Sonntag, 14. August 2011

Nachfolge als (eschatologische) Performance

Nachfolge, ein Schlüsselwort jesuanischer Spiritualität, ist mehr als ein geistliches Fitnessprogramm. Sie hat ihr Modell in der Berufung und Sendung der ersten JüngerInnen durch Jesus selbst und steht im Dienste seiner Botschaft von der nahe herbei gekommenen Gottesherrschaft.

Wenn Jesus seine JüngerInnen auf den Weg schickt wie Schafe unter Wölfe, ohne Geld, ohne Rucksack, barfuß und ohne Stock, um sich zu schützen (Lk/Q 10, 3f), dann stellen sie auf diese Weise die Schutzlosigkeit Gottes selbst dar, wenn er sich der Realität dieser Welt aussetzt.

Wenn sie ein Haus betreten mit dem Schalom, dem jüdischen Friedensgruß, dann bringen sie den Frieden der anbrechenden Gottesherrschaft in dieses Haus (Lk/Q 10, 5).

Wenn sie auch die andere Wange hinhalten sollen, dem, der ihr Hemd nehmen will, auch noch den Mantel geben sollen, mit dem, der sie eine Meile zu gehen zwingt, freiwillig noch eine weitere gehen sollen (Lk/Q 6, 29), dann ist das nicht einfach eine Übung in Duldsamkeit. Dann demonstrieren die JüngerInnen durch ihr Verhalten: So handelt Gott in dieser Welt. So bringt Gott seine Herrschaft in den real existierenden Verhältnissen zur Geltung.

Jesus redet hier keineswegs einer Ethik der Duldsamkeit das Wort. Hier wird nicht Duckmäusertum gelehrt. Noch viel weniger sollen diese Anweisungen für alle Zeiten sklavisch kopiert werden. Der Sinn dahinter ist die gewollte Provokation des Gegenübers durch ein unerwartetes Verhalten. Nachfolge wird inszeniert als eschatologische Performance. Der Jünger, die Jüngerin, sind in diesem Augenblick die Darsteller in einer Inszenierung, in der Gott selbst sich in seiner Selbstentäußerung offenbart. Nachfolge wird hier zur Kenosis Gottes. In dieser Performance realisiert sich Gottesherrschaft oder anders gewendet: Menschwerdung Gottes.

So verstanden wird Nachfolge Jesu zu einem ungeheuer spannenden Unternehmen, in dem das Werk Jesu fortgesetzt und sein Geist lebendig bleibt. Von allen Gestalten der Christentumsgeschichte hat für mich immer noch Franz von Assisi diesen Sinn der Nachfolge am besten verstanden. Seine eschatologischen Performances sind legendär: wie er sich in Assisi von seinem Vater lossagte und sich splitternackt unter den Schutz des Bischofs stellte, oder wie er seinen Ekel und seine Angst vor Ansteckung überwand und auf einen Aussätzigen zuging und ihn küsste. Kein Wunder, dass er am Ende die Wundmale Jesu an seinem Leib trug.

Die Hunde im Futtertrog

In ihrem Blog Frech-Fromm-Frau , den ich an dieser Stelle allen meinen Lesern sehr ans Herz legen möchte, berichtet Ameleo gestern von einer Sendung im Schweizer Fernsehen. Dort wird offenbar die berührende Geschichte eines 90-jährigen Priesters erzählt, der sich trotz seines hohen Alters noch jeden Sonntag durch drei Eucharistiefeiern für ansonsten priesterlose Gemeinden hindurchquält. Zu meinem Bedauern kommentiert Ameleo diese Geschichte mehr fromm als frech, was mich zu einem wütenden Kommentar veranlasst hat. Mich hat der Bericht an das Jesus-Wort im Thomasevangelium erinnert:

Jesus sprach: „Wehe den Pharisäern, denn sie gleichen einem Hund,
der im Futtertrog der Rinder schläft; denn weder frißt er, noch läßt er die
Rinder fressen.“ (Thomas-Ev 102).


Wer die Hunde sind, überlasse ich der Phantasie des Lesers. Den Rindern empfehle ich, sich anderen Futtertrögen zuzuwenden.

Freitag, 12. August 2011

Eremitin sucht ein Dach über dem Kopf

Sr. Britta, einer altkatholischen Eremitin, ist ihre Bleibe gekündigt worden. Eine leerstehende Klause bei den Römisch-Katholischen bekommt sie nicht, weil sie die falsche Konfession hat! Eine Schande!

Wer Sr. Britta helfen kann, oder ihr raten kann, soll bitte über ihr Blog Den Himmel im Herzen und die Füsse auf dem BodenKontakt mit ihr aufnehmen. Gesucht wird eine Unterkunft im Raum Regensburg, Dachau, Straubing.

Heute ist der Gedenktag der heiligen Klara von Assisi. Kein schlechter Tag, einer Schwester des heiligen Franz zu helfen.

Donnerstag, 4. August 2011

Eine verrückte Geschichte (Mt 14,22-33)

Es ging auf den Morgen zu. Die fünf Männer in dem Boot stemmten sich in die Ruder. Sie waren müde und verdrossen. Die ganze Nacht hatten sie ihre Netze ausgeworfen und kaum etwas gefangen. Das Ufer, in der Morgendämmerung schwach zu erkennen, wollte nicht näher rücken.

Seit sie aus Jerusalem zurück waren, war nichts mehr wie ehedem. Ja, die Monate mit ihm: ein Leben wie die Vögel des Himmels, frei und sorglos, und die Zukunft, die sollte herrlich werden, hatte er ihnen versprochen. Stattdessen hatten sie ihn verhaftet und aufgehängt. Also nichts wie weg und zurück nach Kapernaum, zurück zu der mühseligen Plackerei mit den Netzen und den Booten, den hämischen Blicken der Nachbarn, den stillen und nicht so stillen Vorwürfen der Familie. Sie schämten sich und hatten ein schlechtes Gewissen. Einfach abzuhauen, als es brenzlig wurde. Aber was hätten sie schon ausrichten können. Natürlich Petrus, der Hitzkopf, hatte mit dem Schwert drein gehauen – und ein Ohr getroffen!

Das Boot kam überhaupt nicht mehr voran. Andreas warf einen Blick auf seinen Bruder neben ihm auf der Bank. Der wieder! Petrus, hatte sein Ruder einfach sinken lassen und starrte auf den See hinaus. Andreas setzte schon zu einer scharfen Bemerkung an, da erhob sich Petrus langsam, tat ein paar Schritte, fast wie ein Schlafwandler, hob seinen Fuß und trat einfach über den Rand des Bootes in den See hinaus. Später hätte Andreas schwören können, dass der Petrus danach noch einige Schritte über das Wasser gegangen war. Aber dann ging er natürlich unter, der Idiot. Konnte ja nicht einmal schwimmen. Keiner von ihnen konnte schwimmen.

Irgendwie holten sie ihren tropfnassen Gefährten wieder ins Boot zurück und legten ihn auf den Boden. Er spuckte und hustete und als er sich halbwegs erholt hatte, richtete er sich auf und sah erneut auf den See hinaus: „Ich habe ihn gesehen. Ganz deutlich habe ich ihn gesehen. Er kam über das Wasser auf uns zu“, murmelte er. „Du spinnst doch, hast wohl ein Gespenst gesehen“, setzte Thomas an, aber Andreas hieß ihn mit einem Wink zu schweigen.

Wie sie schließlich ans Ufer kamen, wusste keiner von ihnen zu sagen. Zu den Rudern gegriffen hatten sie auf jeden Fall nicht mehr.