Mittwoch, 20. April 2011

Jesu letztes Mahl

Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen. Man möchte meinen, dies sei eines der unbestreitbar echten Jesus-Worte. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Essen und Trinken durch die von den Evangelien skizzierte „Biografie“ des Jesus von Nazareth. Ein Fresser und Weinsäufer sei Jesus, wird ihm gleich am Anfang von seinen Gegnern vorgehalten. Seine Vision oder Utopie von einer herrschaftsfreien Gesellschaft Gottes beschreibt Jesus als Gastmahl, das ein reicher Gutsherr ausrichtet. Die Menge, die einen Tag lang seinen Unterweisungen und Geschichten gelauscht hat, speist er mit Brot und Fisch. Dem verlorenen Sohn wird nach seiner Heimkehr ein Kalb geschlachtet, sehr zum Missfallen des älteren Bruders. Ist Jesus unter den Gästen, gebeten oder ungebeten, braucht man für die Unterhaltung nicht zu sorgen: in Kana lässt er Waschwasser als Wein auftischen, bei einem angesehenen Pharisäer lässt er sich von einer Frau von zweifelhaftem Ruf umschmeicheln. Überhaupt legt er keinen großen Wert darauf, mit wem er sich zum Essen hinsetzt. Jeder ist ihm recht, weshalb er sich den Vorwurf gefallen lassen muss, er pflege Umgang mit Steuerpächtern und Huren. Nach seinem Tod erkennen die zwei Jünger auf dem Weg nach Emmaus ihren Herrn am Brotbrechen und den Fischern am See Tiberias, wird klar, wer vor ihnen steht, als er sie um ein Stück Fisch bittet.

Dass Essen und Trinken für Jesu Reich-Gottes-Vision so zentral sind, muss nicht unbedingt mit einer persönlichen Vorliebe für einen guten Tropfen Wein und ein gutes Essen in anregender Gesellschaft zu tun haben. Jesus lebte in einer Gesellschaft des Mangels. Seine Adressaten sind überwiegend die kleinen Leute, für die der Hunger eine alltägliche Erfahrung war. Jesus selbst wird den Mangel am eigenen Leib erfahren haben. Wer Gott gerade einmal um Brot für einen Tag bittet, verfügt kaum über eine wohl gefüllte Speisekammer. In einer solchen Lage kann einem ein Festmahl, bei dem die Tische sich biegen unter der Last der Speisen und der Wein in Strömen fließt, durchaus wie der Himmel auf Erden erscheinen.

Ein Mahl ist seinen Anhängern vor allem in Erinnerung geblieben, sein letztes kurz vor seiner Verhaftung. Es ist historisch nicht mehr auszumachen, was damals geschah, noch was Jesus dabei gesprochen haben mag, oder ob es überhaupt ein Mahl war, dass sich von all den vielen anderen Mählern unterschied, die Jesus mit seinen JüngerInnen gehalten hat. In der Erinnerung seiner Anhänger aber wurde es vollends von Jesu Todesschicksal überschattet. So wurde es schon sehr bald so verstanden, als habe Jesus bei diesem Letzten Abendmahl sein Leiden und Sterben quasi rituell vorweggenommen. Und bald scheint es in vielen Jesus-Bewegungen und den ersten Christengemeinden Brauch geworden zu sein, in einem rituellen Mahl die Todeshingabe Jesu zu feiern, wobei das Brot als Jesu Leib, der Wein als Jesu vergossenes Blut gedeutet wurden. Wenn es auch Gruppierungen gab, die diese Deutung von Brot und Wein nicht kannten, hat sie sich doch schließlich allgemein durchgesetzt bis hin zu Abendmahl und Eucharistie der christlichen Kirchen der Gegenwart.

