismus ist weder Askese noch ein spirituelles Fitnessprogramm. Jesuanischer Minimalismus soll durch seine Kompromisslosigkeit die radikale Andersheit Gottes in den real existierenden Verhältnissen einer konkreten Gesellschaft sichtbar machen. Jesuanischer Minimalismus ist Teil der sich fortwährend ereignenden Menschwerdung Gottes.

Mittwoch, 18. April 2012

Minimalismus - der neue Lifestyle


Von Amerika schwappt ein neuer Trend zu uns herüber. Minimalism ist das neue Schlagwort. Was bis vor kurzem eine nordamerikanische Stilrichtung in der bildenden Kunst , Architektur und Musik bezeichnete und auf einen einfachen Nenner gebracht für eine Reduktion auf klare Grundstrukturen stand , hat eine sehr viel breitere Bedeutung bekommen. Minimalismus steht „für einen Lebensstil, der sich als Alternative zur konsumorientierten Überflussgesellschaft sieht. Seine Anhänger versuchen, durch Konsumverzicht Alltagszwängen entgegenzuwirken und dadurch ein selbstbestimmteres, erfüllteres Leben zu führen.“(WIKIPEDIA
 
Inzwischen finden sich im Web eine Menge Blogs, überwiegend aus dem englischsprachigen Raum, die den neuen Trend thematisieren. Das Stichwort Minimalism als Lifestyle,bei Google eingegeben, listet 1.150.000 Einträge auf. Auffallend dabei ist, wie viele junge Menschen, Männer und Frauen in den Zwanzigern und anfangs Dreißig, die Lust am Leben mit einem Minimum an Dingen für sich entdecken. Eine Matratze am Boden, kahle Wände ...

Einer der Gurus der neuen Bewegung, im übrigen ein erfolgreicher IT-Spezialist, kommt sogar ohne Wohnung aus. Seine einzigen Habseligkeiten: Notebook, iPod, Kindle ...Im wahrsten Sinne ein Diogenes des IT-Zeitalters. Überhaupt fällt auf: der Minimalist ist überwiegend im Web unterwegs. Er bloggt, was das Zeug hält, seine Habseligkeiten sind, soweit möglich digitalisiert und auf einer externen Festplatte oder noch besser auf einem Server untergebracht. Seine sozialen Beziehungen bemessen sich in Bytes und Bits. Man trifft sich bei Facebook oder Twitter.

Der neuen Bewegung haftet ein durchaus gesellschaftskritischer Zug an. Sie wendet sich gegen ein System, das nur funktioniert, wenn wir alle immer mehr konsumieren. Wachstum ist der Motor, der unsere Welt antreibt. Dass wir dabei langsam aber sicher immer mehr unserer Lebensgrundlagen zerstören und innerlich ärmer werden, je mehr Dinge wir anhäufen, treibt diese Menschen an, sich entschieden von allem Überflüssigen zu befreien. 

Mir kommt dabei der Minimalist Jesus von Nazareth in den Sinn, der auch kein Dach über dem Kopf hatte. Was sagte er doch, als er seine SchülerInnen auf den Weg schickte: Nehmt nichts mit auf den Weg außer einem Smartphone und einem Tablet. Und wenn ihr twittert, dann tippt: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.

Dienstag, 17. April 2012

Wenn wir von Gott reden...


reden wir von unserer Hoffnung, unserer Zuversicht, unserer Angst, unserer Verzweiflung. Wenn wir von Gott reden, vertrauen wir darauf, dass Gott sich in unserem Wort Ereignis wird. Das ist im übrigen auch der Sinn, wenn wir von der Heiligen Schrift oder dem Koran als dem Wort Gottes sprechen.

Samstag, 7. April 2012

Die Wirklichkeit des Göttlichen


Ich habe in meinen Notizbüchern vergangener Jahre geblättert und einen Text aus dem Jahr 1999 gefunden. Er gefällt mir immer noch:

Es ist beruhigend und erschreckend zugleich, um die Wirklichkeit des Göttlichen zu wissen. Beruhigend, wenn das Göttliche sich in den von der jeweiligen religiösen oder spirituellen Tradition geprägten und sanktionierten Bildern zeigt, oder einlädt, ihm diese Bilder überzustülpen. Beunruhigend, wenn es diese Bilder zu sprengen droht. Wenn Licht und Schatten sich vermischen, wenn die Grenzen zu verschwimmen drohen, wenn die göttliche 'Seele' und die 'Seele' der gewordenen Wirklichkeit ineinander fließen. Wenn ich nicht mehr weiß, wo ende ich und wo die Gottheit beginnt.

