Mittwoch, 25. Mai 2011

Judas Iskarioth

Zu den wenigen Figuren aus der Umgebung Jesu, die in der ntl. Überlieferung ein eigenes Profil gewinnen, zählt zweifellos die Gestalt des Judas Iskarioth, der als Verräter Jesu in die Geschichte eingegangen ist. Selbst denjenigen, die in der Tradition des Christentums nicht (mehr) zu Hause sind, sind Wendungen wie Judaslohn, Judaskuss oder schlicht Judas als Synonym für Verräter geläufig. Der Name Judas steht für Hinterlist, Heimtücke, Verschlagenheit, Geldgier aus niedrigsten Motiven, Unehrlichkeit, Treulosigkeit. Im christlichen Antisemitismus galt Judas überdies als der Prototyp des Juden schlechthin.

In den synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus, Lukas) wird Judas als einer der zwölf Jünger genannt, die Jesus in seine engere Nachfolge berufen haben soll (Mk 3,19f).Schon an dieser Stelle wird auf seine spätere Rolle bei der Verhaftung Jesu hingewiesen. Nachdem Teile des Jerusalemer Hohen Rats beschlossen hatten, Jesus in ihre Gewalt zu bringen und zu töten (Mk 14,1par), sucht Judas sie auf und bietet sich an, Jesus an sie auszuliefern (Mk 14, 10fpar). Nach Markus bieten die Hohepriester ihm dafür Geld an, nach Matthäus fordert er selber eine Belohnung und ihm werden dreißig Silberlinge versprochen, was eine Anspielung auf Sacharja 11,12 sein dürfte. Lukas zufolge einigt man sich ebenfalls auf eine Belohnung.

Beim gemeinsamen Mahl vor Jesu Verhaftung spricht Jesus selber davon, dass einer aus dem Kreis der Versammelten ihn verraten würde (Mk 14,18). Stunden später führt Judas dann Angehörige der Tempelwache (Mk 14, 43f) in den Garten Gethsemane, wo Jesus und seine Jünger offenbar die Nacht verbringen wollten, und verrät seinen Meister mit einem Kuss (Mk 14,45). Aus Reue über seine Tat soll Judas sich später erhängt haben (Mt 27,3ff).

Während die synoptischen Evangelien sich mehr oder weniger darauf beschränken, Judas Rolle bei Jesu Verhaftung herauszustellen, einzig Lukas will wissen, dass der Satan ihn zu seiner Tat getrieben hatte (Lk 22,3), schlägt Judas im Johannesevangelium blanker Hass entgegen. Jesus selbst nennt Judas schon lange vor dem Verrat einen Teufel (Joh 6,70), ohne ihn jedoch mit Namen zu nennen. Bei dem Gastmahl im Hause Simon des Aussätzigen, entrüsten sich die Jünger über die Verschwendung, als eine Unbekannte Jesus mit kostbarem Öl salbt (Mk 14, 4). Bei Johannes (12,4ff) tut dies nur Judas und nicht, weil es ihm um die Armen gehe, sondern weil er ein Dieb sei und sich als Kassenwart am Geld der Gruppe vergreife.

Jesus bezeichnet Judas, als er beim letzten Mahl, seinen Jüngern die Füße wäscht, als einzigen unrein (Joh 13, 10) und outet ihn beim gemeinsamen Essen als seinen Verräter (Joh 13, 26ff).

Wie bei allen Berichten rund um das Leiden und Sterben Jesu fällt es auch bei der Judas-Tradition schwer, Legende und Historie voneinander zu scheiden. Theologie und Animosität gehen auch hier eine unerquickliche Verbindung ein. Einerseits werden die Schändlichkeit der Tat und die niederen Beweggründe, die Judas dazu veranlasst haben, herausgestellt. Judas wird, besonders im Johannesevangelium, geradezu zu einer Inkarnation des Satans. Anderseits wird betont, dass des Judas Tat notwendig war, damit der Heilsplan Gottes sich verwirklichen konnte, der im Sühnetod Jesu seinen Höhepunkt finden sollte. Angesichts dieser theologischen Akrobatik kann man nur Mitleid mit Judas empfinden. Wäre man boshaft, könnte man sagen: ein Opfer, Jesus, genügte Gott nicht, er brauchte mit Judas noch ein zweites, um die Menschheit zu erlösen. Oder mehr auf der Linie des Johannesevangeliums: damit der Menschensohn und Gott in ihm verherrlicht werden konnte, musste Judas ins Verderben gestürzt werden.