Ich denke, dass in diesem Fall, wie in vielen anderen auch ,das einschneidende Ereignis des gewaltsamen Todes Jesu zu einer Deutung geführt hat, die nicht unbedingt der Absicht und dem Verständnis von Jesus selbst entsprach. Essen und Trinken waren für Jesus ein Gleichnis für die hereinbrechende Gottesherrschaft. Dabei muss man sich zuallererst bewusst werden, dass anders als in unserer Fast-Food-Gesellschaft Essen und Trinken in traditionellen Gesellschaften ein soziales Ereignis war. Im gemeinsamen Essen und Trinken versicherte man sich der Zugehörigkeit und des Zusammenhalts der eigenen Gruppe, weshalb man sich auch nur mit denen zu Tisch setzte, die Angehörige der eigenen Gruppe waren. Und es aßen die Männer getrennt von den Frauen und Kindern, und die Frauen trugen auf und die Männer ließen sich bedienen. Diese strenge Ausschließlichkeit durchbrach Jesus. In der herrschaftsfreien Gesellschaft Gottes saßen alle an demselben Tisch. Jesus setzte sich mit Männern und Frauen zu Tisch und selbst mit denen, die in der jüdischen Gesellschaft von zweifelhaftem Ruf waren, mit Steuerpächtern und mit Frauen, die ein freies, ungebundenes Leben führten. Deshalb der Vorwurf, er esse mit Sündern und Huren. In der herrschaftsfreien Gesellschaft Gottes trugen nicht die Frauen oder die Sklaven auf und die Männer ließen sich bedienen. Das Johannes-Evangelium trägt da bei der Schilderung des Letzten Abendmahls ein entscheidendes Element zum Verständnis Jesu bei. Jesus steht nach dem Mahl auf und wäscht seinen Jüngern (Jüngerinnen ?) die Füße. Das ist ein Sklavendienst! Nicht so in Gottes Neuer Ordnung!

Ich denke deshalb keineswegs, dass Jesus beim Letzten Abendmahl an seinen bevorstehenden Tod dachte. Ich meine vielmehr, dass die Verhaftung wenige Stunden danach für Jesus ebenso überraschend kam wie für seine Anhänger. Jesus erwartete an jenem Abend unmittelbar vor dem Pessach nicht seinen Tod. Er erwartete, dass Gottes endgültiger Durchbruch in diese Wirklichkeit unmittelbar bevorstand. Den überzeugendsten Beleg für diese Behauptung sehe ich immer noch in dem überlieferten Jesus-Wort: Ich werde vom Gewächs des Weinstocks nicht mehr trinken, bis ich davon trinken werde im Reich Gottes. Dabei dachte Jesus gewiss nicht an irgendeine nachtodliche Existenz. Er hatte ein durch und durch reales Festmahl im Blick in einer realen irdischen Wirklichkeit, die allerdings verwandelt sein würde durch ein unüberbietbares Eingreifen Gottes. Man muss sich vergegenwärtigen, dass Jesus in einer mythisch geprägten Vorstellungswelt lebte und handelte. Seine Reich Gottes war nicht in einem irgendwie gearteten Jenseits angesiedelt. Jesu Reich Gottes war durch und durch Diesseits! Es würde die Vollendung dessen sein, was Gott durch sein, Jesu, Handeln als Heiler und Exorzist schon begonnen hatte. Wenn Jesu Mahl mit seinen FreundInnen, das sein letztes sein sollte, anders war als all die anderen Mähler, die er mit ihnen gefeiert hatte, dann war es Jesu angespannte Erwartung von Gottes unmittelbarem Eingreifen und seine überschwängliche Freude: Jetzt ist es soweit!

Montag, 18. April 2011

Karfreitag

Es ist ein natürliches menschliches Bedürfnis, auch in der schlimmsten Katastrophe noch nach einem Sinn zu fragen. Auch wer sich jeder denkbaren Antwort verschließen mag, wird nicht verhindern können, dass sich ihm ein Warum? auf die Lippen drängt, wenn ein Unglück, ein Leid oder ein himmelschreiendes Unrecht ihn trifft. Dieses Warum? ist oft der einzige, wenn auch fragile Rettungsbalken, der einen daran hindert, in einem Meer der Verzweiflung unterzugehen.

Der Tod Jesu war für seine Anhänger eine Katastrophe, die sie völlig unerwartet traf (Lk 24, 19-21). Eben noch waren sie mit Jesus zum Pessach nach Jerusalem gekommen in der freudigen Erwartung, dass hier Gott etwas Wunderbares ins Werk setzen würde. Jesus selbst hatte sie mit seiner Zuversicht angesteckt: Nicht mehr werde ich von der Frucht des Weinstocks trinken, bis ich davon erneut trinken werde im Reich Gottes! So hatte Jesus in der Hochstimmung eines Festmahls kurz vor dem Pessach geschworen. Da schwang nicht die Vorahnung seines baldigen gewaltsamen Todes mit. Das war im Überschwang freudiger Erwartung gesprochen, dass Gott selbst jetzt zu Ende führen würde, was er in seinen, Jesu Heilungen und Exorzismen begonnen hatte.

Dass Jesus seinen Tod vorausgesehen haben soll, war Teil der Antwort auf jenes verzweifelte Warum seiner Anhänger, nachdem seine und ihre Hoffnungen so brutal enttäuscht worden waren. Es wäre weniger schwer mit der Katastrophe seines Todes zurecht zu kommen, wenn Jesus sein Ende vorausgesehen und sein Todesschicksal freiwillig auf sich genommen hätte. Da wäre dann wenigstens der Schimmer eines Sinnes aufgeblitzt, angesichts eines ansonsten völlig sinnlosen Endes.

