Donnerstag, 23. Juni 2011

Gottesherrschaft

Basileia tou theou (Herrschaft Gottes) oder ton ouranon (bei Matthäus) ist ein Begriff, der für die Verkündigung Jesu zentral ist. Nun bedeutet basileia im Griechischen sowohl die Ausübung der (Königs)herrschaft als auch den Bereich dieser Herrschaft, das Königreich. Im Deutschen wiederum gibt es dafür zwei verschiedene Bezeichnungen.

Ein Problem besteht allerdings darin, dass die Rede von der Herrschaft Gottes oder dem Reich Gottes ein Gottesbild voraussetzt, dass überholt und anachronistisch ist. Könige sind heute nicht mehr viel mehr als Operettenfiguren ohne wirkliche Macht. Wo sie aber noch wirkliche Macht ausüben, tun sie dies in aller Regel unter Missachtung der Freiheitsrechte der Menschen.

Das Bild von Gott als König und Herrscher, wie sehr es auch in der jüdisch-christlichen Tradition verankert ist, ist nicht mehr geeignet, die Beziehung zwischen Gott und Menschheit darzustellen.
Stellt sich die Frage, ob sich dann der Rede Jesu von der nahe herbeigekommenen Gottesherrschaft überhaupt noch ein Sinn abgewinnen lässt. Dabei fällt auf, dass Jesus, wenn er von der Basileia Gottes spricht überhaupt nicht mit Bildern und Verweisen aus dem Bereich des Politischen arbeitet. Gottes Herrschaft wird offenbar, wenn Jesus Kranke heilt oder Dämonen bannt. Ihr verborgenes Wachsen wird mit Vorgängen in der Natur verglichen oder im Haushalt. Sie ist etwas, so kostbar wie eine seltene Perle oder ein Schatz im Acker. Nirgendwo wird Gott als König bezeichnet, vielmehr ist er ein – offenbar begüterter – Haushaltsvorstand, der zu einem Gastmahl lädt. Und um die, die ihm ihr Vertrauen schenken, kümmert er sich wie ein fürsorglicher Vater.

Wovon spricht Jesus also, wenn er die Nähe der Gottesherrschaft ansagt? Wichtiger noch, zu wem spricht Jesus, wenn er von der Gottesherrschaft redet, und in welche Situation spricht er seine Botschaft hinein? Ein Wort Jesu ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes“ oder das Wort von den Mühseligen und Beladenen. Jesu Predigt von der Gottesherrschaft richtet sich an Menschen, die sich Tag für Tag plagen müssen; die heute oft nicht wissen, was sie morgen essen sollen; die allerlei Schikanen ausgesetzt sind von den Verwaltern der Großgrundbesitzer, den Steuereintreibern; die keine Aussicht haben, vor einem Gericht ihr gutes Recht zu bekommen … Für all diese Mühseligen und Beladenen hat Jesus die zugegeben schlichte Botschaft: Gott ist unter euch am Werk! Glaubt mir, er steht auf eurer Seite!

Gottesherrschaft meint also offenbar nicht einfach, dass eine Herrschaft durch eine andere ersetzt wird, die Herrschaft irdischer Herrscher durch die Herrschaft eines himmlischen Herrschers. Gottesherrschaft meint vielmehr die Verneinung jeglicher Beherrschung von Menschen durch Menschen. Gottesherrschaft bedeutet: Fortan soll kein Mensch eines anderen Menschen Knecht sein. Deshalb spreche ich lieber von Gottes herrschaftsfreier Gesellschaft als von Gottesherrschaft.