Und doch verspricht das Ahnen darum, dass alles Seiende vom Göttlichen durchpulst wird, unendliche Geborgenheit in aller Verunsicherung. Die Probleme des Ego schrumpfen. Das Dunkel der eigenen Seele ist leichter zu ertragen, vermittelt sich einem doch zumindest die Ahnung, selbst in ihm könnte ein Funke des Göttlichen enthalten sein.

Wie das Göttliche sich uns zeigt, sagt mehr darüber aus, was wir zu fassen vermögen als über das Wesen der Gottheit selbst. Ob Jahwe, Elohim, Allah; ob der Allmächtige, die nährende oder die furchtbare Mutter, der eifersüchtige Gott oder der allbarmherzige Vater: es sind stets Entsprechungen unserer Bedürfnisse und unseres Vermögens, Bruchstücke des Göttlichen zu erfahren, mehr nicht.

Und doch ist es bedenkenswert, wie das Göttliche von uns jeweils wahrgenommen wird. Nicht dass dadurch aus Theologie nun Psychologie würde. Meine jeweilige 'Gotteserfahrung' hat wohl ihre Entsprechung in der Gottheit selbst. Wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einem bestimmten kulturellen Zusammenhang ein zürnender Jahwe-Gott eine ehedem machtvolle und verehrte Hawwah, die Mutter allen Lebens, mit einem Fluch belegt und zur Stammmutter aller gedemütigten und unterdrückten Frauen werden lässt, dann spiegelt sich hier nicht nur der Sieg des Patriarchats über das Matriarchat oder der Sieg eines hebräischen Stammesgottes über eine ehemals verehrte Erdgottheit Kanaans wieder. Dann ist diese Geschichte vermutlich so etwas wie das Echo einer Verschiebung, die im Inneren der Gottheit sich abgespielt hat. Wie heute wiederum Signale aus dem göttlichen Universum uns erreichen, die eine Verschiebung vom Männlichen hin zum Weiblichen erahnen lassen. Das sind nicht Mythen, die Menschen und Kulturen sich einfach zu zurecht schnitzen, im guten Glauben oder von irgendwelchen Herrschaftsinteressen geleitet.

Das Bild vom göttlichen Universum oder dem Universum des Göttlichen ist vielleicht ganz brauchbar, wenn man einen Begriff davon bekommen will, worum es hier geht. Wie im kosmischen Universum sind wir auch im Universum der Gottheit ein Staubkorn bloß. Und wie dort sind unsere 'Erkenntnisse' bloß Modelle, Annäherungen, Ahnungen von der Wirklichkeit. Ja vielleicht ist es eine ganz brauchbare Vorstellung, das Göttliche schlechthin als eine Dimension des Universums zu verstehen.

Mittwoch, 4. April 2012

GOTT - Ein Wort ohne Inhalt?


Wie wir von Jesus von Nazareth reden, hat Folgen für unsere Rede von Gott. Wenn wir uns von der Zwei-Naturen-Lehre der alt-kirchlichen Christologie verabschieden und einfach bekennen: Im Leben und Sterben, im Reden und Handeln des Jesus von Nazareth ereignet sich das, was wir mit dem Wort GOTT bezeichnen, dann können wir auch von Gott nicht mehr reden wie bisher. Dann lauten die Frage nach Gott nicht mehr: Wer ist Gott? Vielmehr muss dann gefragt werden: Wie ist Gott? Dann gilt: Gott ist nicht, Gott ereignet sich. Gott ist Ereignis, Gott geschieht.


Damit wird das Wort GOTT zur Bezeichnung für ein Phänomen der Wirklichkeit, das sich im eigentlichen Wortsinn nicht feststellen lässt. Gott lässt sich nicht in Begriffen und Definitionen einfangen. Das Wort GOTT ist in der Tat ein Wort ohne Inhalt. Man kann vom Ereignis GOTT nur in Bildern und in der Sprache der Poesie sprechen. Man kann es verkünden, besingen, malen, spielen. Man kann Gott schweigen, was etwas anderes ist, als ihn verschweigen. Ja – und man kann Gott tun, wie Jesus von Nazareth es getan hat. Womit ein Wunsch von Kurt Marti in Erfüllung gegangen wäre, dass „Gott ein Tätigkeitswort werde.“