Denn möglicherweise war ja alles noch viel sinnloser abgelaufen, als die Evangelien glauben machen möchten. Vielleicht war ja Jesus vor jenem Pessach in Jerusalem nur mehr oder weniger zufällig in das grausame Räderwerk politischer Winkel- und Schachzüge zwischen Kreisen der Tempelaristokratie und der römischen Besatzungsmacht geraten.

Man feierte Pessach, die Erinnerung an die Befreiung Israels aus der Unterdrückung durch Ägypten und man feierte Pessach in einem von den Römern besetzten Land. Das bot jede Menge Sprengstoff und Pilatus, der römische Präfekt, war nervös und nicht gerade bekannt für seine subtilen Methoden. Da konnte der Hohepriester Kajaphas durchaus auf die Idee kommen, dass es besser wäre, es sterbe einer für das Volk, als dass das ganze Volk zugrunde gehe (Joh 11,50).

Und Jesus bot sich als Bauernopfer dar. Dieser ungebildete Bauer/Handwerker aus dem Galil, der mit seinen wirren Reden im Tempelbezirk aufgefallen war. Gefährlich war er wohl nicht, aber langsam wurde er lästig. Die Lösung drängte sich geradezu auf: man war einen Störenfried los und man konnte Pilatus einen vermeintlichen Unruhestifter präsentieren, damit er ihn exekutiere zur Warnung für all jene, die vielleicht wirklich einen Aufstand planten. Dass es so gewesen sein könnte, zeigt auch der Umstand, dass man nur Jesus festnahm und seine Anhänger unbehelligt ließ.

So war denn Jesus mehr oder weniger zufällig umgekommen. So etwas ist in jedem Fall eine schreckliche Tragödie für die Hinterbliebenen. Noch schlimmer aber ist es, wenn das Opfer das verehrte Idol einer, wenn vermutlich auch nur bescheidenen Bewegung war. Und so begann das Nachdenken und Forschen nach dem tieferen Sinn des so offensichtlich Sinnlosen, ein Prozess, der sich vermutlich über einige Jahre hinzog.

In den religiösen Überlieferungen Israels und des Judentums suchte und fand man die Antworten. Jesus Schicksal wurde als typisches Prophetenschicksal gesehen. Dass der Gerechte viel leiden müsse, las man im Psalm 22. In Jesaja 53, dem Lied vom leidenden Gottesknecht, der wegen unserer Sünden zermalmt und unsere Sünden auf sich nahm fand sich einen weiterer Ansatzpunkt für eine sinnvolle Deutung des Todes Jesu. Aus dem frühen Judentum ( 2Makk 7, 37f) stammte der Gedanke, dass ein Märtyrer Gott sein Leiden als Sühne für die Sünden anderer anbietet. So entwickelte sich die Vorstellung, dass Jesus für unsere Sünden gestorben sei.

Die folgenschwerste Deutung des Todes Jesu und eine Hypothek, von der sich das Christentum nie befreien konnte, ist die Verbindung des Todes Jesu mit dem Opferkult des Jerusalemer Tempels. Jesu Tod wurde als das letzte und endgültige Sühneopfer zur Versöhnung Gottes mit der Menschheit gedeutet. Damit wurde der Opferkult des jüdischen Tempels überstiegen und zu Ende gebracht.

Auf den Punkt gebracht, würde das bedeuten, dass Gott das Opfer eines unschuldigen Menschen braucht, damit eine mit ihm zerfallene Menschheit wieder mit ihm ins reine kommt. Theologisch versuchte man dies dadurch abzumildern, dass hier nicht ein zorniger Gott versöhnt werden müsse, sondern dass Gott von sich aus die Hand zur Versöhnung ausstrecke. Es bleibt allerdings die Tatsache, dass bei dieser göttlichen Friedensinitiative ein Mensch mit seinem Leben bezahlen muss.

Damit diese Deutung einen Sinn bekam, musste man allerdings voraussetzen, dass die Beziehung zwischen Mensch und Gott im wahrsten Sinne des Wortes heillos zerrüttet sei. Paulus entfaltet diesen Gedanken in seiner Gegenüberstellung zwischen Adam und Christus. Durch Adams Sünde ist das Band zwischen Gott und Mensch zerrissen, durch Christus, den neuen Adam, wird es wieder geheilt. Dahinter steht ein zutiefst pessimistisches Menschen- und ein höchst fragwürdiges Gottesbild. Wieder einmal war das alte christliche Prinzip wirksam: damit Gott umso größer dasteht, muss zuerst der Mensch möglichst klein gemacht werden!

