Donnerstag, 10. November 2011

Jesus Christus ist der Herr (Phil 2, 5-11)


Sinnt unter Euch
auf das, was im Modell des Christus offenbar wurde:


Er war von Gottes Gestalt von Anfang an,
aber er klammerte sich nicht daran, wie Gott zu sein.
Vielmehr machte er sich ganz leer
und nahm die Gestalt eines Sklaven an
und wurde ein Mensch unter Menschen
und lebte das Leben eines Menschen.
Er machte sich bedeutungslos und gehorchte,
gehorchte bis zum Tod – ja bis zum Tod am Kreuz.


Darum hat Gott ihn über alle(s) erhoben.
Er hat ihn mit einem Namen beschenkt,
der alle Namen übertrifft.
Damit im Namen Jesu
jedes Knie sich beuge
sei es von himmlischen Wesen,
von irdischen oder unterirdischen,
und jede Zunge anerkenne, dass
Herr ist Jesus Christus
zur Ehre Gottes des Vaters.
(Phil 2, 5-11)


Der Hymnus aus dem Brief des Paulus an die ChristInnen in Philippi sei zur Lektüre all jenen empfohlen, die an Status Symptomen leiden. Diese Befindlichkeitsstörung grassiert nicht erst, seit es Smartphone und iPad zur Aufpolsterung des Selbstwertgefühls gibt. Offenbar gehört es zur menschlichen Natur oder vielleicht ist es auch nur das Ergebnis einer Jahrtausende alten kulturellen Prägung, dass Menschen ihren Wert danach bestimmen, welchen Rang sie auf der sozialen Stufenleiter einnehmen. Wer ich bin, definiert sich danach, wer über oder unter mir ist. Ungleichheit scheint der Motor gesellschaftlicher Dynamik zu sein. Dabei ist es unabdingbar, dass ich meine Stellung in der sozialen Hierarchie durch entsprechende Statussymbole zum Ausdruck bringe. Eltern können ein Lied davon singen, welches Drama sie heraufbeschwören, wenn sie ihr Kind in einer Jeans von KiK in die Schule schicken müssen, wo alle anderen in Marken-Jeans herumlaufen. 

In der hellenistisch römischen Welt war diese gesellschaftliche Rangordnung noch viel stärker ausgeprägt, rigider und undurchlässiger als in modernen Gesellschaften. Angefangen von der höchsten Stelle, die der Kaiser einnahm, bis hinunter zu den Sklaven, war die römische Gesellschaft streng hierarchisch gegliedert und – zumindest für die unteren Schichten – kaum durchlässig. Ein Aufstieg in eine höhere Klasse war nur unter streng definierten Bedingungen möglich und für die Eliten durch den Cursus honorum, die Ehrenlaufbahn festgelegt. Darunter verstand man die Ämterlaufbahn, die ein Politiker in der Republik und später auch noch in der Kaiserzeit durchlaufen musste. 

Paulus nun scheint dieses System, wie an anderen Stellen deutlich, durchaus nicht grundsätzlich in Frage gestellt zu haben. Immerhin schickt er den entlaufenen Sklaven Onesimus an seinen Herrn zurück und empfiehlt auch sonst etwa den Sklaven, ihren Herren zu dienen und jedem, sich an dem Platz zu bescheiden, der ihm in der sozialen Ordnung zugewiesen war. Wenn er umgekehrt die Herren zu Großmut und etwa die Väter dazu ermahnt, ihre Kinder nicht zum Zorn zu reizen, dann bleibt er damit dem patriarchalisch-autoritären System seiner Kultur verhaftet. Fairerweise muss man dabei allerdings bedenken, dass sich die junge Bewegung der Christen im römischen Imperium ohnehin in einer prekären Situation befand. Stets war sie der Gefahr ausgesetzt, als Unruhestifter denunziert zu werden, die die heiligsten Werte des Imperiums in Frage stellte. Da war es eine Frage des Überlebens, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Paulus selbst befand sich, als er den Brief an die ChristInnen in Philippi schrieb, offenbar gerade in Ephesus im Gefängnis und wartete auf seinen Prozess. Die Umstände sind nicht ganz klar, aber offenbar hatte er sich durch seine Predigt die unwillkommene Beachtung der örtlichen Behörden zugezogen.