Dienstag, 3. April 2012

Für eine "weiche" Christologie


Betrachtet man die Karriere, die der Handwerker Jesus aus Nazareth machte, vom heimatlosen Wanderprediger zum Gottessohn, der zweiten Person einer dreifaltigen Gottheit, dann stellt man fest: wie andere herausragende Persönlichkeiten wurde auch Jesus von seinen Anhängern bewundert und verehrt und im Laufe weniger Jahrzehnte mit dem Attribut göttlich belegt. Das war so außergewöhnlich nicht. Dies geschah in der Antike mit vielen religiösen und politischen Gestalten. Aus dieser „weichen“ Göttlichkeit, die sich in der Metapher „Sohn Gottes“ kristallisierte, wurde schließlich die ontologische Behauptung, Jesus sei der menschgewordene Sohn Gottes, die zweite Person der Dreifaltigkeit, die dann in den Konzilien von Nicäa(325) und Chalcedon (451) in Stein gemeisselt wurde.

Manches spricht dafür, dass schon Jesus selbst eine ganz besondere Beziehung zu seinem Gott für sich in Anspruch nahm. Dass er Zugang zu transpersonalen Erfahrungen hatte, darf man annehmen und sein Sendungsbewußsein stützte sich vermutlich auf einschneidende Erlebnisse der Ich-Entgrenzung. Dass Jesus als Heiler und Exorzist wirkte, wird heute nicht mehr bestritten und bei solchen Gelegenheiten befand sich Jesus wohl in einem Trance-Zustand. Wie seine „Klienten“, die Besessenen, erlebte sich auch Jesus bei solchen Gelegenheiten von einer ich-fremden Kraft in Besitz genommen.

Als gläubiger Jude deutete Jesus diese Kraft als den Geist Jahwes. Eingebettet in die Traditionen seines jüdischen Glaubens entwickelte sich für ihn daraus die Überzeugung, durch sein Handeln und Reden die entscheidende Rolle in einem in Kürze zu erwartenden eschatologischen Heilsereignis Gottes zu spielen. Dieses würde in einer unüberbietbaren und endgültigen Neugestaltung Israels gipfeln. Umgekehrt führte Jesu Verhalten in solchen Situationen natürlich bei seinem Publikum zu dem Eindruck, es hier mit einem außergewöhnlichen Menschen zu tun zu haben. Während die einen ihn für einen Handlanger des Teufels hielten, sahen die anderen in Jesus einen vom Geist Jahwes Beseelten. Ganz sicher verfehlte auch der positive Zuspruch seiner Anhänger nicht seine Wirkung auf Jesus. Er bestärkte ihn in seiner Überzeugung, ein auserwählter Agent Jahwes zu sein.

Darin sind die Voraussetzungen für eine Christologie zu sehen, soweit sie sich im historischen Jesus von Nazareth begründen lässt. Überdies war Jesu Präsenz derart mächtig, dass einige aus seinen Anhängern ihn über seinen Tod hinaus als Lebenden erfuhren. Und sie nannten ihn Sohn Gottes, weil sie überzeugt waren, dass dieser Mensch aus einer ganz einzigartigen Beziehung zum Göttlichen heraus gesprochen und gehandelt hatte. Sie nannten ihn Maschiach, den Gesalbten Gottes, weil er ihrer Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit für jedermann neue Nahrung gegeben hatte. Sie sprachen von ihm als ihrem Mar/Kyrios, dem Herrn, nicht weil sie ihn an die Stelle Gottes setzen wollten, sondern als subtilen Protest gegen all jene, die sich zu Herren über sie auf warfen. Sie lebten in der gespannten Erwartung auf seine baldige Wiederkehr als Menschensohn, der Maßstab und Modell des neuen Menschen in einer verwandelten Wirklichkeit sein würde.

Für die Anhänger des gekreuzigten Nazareners aus dem Judentum war und blieb Jesus ein Mensch und wenn sie ihn mit den unterschiedlichsten Ehrentiteln benannten, dann sahen sie Jesus zwar in einer konkurrenzlos engen Nähe zu Gott und dessen Plänen mit Israel und der Menschheit, nie aber stand er auf gleicher Stufe mit Jahwe, dem Einzigen.