Jesu Gottes- und Menschenbild jedenfalls war das nicht. Zweifellos anerkennt auch Jesus die Wirklichkeit der Sünde. Gerade in seinen Heilungen wird bei ihm der Zusammenhang von Krankheit und Sünde offenbar. Aber Jesus spricht als Heiler bedingungslos die Vergebung Gottes zu. Seine einzige Forderung: Gehe hin und sündige nicht mehr!

Bei allem Respekt, den wir den Bemühungen der ersten Generation nach Jesu Tod schulden, einen Sinn im Tod Jesu zu entdecken: Ihre Antworten sind nicht die unseren. Für uns ist Jesus zuallererst einer von Millionen unschuldiger Opfer hinterhältiger politischer Macht und der schwer zu akzeptierende Beleg dafür, dass Gottes Gute Ordnung, die Jesus Gottesherrschaft nannte, unter den Bedingungen der Geschichte stets bedroht ist und bleiben wird.

Einen Sinn in seinem Tod lässt sich weder in klugen Theorien noch in irgendwelchen Dogmen finden. Der Sinn des Todes Jesu erschließt sich nur in der Praxis. Die aber besteht darin, sein Werk unermüdlich trotz aller Rückschläge fort zu führen, damit die Lahmen den aufrechten Gang lernen, die Blinden einen klaren Blick bekommen, die Armen ein Auskommen finden und allen das Evangelium von Gottes herrschaftsfreier Gesellschaft bekannt gemacht wird. Solange Jesu Botschaft weitergesagt und seine Arbeit fortgeführt wird, ist Jesus nicht umsonst gestorben.

Dienstag, 12. April 2011

Kein roter Teppich in Jerusalem

Die letzten Tage im Leben des Jesus von Nazareth beginnen mit seinem triumphalen Einzug in Jerusalem, fünf Tage vor Beginn des Pessachfestes (Mk 11, 1-11; Mt 21, 1-10; Lk 19, 28-38; Joh 12, 12-19) . Jesus reitet auf einem jungen Esel, auf dem noch niemand geritten war, in Jerusalem ein. Leute aus der Menge breiten ihre Kleider vor ihm auf den Weg, reissen Zweige von den Büschen und streuen sie auf den Weg, und von allen Seiten rufen sie Jesus zu: Hosianna! Gesegnet sei er, der da kommt im Namen des Herrn! (Mk 11,9).

Es ist ein beeindruckendes Szenario und Neutestamentler unterschiedlicher Couleur versuchen hartnäckig, Historie darin zu entdecken, wenn sie auch zugeben müssen, dass die Erzählung von versteckten Zitaten aus der jüdischen Bibel nur so strotzt. Jesus hätte ein ausserordentlich schriftkundiger Gelehrter sein müssen, um seinen Einzug in Jerusalem so zu gestalten, dass er gleich einer ganzen Reihe biblischer Verheissungen entprach. Da finden die Jünger, die auf Jesu Anweisung auf die Suche nach einem Reittier gehen, einen jungen Esel angebunden, wie Jesus es vorausgesagt hatte. Der Vorfall lässt an die Episode in 1 Sam 9f denken, wo Saul auf der Suche nach den Eselinnen seines Vaters die Königswürde fand. Jesu Ritt auf einem Eselsfüllen ist ein Zitat aus Sacharja 9,9: Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir! Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. Jesus wird als der verheissene Friedenskönig stilisiert, der den Anbruch der Gottesherrschaft für die ganze Welt einläutet.

Hier wird nicht Historie wiedergegeben, vielmehr liegt hier ein meisterhaftes Stück erzählender Exegese vor. Es ist Deutung von Person und Mission Jesu aus der Rückschau, auf dem Hintergrund biblischer Hoffnungsbilder Israels. Eine Deutung übrigens, die sich schlecht verträgt mit Jesu eigenem Verständnis von seiner Mission. Jesus Vision ist sehr viel schlichter und vorallem theozentrischer. Ihr ist jegliche Königsmetaphorik fremd, weder erscheint Gott als König und schon gar nicht sieht Jesus sich selbst als Messias-König. Jesus lebt und wirkt aus der Erfahrung, woher immer sie sich ihm auch vermittelt haben mag, dass in seinen heilerischen und exorzistischen Fähigkeiten Gottes Herrschaft in der Geschichte Fuss gefasst hat. Dass dieser Prozess weitergeht und sich in Bälde vollendet, ist Teil seiner Vision. Aber das ist allein Gottes Werk. Jesus hat mehr mit einem schamanistischen Propheten gemein, einem Jahwe-Besessenen, als mit irgend einer königlichen Gestalt der israelitisch-jüdischen Tradition.