Das apokryphe Judasevangelium aus dem 2. Jahrhundert u.Z. betont denn auch vor allem die positive Rolle, die Judas im göttlichen Heilsplan spielte. Dort wird Judas zum engsten Vertrauten Jesu. Er allein hatte die Mission seines Meisters verstanden und handelte in seinem Auftrag, als er Jesus den Tempelbehörden übergab.

Bleibt die Frage, ob es denn einen historischen Kern der Judas-Geschichte gibt. Wer sich für die verschiedenen Hypothesen interessiert, findet einen knappen Überblick bei Wikipedia. Für mich bietet sich eine andere Erklärung an. Die Tradition vom Verrat des Judas könnte reine Fiktion sein, in der die Ablehnung Jesu durch und die behauptete Schuld der Bevölkerung Judäas und Jerusalems am Tod Jesu personalisiert wurde. Judas in seiner hebräischen Form JEHUDA oder JUDA war ein gebräuchlicher jüdischer Vorname, auch einer der Brüder Jesu hieß so. Juda war einer der zwölf Söhne Jakobs und der Stammvater des Stammes Juda. Judäa wiederum war das Gebiet des Stammes Juda. Judas trägt den Beinamen Ischariot, was neben anderen Möglichkeiten auch als Isch Qerijot, Mann aus Qerijot, gedeutet wird. Qerijot aber ist ein Ort in Judäa, womit Judas der einzige Judäer unter den Aposteln gewesen wäre (Wikipedia). Die Judas-Legende, wenn es denn eine Legende sein sollte, könnte gut im Norden Israels, in Galiläa, ihren Ursprung haben, wo man unter den dortigen Anhängern Jesu den Leuten aus Judäa und Jerusalem die Schuld am Tod Jesu gab und sich dafür einen aus dem Süden stammenden Jünger Jesu als Personifizierung auswählte. Das würde sich auch gut mit der feindseligen Charakterisierung des Judas im Johannesevangelium vertragen, das auch sonst deutlich anti-judäische Tendenzen aufweist.

Sonntag, 15. Mai 2011

Schweigen

Welches ist die höchste Form des Gottesdienstes?
Anbetung als Lebenshaltung.

Welches ist die höchste Form der Anbetung?
Schweigen!

Donnerstag, 12. Mai 2011

Vom Magier zum Sohn Gottes

Die erstaunliche Karriere des Jesus von Nazareth vom galiläischen Wunderheiler zum Gegenstand göttlicher Verehrung im Christuskult hat viele Ursachen. Eine aber liegt wohl darin, dass seine Umgebung eine zugleich faszinierende wie erschreckende Verbindung des Mannes aus Nazareth mit dem Göttlichen wahrnahm.

Jesus verdankte seine Anziehungskraft gerade unter den kleinen Bauern, Fischern und Tagelöhnern aus dem Galil gewiss nicht nur seiner Predigt von der nahe herbei gekommenen Gottesherrschaft und seinem Talent, die Leute mit Geschichten zu unterhalten. Einfache Leute, die Tag für Tag hart für ihr Auskommen schuften müssen, sind nicht so leicht mit bloßen Worten zu beeindrucken. Sie wollen Taten sehen!