Was hat es für die Umgebung der ersten Christen bedeutet, wenn diese von Jesus als dem Sohn Gottes sprachen? Für sie hatte dies Aussage nicht die Bedeutung, die sie für uns heute nach zweitausend Jahren Christentum und einem theologisch und philosophisch in Beton gegossenen Gottesbegriff hat. In der Antike des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung gab es vielerlei Götter. Im Judentum konnte der Messias Sohn Gottes genannt werden, oder ganz Israel. Im Hellenismus gab es Gottessöhne zuhauf, Männer, die im Ruf besonderer Heiligkeit standen. „Sohn Gottes“ „göttlich“, selbst „Gott“ waren mehr oder weniger auswechselbare Begriffe. Göttlich waren die Helden Homers und seit dem Kaiser Augustus war die Bezeichnung „der göttliche Cäsar“ ein stehender Begriff des Kaiser-Kults.

Söhne Gottes waren die Helden der griechischen Mythen, Söhne des Zeus und einer irdischen Mutter; orientalische Könige, speziell in Ägypten galten als Sohn Gottes … HUIOS THEOU, Sohn Gottes war um die Zeitenwende ein gebräuchlicher Titel für Augustus. Der Begriff Sohn Gottes war also sowohl im Judentum wie in der hellenistisch-römischen Welt fest verankert und fand überaus großzügig Verwendung. Aber gerade seine Verwendung im Judentum, wo er entweder ein schlichter Ehrentitel war, oder aber eine besondere Gottesbeziehung eines ausgezeichneten Menschen aussagte, hätte nie die Einzigartigkeit des Gottes Israels, des Allerhöchsten beeinträchtigt. Ein Sohn Gottes war ein Mensch. Niemals war damit gemeint, dass dieser Mensch an der göttlichen Natur teil hatte, wobei schon der Ausdruck „göttliche Natur“ dem jüdischen Denken fremd gewesen wäre.

Wenn Jesus also ein Sohn Gottes genannt wurde, war das für jene, die es hörten, in keiner Weise erstaunlich, unerhört oder einmalig. Es besagte nicht mehr, als dass jene, die ihm diesen Titel gaben, ihn für einen außerordentlichen, gerechten, gottgefälligen, ja durchaus außerordentlichen Menschen hielten, aber für einen Menschen. Natürlich war damit mehr gemeint als nur eine Exzellenz-Bezeichnung. Man wollte damit zum Ausdruck bringen, dass dieser Mensch nicht nur individuell in einer besonderen Beziehung zu Gott stand, sondern dass Gott ihn für eine besondere Mission auserwählt hatte. Und die ersten Christen behaupteten mit dieser Bezeichnung durchaus, dass die Stellung zu diesem Jesus von heilsentscheidender Bedeutung war.

Zu bedenken ist auch, dass nicht jede Qualifikation, die Jesus zugeschrieben wurde, das Ergebnis theologischer Reflexion war. Vielmehr erwuchs sie dem enthusiastischen Überschwang der ersten und zweiten Generation der unterschiedlichen Gruppen von Jesus-Anhängern. Hatten sich diese Bezeichnungen für Jesus erst einmal in Praxis, Liturgie und Predigt eingebürgert, bedurfte es eines längeren Prozesses der Reflexion, der Rückbindung an das jüdisch-christliche Erbe, der Übersetzung in die Begrifflichkeit der griechischen Philosophie, um sie theologisch einzuholen. Je stärker man allerdings versuchte, diese anfänglich spontanen Zuschreibungen begrifflich zu präzisieren, umso mehr verloren sie die ihnen anfänglich eigentümliche Kraft und Dynamik. Waren sie anfänglich lebendiger Ausdruck einer in der Erfahrung gründenden Beziehung zwischen dem auch über seinen Tod hinaus als lebend und anwesend erfahrenen Jesus und seinen Anhängern, wurden daraus schließlich metaphysische Abstraktionen, die ohne jegliche existenzielle Unterfütterung waren.