Es ist zutreffend, wenn gesagt wird, in der Erzählung vom Einzug Jesu in Jerusalem , werde die Königswürde von aussen an Jesus herangetragen, von der huldigenden Menge. Hierin mag ein Stück historischer Wahrheit stecken. Gut möglich, dass es unter den Anhängern Jesu, den engeren und den eher zufälligen, einige Enthusiasten gegeben haben mag, die ihre messianischen Hoffnungen an Jesus geknüpft haben. Dies dürfte für Judäa wahrscheinlcher gewesen sein als für Galiläa. In Judäa wurde die bedrückende Realität der römischen Besatzung wohl unmittelbarer erlebt als im Galiläa des Herodes, der immerhin noch eine gewisse Nähe zum Judentum für sich beanspruchen konnte. Bemerkenswert ist auch, dass sich im Spruchevangelium Q, dessen Ursprünge man wohl unter den Jesus-Leuten in Galiläa vermuten darf, keinerlei Ansätze erkennen lassen, Jesus mit dem Messias oder irgend einer Königsgestalt in Verbindug zu bringen. Wenn an Jesus also messianische Hoffnungen herantgetragen wurden, dann bot wohl eher das römsich besetzte Judäa den Nährboden dafür. Die vorliegende Erzählung will den Eindruck erwecken, dass Jesus sich diesen Erwartungen nicht verschlossen hatte. Immerhin ist er es ja, der den Einzug in Jersusalem so beziehungsreich inszeniert. Ich halte das für wenig wahrscheinlich, weil es eine radikale Abkehr von Jesu bisherigem Selbstverständnis bedeuten würde. Vielmehr halte ich die Jesus zugeschriebene Inszenierung für eine Erfindung der Verfasser dieser Geschichte. Sie sind es, die sich mit der jubelnden Menge indentifizieren und in Jesus den erhofften Messias sehen.

Die Geschichte ist auch aus einem ganz praktischen Grund wenig plausibel. Wäre Jesus wenige Tage vor dem Pessach inmitten einer Menge jubelnder Anhänger, die ihn als König feierten, in Jerusalem eingezogen, hätte es nicht sehr lange gedauert, bis eine Kohorte römischer Soldaten auf der Szene erschienen wären und dem Spektakel ein blutiges Ende bereitet hätte. An Pessach quoll die Stadt über von tausenden von Pilgern und die Römer, stets in Sorge vor Unruhen, verstärkten in diesen Tagen ihre militärische Präsenz in der Stadt. Sie wären beim geringsten Anzeichen eines Aufstands brutal eingeschritten.

Schliesslich macht auch der zeitliche Ablauf der auf den Einzug in Jersalem folgenden Ereignisse Probleme. Wäre Jesus, wie Markus und in seinem Gefolge Matthäus und Lukas es haben wollen, vor besagtem Pessach erstmals nach Jerusalem gekommen, dann fragt man sich, wie Jesus, ein unbekannter Prophet aus dem Galil, es innerhalb von drei Tagen, die er erstmals in Jerusalem gewesen sein soll, schaffte, die Tempelaristokratie, Teile der Jerusalemer Bevölkerung und die Römer so gegen sich aufzubringen, dass sie seinen Tod beschlossen.

Es besteht Einigkeit darüber, dass sich eine Chronologie des Lebens und Wirkens Jesu nicht aufstellen lässt. Zu widersprüchlich sind die Angaben der Evangelien. Folgt man den Synoptikern, folgt auf eine unbestimmte Zeitspanne des Wirkens in Galiläa eine gemächliche Reise nach Jerusalem. wo Jesus das Pessach begehen will. Zwischen Jesu erstem öffentlichen Auftreten in Galiläa und seiner Hinrichtung in Jerusalem lägen demnach einige Monate bis zu höchstens einem Jahr.
Anders nach dem Evangelium des Johannes. Bei dessen Lektüre gewinnt man den Eindruck, Jesus pendle unentwegt zwischen Galiläa und Judäa hin und her. Jerusalem besucht er mindestens fünf Mal anlässlich eines jüdischen Feiertags. Danach hätte das öffentliche Wirken Jesu um die drei Jahre gedauert, wovon er im Gegensatz zu den Synoptikern einen guten Teil in Judäa verbracht hätte. Jesu letzter Jerusalem Besuch findet am fünften Tag vor dem Pessach statt und gestaltet sich wie bei den Synoptikern zu einem Triumphzug, bei dem Jesus von einer grotssen Menge als der König Israels begrüßt wird (Joh 12,12-19).