Und Jesus war einer diese „Männer der Tat“, wie sie von den späteren Rabbinen genannt wurden. Eliah war einer von ihnen gewesen, oder sein Schüler Elischa, oder der weniger bekannte Rabbi Ben Dosa, der keinen Eingang in die biblische Tradition gefunden hat. Es waren Männer, von denen wunderbare Taten berichtet wurden: sie konnten Kranke gesund machen, ja sogar Tote wieder ins Leben zurückholen. Sie vermochten Dämonen zu bannen und sie pflegten einen fast schockierend ungezwungenen Umgang mit ihrem Gott.

Man begegnete ihnen mit Scheu, Ehrfurcht und auch mit einer gewissen Skepsis. Offenbar standen sie in Verbindung mit Kräften, vor denen der gewöhnliche Sterbliche sich besser fernhielt. Anderseits konnten diese Männer, und gewiss gab es auch „Frauen der Tat“, wenn die Tradition sie auch „vergessen“ hat, den einfachen Leuten auch von Nutzen sein, wenn man aus diesem oder jenem Grunde, einen Draht zur anderen Wirklichkeit brauchte. Im Gegensatz zu den offiziellen Funktionären des Heiligen, den Priestern und Schriftgelehrten, waren sie gewissermaßen die freien Unternehmer des Heiligen. Damit standen sie aber auch stets im Konflikt mit den religiösen Autoritäten und unter dem Zwang sich zu legitimieren: „In welcher Vollmacht tust du das?“. Die Evangelien sind voll von Zeugnissen, wie Jesus dem Zwang, sein Tun und Reden zu rechtfertigen, ausgesetzt ist.

Aber selbst denen aus dem Kreis der Jesus-Bewegung, welche die unterschiedlichen Traditionen über ihren Meister sammelten und theologisch verarbeiteten, war Jesus als Magier sichtlich unangenehm. Viele Details aus der „Biografie“ Jesu sprechen hier eine deutliche Sprache. Da ist Jesu Taufe am Jordan, als der „Geist“ auf ihn herab kommt; der „Geist“, der ihn in die Wüste „treibt“; die angebliche „Versuchung“: eine schamanistische „Seelenreise“, ein „ausserkörperliches“ Tranceerlebnis. Der Evangelist findet dies derart inakzeptabel, dass er den „Geist“, der Jesus dabei „um treibt“ mit dem Satan identifiziert. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um ein transpersonales Erlebnis Jesu. Jesu Geist wird bei diesem Ereignis von verschiedenen Ego-Illusionen gereinigt.

Was sich später zum theologischen Konstrukt des „Heiligen Geistes“ innerhalb einer göttlichen Dreiheit wandelt, war ursprünglich der „Geist“, der Jesus schamanisch „besetzte“. Jesus, eingebettet in der religiösen Tradition des Judentums, erkennt ihn als den Geist Jahwes. Die „Sünde wider den Heiligen Geist“, von der Jesus spricht, die nicht vergeben werden kann, ist der Zweifel daran, dass Jesus wirklich aus dem Geist Gottes handelt. Das ist äusserst kraftvoll und verwegen!

Das Bekenntnis des Petrus bei Caesarea Philippi (Mk 8,27-30) ist ein Versuch , diesen schamanistischen Jesus in einen theologisch akzeptableren Rahmen einzubinden. „Für wen halten mich die Menschen?“ Will heißen: „Was glauben die Leute, wessen Geist mich antreibt bei meinen Taten?“. Die Antwort zeigt, dass die Leute Jesus genau in der Tradition der israelitischen Schamanen der Vergangenheit sahen: „Einige für Johannes den Täufer, andere für Eliah, wieder andere für einen anderen Propheten.“ Übersetzt: „Der Geist des Eliah hat von dir Besitz ergriffen.“ Das konnte so natürlich nicht stehen bleiben, weshalb Petrus die Antwort zugeschrieben wird: „Du bist der Messias!“ Eigentlich hätte die Antwort lauten müssen: „Du bist ein vom Geist Jahwes Besessener!“. Das Modell „Messias“ war noch die theologisch akzeptabelste Konstruktion, Jesu schamanistische Gott-Besessenheit zu akzeptieren, ohne sie beim Namen zu nennen. Man holte Jesus damit aus dem Dunstkreis des Magischen heraus und adelte ihn mit einem durch die Tradition geheiligten Titel.