Je mehr Zulauf das Christentum in der hellenistisch-römischen Welt erhielt, umso wichtiger wurde es, seinen Inhalt in akzeptierten philosophischen Begriffen zu erklären. Je präziser man aber das Verhältnis Gott-Jesus philosophisch zu bestimmen versuchte und vor allem, je eindeutiger man den mythologischen und metaphorischen (bildhaften) Begriff „Sohn Gottes“ metaphysisch deutete, ihm also eine ontologische Qualität zu sprach, umso mehr geriet man in die Bredouille. Ein heftiger Streit entspann sich darüber, in welchem Verhältnis denn die menschliche und die göttliche „Natur“ in Jesus zueinander standen. Als das Christentum dann unter Konstantin Staatsreligion wurde, empfand nicht nur die nun offizielle Staatskirche, dass sie sich Uneinigkeit in der zentralen Frage ihrer Lehre nicht leisten konnte. Auch der Kaiser selbst drängte um der Einheit des Reiches willen auf eine Klärung der Differenzen. Im Konzil von Nizäa (325), einberufen vom Kaiser selbst, einigte man sich auf die Formulierung, Jesus, der Sohn Gottes, sei eines Wesens mit dem Vater. Damit hatte man sich nun allerdings meilenweit von dem biblischen Verständnis der Sohnschaft Jesu entfernt. Damit war der Streit allerdings noch nicht beendet. Uneinigkeit herrschte weiter in der Frage, wie sich denn nun Göttlichkeit und Menschlichkeit in Jesus zueinander verhielten. So erklärte schließlich das Konzil von Chalkedon (451), Jesus , der Christus, sei eines Wesens mit dem Vater hinsichtlich seiner Gottheit und eines Wesens mit uns hinsichtlich seiner Menschheit. Beide Naturen existierten ohne Vermischung und ohne Trennung. Da den Konzilsvätern aber wohl bewusst war, dass sie damit nichts erklärt hatten, schoben sie nach, wie das möglich sei bleibe ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das sie sich allerdings selber eingehandelt hatten.

Während die metaphorische (bildliche) Weise von Jesus als Sohn Gottes zu sprechen, sich jedem erschließt, weil sie sich an die unmittelbare Erfahrung der Alltagswelt anlehnt, ist die Formulierung des Konzils einfach ein sprachliches und begriffliches Kunstgebilde, das alles und nichts bedeuten kann. Theologisches Reden wird hier als Machtinstrument missbraucht, durch das autoritär ein Sachverhalt definiert wird, ohne dass er aus sich heraus einsichtig oder nachvollziehbar wäre. Er entzieht sich jedem Diskurs und kann nur akzeptiert oder verworfen werden.

Statt die sogenannte „Göttlichkeit“ Jesu als eine Wesenseigenschaft Jesu zu verstehen, wäre es sinnvoller, die Inkarnation (Menschwerdung) Gottes in Jesus als ein Ereignis oder ein Geschehen zu deuten, das sich im Schicksal Jesu manifestiert. Damit wäre Jesus ein Mensch ganz und gar und seine Göttlichkeit bei gleichzeitig vollem Mensch-sein müsste nicht postuliert werden. Vielmehr würde es genügen zu behaupten, dass sich Jesus als Mensch ganz und gar von Gott „instrumentalisieren“ ließ. Hilfreich wäre hier das Modell der Performance. Wie ein – guter – Schauspieler auf der Bühne genau so die Figur ist , die er darstellt, und sie zugleich auch wieder nicht ist, so bringt Jesus Gott in seinem Handeln zur Darstellung. Jesus lebt eine Grenzexistenz zwischen menschlicher und göttlicher Identität. Der Einwand, Inkarnation würde dann ja „nur gespielt“, sei nicht wirklich geschehen, verkennt den Realitätsgehalt der Performance. Performance schafft eine neue Realität in einem Beziehungsgeschehen zwischen Performer und Publikum. Keiner würde das bestreiten, der bei einem Schauspiel oder einem Event vom Geschehen erfasst und mitgerissen wird.

Ein solches Verständnis von Inkarnation und „Göttlichkeit“ Jesu würde auch den Exklusivitätsanspruch des Christentums relativieren und für den interreligiösen Dialog öffnen. Es lässt sich ja nicht übersehen, dass auch andere Religionen und Kulturen Menschen als Inkarnation des Göttlichen verehren. Allein im modernen Hinduismus ließen sich eine ganze Reihe außergewöhnlicher Persönlichkeiten anführen, denen von ihren Anhängern das Attribut der Göttlichkeit zugeschrieben wird. Ohne hier eine endgültige Antwort anbieten zu können, ist es für mich doch schwer einzusehen, wie die Gottheit, jene Wirklichkeit, der Mystiker hinter allen Gottesbildern gelegentlich zu begegnen scheinen, sich darauf versteifen sollte, sich authentisch einzig in einem ganz bestimmten kulturellen Kontext, nämlich dem jüdisch-christlichen zu offenbaren.