Entwirft man einen zeitlichen Ablauf, der dem Johannesevangelium folgt, dann müsste man das Ereignis, welches alle Evangelisten zum triumphalen Einzug in Jerusalem stilisieren, eher auf das Laubhüttenfest im Herbst zuvor ansetzen. Einige Elemente, etwa die frischen Zweige oder der zitierte Psalm 118, erinnern ja auch eher an das Laubhüttenfest als an Pessach. Jesus hätte dann vom Herbst bis zum Frühjahr in Judäa und Jerusalem gewirkt und durchaus die Möglichkeit gehabt, sowohl Anhänger zu sammeln wie sich Feide zu schaffen.

In diese Zeit liessen sich auch die verschiedenen Konflikte ansiedeln von denen Johannes in Judäa berichtet. Jesus gerät wiederholt in prekäre Situationen. Die „Juden“ wollen ihn steinigen, weil er am Sabbat geheilt hatte (Joh 5,1-18); Jesus selbst spricht davon, dass man ihn töten wolle (Joh 7,19). Hohepriester und Synedrium versuchen wiederholt seiner habhaft zu werden, aber Jesus entzieht sich ihnen oder man wagt nicht, ihn festzunehmen (Joh 7,37-52). Unter dem Volk ist die Meinung über Jesus geteilt, einige halten ihn für einen Propheten, andere gar für den Messias, wieder andere lehnen ihn ab. Die Situation spitzt sich zu nach der Totenerweckung des Lazarus (11,17-44). Pharisäer und Synedrion fürchten, dass Jesus ob seiner Wundertätigkeit immer grösseren Zulauf bekommen könnte. Das könnte zu Unruhen führen und die Römer auf den Plan rufen. Also beschliesst man, Jesus zu töten, denn, so bringt es der Hohepriester Kajaphas auf den Punkt: „.... dass es besser ... ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.“( Joh 11, 49f). Daraufhin versteckt sich Jesus zunächst nahe der Wüste (Joh 11, 54-57), kehrt aber dann doch kurz vor dem Pessach nach Bethanien, seinem Stützpunkt in Judäa, zurück (Joh 12,1), und zieht am Tag darauf feierlich in Jersusalem ein (Joh 12, 12-19).
Das Szenario, das Johannes hier entwirft, ist durchaus plausibler, als die Komposition des Markus, nach der Jesus nur ein einziges Mal nach Jersusalem gekommen sein soll, wohl wissend, dass ihn dort ein gewaltsames Ende erwarte (Mk 8, 31-33; 9, 30-32; 10, 32-34). Ein weiteres Argument dafür, dass Jesus über einen längeren Zeitraum von wenigstens einigen Monaten in Judäa und Jerusalem predigte und wirkte, ist der Umstand, dass sich unmittelbar nach seinem Tod in Jerusalem eine grössere Gruppe von Jesus-Anhängern ausmachen lässt, wie sowohl Paulus wie auch die Apostelgeschichte belegen. Die kann nicht nur aus einem Häufchen Anhänger aus Galiläa bestanden haben, die Jesus mutmasslich auf seinem angeblich einmaligen Gang nach Jersusalem begleitet haben.

Montag, 4. April 2011

Wovon die Passionsgeschichte wirklich erzählt

Die Passionsgeschichte, bald wird sie wieder in den Gottesdiensten der Karwoche vorgelesen, gehört wohl zu den Texten des Neuen Testaments, mit der größten Wirkung. Maler und Musiker haben von ihr inspiriert herrliche Kunstwerke geschaffen. Leidende und Unterdrückte haben im leidenden Jesus Trost und Stärke gefunden. Manche, wie Franz von Assisi, haben sich derart mit ihrem leidenden Herrn identifiziert, dass dessen Wundmale an ihrem Leib erschienen. Wiederum andere erkennen im Schicksal des Gekreuzigten das Los ihrer unterdrückten Geschwister und holen von ihm Inspiration und Anstoß im Kampf gegen Unrecht und Unterdrückung.