Die Evangelien tun auch sonst alles, um die schamanistischen Auffälligkeiten Jesu zu beseitigen. Die Wunderheilungen verlaufen relativ unspektakulär. Selbst bei den Exorzismen zeigt Jesus keines der typischen schamanistischen Merkmale wie etwa Trance. Stets wirkt Jesus souverän und selbstbestimmt, sogar etwas distanziert. Meist steht im Vordergrund ein Wort der „Sünden“-Vergebung, als ob das „Wunder“ nichts weiter als eine unvermeidbare Begleiterscheinung wäre. Ich bin überzeugt, dass Jesus Heilungen und Exorzismen nicht so steril abgelaufen sind! Denn anderseits wird Jesus ja wiederholt vorgeworfen, er sei vom Teufel besessen. Demzufolge muss er zweifellos Anzeichen von Tranceverhalten gezeigt haben. Außerdem hält ihn sogar seine eigene Familie für verrückt und will ihn nach Hause holen. Johannes erwähnt mehrmals den Vorwurf seiner Widersacher, Jesus sei von einem Dämon besessen. Diese Vorwürfe wirken seltsam übertrieben, eben weil der Anlass verschwiegen oder heruntergespielt oder wegtheologisert wird.

Dass Jesus später eine einzigartige Nähe zum Göttlichen zugeschrieben wurde, lässt sich weder allein durch die hinter dem Auferstehungsglauben stehenden transpersonalen Erfahrungen einiger Jesus-Leute erklären, noch durch Jesu Botschaft allein. Jesus muss schon allein durch sein Verhalten in bestimmten Situationen den Eindruck erweckt haben, dass in ihm eine transpersonale Kraft am Werk war, die ihn für den göttlichen Urgrund der Wirklichkeit transparent werden ließ. In diesem Sinn halte ich den Ehrentitel „Sohn Gottes“ nach wie vor für aussagekräftig, solange seine Beziehung zu dem vor zweitausend Jahren real existierenden Mann aus Nazareth evident ist. In den metaphysischen Spekulationen über einen Gott in drei Personen allerdings kann ich den konkreten Menschen Jesus von Nazareth nicht mehr finden. Und seinen Gott auch nicht.

Dienstag, 3. Mai 2011

Allah ist groß und Gott segne Amerika

Wenn islamistische Selbstmordattentäter sich in die Luft sprengen, dann sterben sie mit dem Ruf auf den Lippen: „Allah ist groß!“. Als der amerikanische Präsident die Liquidierung Osama Bin Ladens im Fernsehen verkündete, schloss er mit den Worten: „Gott segne Amerika!“. Gewiss, auch ich empfand eine ganz spontane Befriedigung, als ich von der Ermordung dieses Feiglings hörte, der Tausende zu sinnlosem Morden anstiftete und selber nichts riskierte als seine Millionen, die er noch nicht einmal selber verdient hatte. Aber ich glaube nicht, dass das eine irgendetwas zur Größe Allahs beiträgt oder das andere eine Tat war, die unter Gottes Segen stand.

Das erste Gebot des Dekalogs lautet: „Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen!“. Es ist ein Missbrauch des Namens Gottes, wenn wir Gott in unsere Händel hineinziehen und ihn zu unserem Parteigänger machen wollen. Gott ist weder Partisan eines pervertierten Islam, noch sind die Amerikaner das auserwählte Volk Gottes, als das sie sich so gerne sehen. Wenn wir Gott nicht über alle Grenzen und jedes denkbare Maß hinaus größer sein lassen, vergeben wir uns jede Chance, selbst über uns und unsere Verstrickungen hinaus zu wachsen. In der Tat, Allah-Gott ist groß, und darin liegt unsere einzige Chance, aus dem Sumpf unserer Armseligkeit heraus zu kommen. Darum empfehle ich den Verbrecher Osama Bin Laden und seine Mörder der Großherzigkeit Gottes.