Sonntag, 1. April 2012

Der Weg des Sohnes


Der Weg Jesu ist der Weg des Sohnes. So sieht es schon eine sehr frühe Reflexion über Person und Schicksal Jesu wie sie in der Legende vom zwölfjährigen Jesus im Tempel zutage tritt(Lk 2,41-52). Jesus kommt seinen Eltern nach einer Pilgerreise nach Jerusalem abhanden. Ein Heranwachsender, noch kein Mann, aber auch kein Kind mehr, fühlt sich in seiner Familie heimatlos und sucht sich ein neues Zuhause. Er findet es im Tempel inmitten von Schriftgelehrten.
Dort finden ihn seine Eltern nach mehrtägiger Suche. Der Vater, Josef, offenbar mit von der Partie, bleibt stumm. Die Mutter führt das Wort:“Warum, Sohn?“ Jesu Antwort wird ins Theologische ab-gefälscht, weil ihr Wortlaut schlecht zu dem künftigen Gottessohn passen würde. Von späteren Gelegenheiten kennt man die schroffe Art, mit der Jesus seiner Mutter begegnet. Und Mama versteht nicht ...“und bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen“(Lk 2,51b). Ein typisches Mutter-Sohn-Schicksal. Die Mutter wird nicht klug aus ihrem Sohn und hat, was die Legende verschweigt, vermutlich nicht unbedingt mit gottesmütterlichem Verständnis auf das Verhalten ihres Sohnes reagiert.
Fortan tritt der Vater nicht mehr in Erscheinung. Die Mutter umso mehr und die Begegnungen sind stets unerquicklich. Da hat der Sohn Elternhaus und Familie schon endgültig hinter sich gelassen. Doch er bleibt der Sohn. Die Mutter stets in seiner Nähe und Jesus immer bemüht, sie auf Abstand zu halten. Die Mutter folgt ihrem Sohn bis unters Kreuz – und wird auch da noch auf Distanz gehalten: „Frau, siehe deinen Sohn“ sagt Jesus vor seinem Hinscheiden zu Maria und übergibt sie der Obsorge seines Lieblingsschülers (Joh 19, 26). Er nennt sie nicht „Mutter“ bei diesem letzten Abschied.
Jesus nimmt sich keine Frau, wie es für jeden erwachsenen Juden selbstverständlich ist und zeugt keine Kinder. Stattdessen schart er eine Familie eigener Art um sich: Söhne, die ihren Vätern davongelaufen sind, Frauen, die ihre Männer verlassen haben oder sonst wie nicht den besten Ruf haben. Auch lässt er sich von begüterten Frauen aushalten und zeigt eine Neigung für Prostituierte. An die Stelle des abwesenden Vaters tritt der Abba im Himmel. Der ihn zu guter Letzt im Stich lässt.
Exegeten so gut wie Theologen reagieren allergisch, wenn man es wagt, psychologische Deutungen an Jesus heran zu tragen. Die Datenbasis sei zu dürftig, lautet das Argument. Erstaunlicherweise reicht sie aber aus, wenn etwa mit den Werkzeugen der Sozialwissenschaften an die Quellen über Jesus heran gegangen und beispielsweise Jesu soziales Umfeld rekonstruiert wird.
Dabei geht es gar nicht so sehr um das, was sich an tatsächlichen biografischen Fakten über Jesus feststellen lässt. Bemerkenswert ist das Bild, welches die Quellen von Jesus überliefern. Es ist das Bild eines Mannes, der auf der Suche nach seinem Vater und der Flucht vor seiner Mutter schließlich vorzeitig ums Leben kommt. Natürlich ist damit nur ein Ausschnitt des Gesamtbildes ausgeleuchtet, das die Quellen von Jesus vermitteln. Aber ein Ausschnitt, der zum Gesamtbild des Jesus von Nazareth gehört.
Und Jesus bleibt Sohn auch über seinen Tod hinaus. Seiner Gottheit nach ist er die Frucht allein eines göttlichen Vaters - gezeugt nicht geschaffen - ohne Beteiligung einer weiblichen Gottheit. Seiner Menschheit nach wird er geboren von einer Mutter, die Jungfrau war und blieb. In den vorreformatorischen Kirchen wird ihm diese Jungfrau-Mutter in einer Weise an die Seite gestellt, die die beiden unzweifelhaft als ein Paar erscheinen lassen. Eine psychologisch höchst verzwickte Konstellation.
Welcher Konflikt sich darin verbirgt, wird deutlich, wenn man das Schicksal der anderen Maria aus der Umgebung Jesu betrachtet, der Magdalenerin. Während diese vorallem in frühen christlichen Splittergruppen als die engste Vertraute Jesu gesehen wird, zeichnet die Tradition des westlichen Christentums von ihr ein Bild aus schwüler Erotik und sexistischer Verunglimpfung als bekehrter Hure.