Durch alle Zeiten hindurch aber ist mit dem Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth auch schrecklich Missbrauch getrieben worden. Mit dem Hinweis auf den Leidenden und Gekreuzigten wurden die Unterdrückten angehalten, ihr Schicksal geduldig zu ertragen. Schon sehr früh entwickelte sich ein regelrecht pathologischer Martyriumskult: Als Märtyrer für Christus zu sterben wurde als erstrebenswertes Los gepredigt und von allen Heiligen standen die MärtyrerInnen an erster Stelle. Das Abscheulichste aber: Die Passionsgeschichte lieferte über annähernd zweitausend Jahre hinweg die Rechtfertigung für den Antijudaismus des Christentums. Die Kirchenväter prägten ein neues Wort für das angebliche Verbrechen der Juden: Deizid, Gottesmord. Ich erinnere mich noch , wie Ende der fünfziger Jahre in der katholischen Karfreitagsliturgie noch für das gottlose Volk der Juden gebetet wurde. Das war mehr als zehn Jahre nach der Schoah!

Bis in die Gegenwart hinein hat man in der Passionsgeschichte, deren älteste noch erhaltene Fassung im Markusevangelium (Mk 14,1 – 15,47) vorliegt, so etwas wie das Protokoll der letzten Tage und Stunden des Jesus von Nazareth gesehen. Selbst in neueren Fachpublikationen vertreten Exegeten und Theologen noch die Meinung, die Passionsgeschichte gebe im großen und ganzen verlässlich wieder, wie Jesus gefangengenommen, verurteilt und hingerichtet wurde. Auch kritischere Exegeten verwenden viel Scharfsinn und Druckerschwärze darauf, zwischen den Zeilen des Textes Ursachen und Hintergründe von Jesu Todesschicksal zu enträtseln.

All diesen Versuchen zum Trotz ist festzuhalten: das einzig verlässliche historische Faktum des Todesschicksals Jesu ist die Tatsache, dass Jesus unter dem römischen Präfekten von Judäa, Pontius Pilatus, gekreuzigt wurde. Dies wird von zwei Quellen außerhalb des Neuen Testamentes bezeugt, dem jüdischen Historiker Josephus Flavius (um 90 u.Z.) und dem römischen Geschichtsschreiber Tacitus (um 110 u.Z.). Selbst die Behauptung, Jesus sei als König der Juden, bzw. als jüdischer Königsprätendent, hingerichtet worden, steht auf schwachen Füssen. Für alles außer der nackten Tatsache, dass Jesus einen gewaltsamen Tod unter dem seinerzeitigen Vertreter der römischen Besatzungsmacht in Judäa erlitt, sind wir auf bloße Vermutungen angewiesen.

Entgegen der vorherrschenden Meinung von Laien und Fachleuten, ist die Passionsgeschichte, die abhängig von Markus auch noch von Matthäus und Lukas und unter Verwendung zusätzlichen Materials von Johannes überliefert wird, überhaupt nicht daran interessiert, einen Bericht über die letzten Tage Jesu zu liefern. Vielmehr ist sie der Versuch einer Rechtfertigung, weshalb Anhänger Jesu nach dessen Tod am Kreuz behaupteten, der Gekreuzigte sei der Messias Gottes.

Von zahlreichen Exegeten wird heute angenommen, Markus habe eine schon vorhandene Passionserzählung übernommen und bearbeitet. Diese wäre in den Jahren zwischen 30 und 60 u.Z. unter den Jesus-Leuten in Jerusalem entstanden. Sie waren Thora-gläubige Juden, die am Tempel und seinen Opfern festhielten wie alle übrigen Juden auch. Vom Mainstream-Judentum unterschieden sie sich allerdings dadurch, dass sie Jesus für den Messias hielten, den Gott nach dessen Tod zu sich erhöht hatte und der in naher Zukunft als Menschensohn wieder erscheinen und damit das Ende der Zeiten ankündigen würde. Diese Juden, ich nenne sie jetzt einfach messianische Juden, gerieten sehr bald in Konflikt mit dem offiziellen Judentum, verkörpert durch den Hohepriester, das Synedrion und die Partei der Sadduzäer, die Angehörigen der Tempelaristoratie. Die Apostelgeschichte liefert Hinweise für diese Auseinandersetzungen (Apg 5,17 – 42). Widerspruch kam vielleicht auch aus Teilen der Bevölkerung.

Von einem am Schandpfahl des Kreuzes Hingerichteten zu behaupten, er sei der an die Seite Gottes erhöhte Messias, war ein Angriff auf das jüdische Gottesverständnis. Vom Messias wurde erwartet, dass er Israel befreien würde. An einem leidenden, gekreuzigten und damit gescheiterten Menschen als Messias festzuhalten, war in der Tat eine Gotteslästerung, würde dies doch bedeuten, dass Jahwe schwach und machtlos und nicht in der Lage wäre, sein Volk zu retten. Das Scheitern des Messias wäre das Scheitern Gottes selbst.