Mit dem hier zitierten Christushymnus richtet sich Paulus nun allem Anschein nach an jenen Teil der Christengemeinde in Philippi, der selber Teil der Eliten in Philippi war. Ob Paulus den zitierten Hymnus schon vorgefunden, was die vorherrschende Meinung unter Fachleuten ist, oder ob er ihn selber verfasst hat, was eine Minderheit annimmt, ist für unser Thema unerheblich. Philippi, im heutigen Mazedonien gelegen, war eine römische Kolonie und hauptsächlich von Veteranen des Imperiums besiedelt. Man kann sich denken, dass unter diesen altgedienten und verdienten Soldaten und Offizieren des Kaisers, der römische Ehrenkodex zum eisernen Bestand ihres Wertesystems gehörte. Paulus aber stellt hier dem römischen Cursus honorum, der Ehrenlaufbahn, an der sich Status und Wert und Ehre eines Angehörigen der Elite orientierte, den Cursus pudorum, die Laufbahn der Schmach des Christus gegenüber (Joseph H. Hellerman: Reconstructing Honor in Roman Philippi. Carmen Christi as Cursus Pudorum, MSSNTS 132, Cambridge 2005.). 

Damit stellt Paulus das römische Verständnis von Ehre und Schande einfach auf den Kopf. Christus, der, so der Hymnus, die höchst denkbare Stufe der Ehre innehatte, da er an der Gestalt Gottes teil hatte, verzichtete auf dieses Privileg – undenkbar für einen Römer – und entschied sich für das denkbar schandbarste Menschenschicksals, das eines Sklaven, der am Kreuz endete. Jeder aufrechte Römer von Stand, der diese Zeilen las oder hörte, musste sich empören. Hier wurde alles, was ihm heilig war, in den Dreck gezogen. Das war kein frommes Kirchenlied, das war Hochverrat! Nicht auszudenken, wenn plötzlich Sklaven diesen Hymnus sangen! Man mag bezweifeln, ob Paulus selbst bewusst war, was er da niederschrieb. Immerhin wollte er nur die Bessergestellten unter den ChristInnen in Philippi dazu anregen, nicht auf ihre Privilegien zu pochen. Vielleicht gibt es ja doch so etwas wie göttliche Inspiration!

Aber es kommt noch besser, oder schlimmer, je nach Standpunkt. Der Cursus pudorum des Jesus von Nazareth wird von Gott selbst legitimiert. Der, der sich zum Verachtetsten unter den Menschen gemacht hat, wird von Gott über jedes denkbare Maß hinaus erhoben. Sein Name wird, wenn man so will, zum Markenzeichen einer neuen Ordnung. Das Schicksal Jesu ist von kosmischer Bedeutung. Der ganze Kosmos bezeugt: Herr ist Jesus Christus! Das ist eine waghalsige Aussage. Sie besagt nicht nur, dass die Christen diesen Jesus von Nazareth in die unmittelbare Nähe Gottes rücken. Theologen waren seit jeher vor allem von dieser Konsequenz beeindruckt. Dabei geriet aus dem Blick, was dieses Bekenntnis auch bedeutet. Herr ist Jesus Christus bedeutet nicht weniger, als dass damit alle anderen Herren ihrer Herrlichkeit verlustig gehen. Das ist das Ende jeglichen Herrentums. Und jetzt wird es wirklich gefährlich, sollten die Sklaven anfangen, diesen Hymnus zu singen!

Wann immer wir bekennen: Jesus Christus ist der Herr, verkünden wir das Ende der Herrschaft von Menschen über Menschen. Leider hat die Christenheit diese Bedeutung ihres Bekenntnisses leider immer wieder aus dem Blick verloren. Die römische Kirche, die sich so gern die katholische nennt, hat sich, einmal zur Staatskirche im römischen Reich geworden, lieber für den cursus honorum des römischen Imperiums entschieden, statt sich den cursus pudorum des Jesus von Nazareth zum Vorbild zu nehmen. Punkt für Punkt hat sie in ihren Ämtern, ihrem Recht und in ihrem Selbstverständnis das Imperium Romanum kopiert. Bis auf den heutigen Tag tritt sie mehr als Nachfolgerin des Römischen Reichs in Erscheinung denn als Nachfolgerin des Evangeliums Jesu Christi. Sie, die sich allezeit als erbarmungslose Verfolgerin von Abweichlern, Häretikern, geriert hat und geriert, ist im Grunde selber häretisch. 

Aber auch der evangelische Christenheit täte eine Rückbesinnung auf den cursus pudorum des Jesus von Nazareth gut. Eben hat die Synode der EKD in Magdeburg einmal mehr beschlossen, am Streikverbot für ihre Angestellten festzuhalten. Geradezu beleidigt wies der Ratsvorsitzende Präses Nikolaus Schneider in einem Interview auf die Privilegien hin, die das Grundgesetz den Kirchen in Deutschland einräume. Dazu gehöre auch die eigenständige Gestaltung des Arbeitsrechts, sprich: den Arbeitnehmern das Grundrecht zu streiken zu verbieten. Präses Schneider, der so gern als soziales Megaphon der EKD in Erscheinung tritt, sollte vielleicht in einer ruhigen Stunde über Phil 2, 6-11 meditieren.