Natürlich war dieses Problem auch den messianischen Juden bewusst und die Schriftgelehrten unter ihnen suchten in der jüdischen Heiligen Schrift nach Stellen, die belegen sollten, dass ein leidender und gekreuzigter Messias seit alters her schon von der Überlieferung Israels und des Judentums vorhergesagt wurde. Das Ergebnis dieses Suchens und Forschens fand seinen Niederschlag unter anderem in dem, was uns heute als Passionsgeschichte vorliegt, bzw. in deren Vorläufer. Die Auseinandersetzung zwischen den messianischen Juden in Jerusalem nach Jesu Tod und ihren Gegnern wurde in einem beeindruckenden Stück literarischer Fiktion als Drama der Festnahme, Verurteilung und Hinrichtung Jesu gestaltet. Die Schriftverweise sind dabei so geschickt in die Erzählung hinein verwoben, dass sie dem Leser gar nicht mehr auffallen.

Um diesen Beitrag nicht ins Unermessliche anwachsen zu lassen, möchte ich nur einige wenige Belege für diese Behauptung anführen.

Auf die Frage des Hohepriesters, ob Jesus der Messias sei, antwortet Jesus (Mk 14, 61 - 64):

Jesus sagte: Ich bin es. Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen.
Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Wozu brauchen wir noch Zeugen? Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was ist eure Meinung? Und sie fällten einstimmig das Urteil: Er ist schuldig und muss sterben.


Dieses Bekenntnis hört sich im Munde Jesu sehr unwahrscheinlich an. Jesus hat sich selber nie als den Messias bezeichnet und in seiner Reich-Gottes-Vorstellung spielt eine messianische Gestalt keinerlei Rolle. Außerdem kann man Jesus kein einziges der Menschensohnworte zuschreiben, das von einer zukünftigen Menschensohnfigur spricht. Diese sind ausnahmslos in den Jesusbewegungen nach Jesu Tod entstanden.

Das Wort, das Jesus hier in den Mund gelegt wird, deckt sich aber genau mit dem Bekenntnis der messianischen Juden nach Jesu Tod. Für den historischen Jesus macht der Vorwurf der Gotteslästerung in diesem Zusammenhang keinerlei Sinn, wohl aber konnte man ihn gegen die messianischen Juden nach seinem Tod vorbringen.

Ein Argument, dass Vertreter des offiziellen Judentums den jesuanischen Dissidenten vorgehalten haben dürften, ist die offensichtliche Machtlosigkeit eines gekreuzigten Messias. Es versteckt sich hinter der Verhöhnung des sterbenden Jesus durch den Hohepriester und die Schriftgelehrten:

Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Der Messias, der König von Israel! Er soll doch jetzt vom Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben. (Mk 15, 31f).

Dass der oberste Priester der Juden mit seiner ganzen Entourage am Hinrichtungsplatz erschienen ist, um sich über einen galiläischen Prediger lustig zu machen, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Hier wird ein von den messianischen Juden vermutlich oft gehörter Spott ihrer Widersacher in die Kreuzigungsszene zurückverlegt.

Dies ist auch ein Beispiel für den polemischen Ton, der die Passionsgeschichte unterspielt und in dem sich die Erbitterung des Autors über die Ablehnung durch das offizielle Judentum Luft verschafft. Als Polemik zu werten ist auch das wiederholte „Kreuzige ihn!“ (Mk 15, 13f) der Menge vor Pilatus. Aus dem Widerspruch, der den messianischen Juden aus der Bevölkerung entgegenschlug, wird das Gebrüll eines wütenden Mobs, der den Tod ihres Messias verlangt haben soll. Diese Polemik sollte in der Geschichte des Christentums noch unheilvolle Folgen haben.

Markus setzt dann in seiner Bearbeitung der Vorlage noch eins drauf mit dem Bekenntnis des römischen Hauptmanns: „Wahrhaftig dieser Mensch war Gottes Sohn!“ (Mk 14,39). Damit sind die Juden endgültig außen vor, denn im Unterschied zu den Heiden haben sie Jesu wahres Wesen nicht erkannt.

Es bleibt festzuhalten: Die Passionsgeschichte der Evangelien spiegelt den Konflikt einer Gruppe jüdischer Jesus-Anhänger in Jerusalem mit den Vertretern des offiziellen Judentums wider. Dieser Konflikt wird literarisch fiktiv in die Tage der Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung Jesu zurückverlegt. Dem Konflikt zugrunde liegt ein Problem, das nach wie vor Aktualität besitzt: Kann ein Gott, der sich schwach und machtlos erweist, wirklich Gott sein?