Mittwoch, 30. März 2011

Gehört das Christentum zu Deutschland?

Der neue Innenminister Friedrich (CSU) spielt gerade wieder einmal erfolgreich auf dem Klavier der Islam-Phobie und Fremdenfeindlichkeit. Seine Einladung an die muslimische Minderheit in Deutschland zu einer „Sicherheitspartnerschaft“ mit den Behörden war der offensichtliche Versuch, die Sympathien jener für sich zu gewinnen, die jeden Abend mit der Sorge zu Bett gehen, sie würden am Morgen mit dem Ruf des Muezzin aus dem Schlaf gerissen. Die Islam-Konferenz beendete Friedrich einmal mehr mit seinem Mantra: „Dieses Land ist ein christlich-abendländisch geprägtes Land, ... daran bestand und besteht hoffentlich auch kein Zweifel.“

Ganz gewiss hat das Christentum unsere Kultur über mehr als anderthalb Jahrtausende entscheidend mitgeprägt. Wenn die Verschwisterung zwischen Christentum und Kultur ein Gewinn für die abendländische Kultur war, so hat das Christentum umgekehrt in diesem Prozess viel von seiner ursprünglichen Dynamik und Sprengkraft verloren. Ja es ist regelrecht kastriert worden. Das christliche Bekenntnis ist nämlich etwas grundlegend anderes als der christliche Kultur-Verschnitt, auf den sich Politiker der C-Parteien so gerne berufen, wenn es ihnen wieder einmal um bestimmte Wählerschichten geht.

Immerhin ist eine der Säulen, auf denen das christliches Bekenntnis ruht, das Evangelium des Jesus von Nazareth. Dieses aber ist in seiner zentralen Botschaft radikal herrschafts- und kulturkritisch. Es widersetzt sich jeder Vereinnahmung durch irgendwelche Mächte und Gewalten. Jesu Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft Gottes erweist jegliches politische System als vorläufig und defizient. Wer sich also auf die christlichen Wurzeln unserer Gesellschaft beruft, der sollte sich wohl bewusst sein, dass er sich damit zugleich immer auch zu einer radikalen Kritik seines Denkens und Handeln bekennt.

Man muss den christlichen Kirchen in unserem Land zubilligen, dass sie sich wenigstens gelegentlich gegen die allzu unverfrorene Vereinnahmung des Christentums durch bestimmte politische Gruppen zur Wehr setzen. Aber sie sind natürlich auch die Profiteure der bedenklichen kulturellen und strukturellen Einbettung des Christentums in unserer Gesellschaft. Umso wichtiger ist es, dass Einzelne und Gruppen umso kompromissloser die kritische Botschaft des ursprünglichen Evangeliums Jesu öffentlich vertreten und so die Differenz zwischen kulturellem und evangeliumsgemäßem Christentum deutlich werden lassen. „Seid Sand im Getriebe der Welt“ hat Günter Eich seinerzeit in einem Gedicht geschrieben, das könnte auch ein Jesus-Wort sein.

Samstag, 26. März 2011

Im Schatten des Kreuzes

Ins strahlende Licht des Osterglaubens getaucht, hat das Kreuz Jesu viel von seinem Schrecken verloren, ja es ist schließlich zum Symbol des christlichen Bekenntnisses schlechthin geworden. Dabei wird allzu leicht übersehen, dass das Kreuz einen dunklen Schatten auf Jesu Vision von Gottes herrschaftsfreier Gesellschaft wirft.

Was ist denn nun mit dem ureigenen Evangelium des Jesus von Nazareth: Gottes herrschaftsfreie Gesellschaft ist nahe herbei gekommen? Es spricht einiges dafür, dass Jesus sich in der festen Überzeugung auf den Weg nach Jerusalem machte, dass Gott dort und jetzt seine, Jesu Vision sicht- und greifbare Realität werden lasse. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass Jesus entschlossen war, es auf einen Konflikt mit den Tempelautoritäten und der römischen Besatzungsmacht ankommen zu lassen. Ob er seinen Tod voraussah? Ob er ihn wohl gar suchte? Ich denke nicht! Vielmehr glaube ich, dass Jesus den Konflikt ganz bewusst suchte, weil er fest daran glaubte, Gott würde zu seinen Gunsten eingreifen, ihn retten und so seine herrschaftsfreie Gesellschaft (Reich Gottes) verwirklichen.

Beim sogenannten „Letzten Abendmahl“ wird Jesus mit dem Wort zitiert: „Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes“ (Mk 14,25). Meistens wird dieser Ausspruch so gedeutet, dass Jesus damit sein unmittelbar bevorstehendes Ende voraussagte. Einige sehen darin allerdings den Ausdruck von Jesu Überzeugung, dass der endgültige Durchbruch von Gottes Herrschaft unmittelbar bevor stünde. Damit wäre es alles andere als ein Wissen oder Ahnen des eigenen Todes, vielmehr Ausdruck eines geradezu verwegenen Glaubens an die Wirkmacht seines Gottes. Ich denke allerdings, man muss noch einen Schritt weiter gehen. Das zitierte Jesus-Wort oder ein ähnlicher Ausspruch Jesu ist ein Schwur. Jesus schwört, keinen Wein mehr zu trinken bis zum endgültigen Durchbruch von Gottes herrschaftsfreier Gesellschaft. Damit setzt er Gott in Zugzwang: „Jetzt, Gott, handle endlich, zögere nicht länger und strafe nicht mein Evangelium Lügen! “ Stunden später stirbt Jesus mit dem verzweifelten Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ (Mk 15,34).

Man möge jetzt nicht vorschnell die Osterkerze anzünden, um das Evangelium Jesu aus dem Schatten des Kreuzes herauszuholen. Nein, das Evangelium Jesu von Gottes herrschaftsfreier Gesellschaft muss im Schatten des Kreuzes gelesen und gedeutet werden. Das Kreuz Jesu bedeutet, dass Gottes Handeln unverfügbar ist. Nicht weil Gott nicht wollte, sondern weil Gottes Handeln von einer radikal anderen Qualität ist als die Wünsche, Phantasien, Visionen und Bedürfnisse unseres Ego. Auch des Ego des Jesus von Nazareth. Hier mag dann meinetwegen das Nachdenken über Ostern einsetzen. Erst, wer den Karfreitag als das akzeptiert, was er ist: das Scheitern der Erwartungen und Hoffnungen des Jesus von Nazareth, der darf über Ostern predigen. Gottes herrschaftsfreie Gesellschaft ist nur über den Tod des Ego am Kreuz zu erlangen. Damit ist nicht nur und ausschließlich der physische Tod gemeint. Die Botschaft des Kreuzes heißt: Gott Gott sein lassen und ihn nicht zum Werkzeug der eigenen Wünsche und Phantasien machen.

Dienstag, 22. März 2011

Vom Missbrauch des Kreuzes

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat eben in der Revision eines früheren Urteils festgestellt, dass Kruzifixe in italienischen Schulen nicht gegen die Menschenrechte verstoßen. Die Deutsche Bischofskonferenz begrüßte die Entscheidung. Desgleichen die bayerische Justizministerin Beate Merk. Das Kreuz stehe für unsere abendländischen Bildungs- und Kulturwerte. Ohne sich der Ironie ihrer Aussage bewusst zu sein, sprach Frau Merk in diesem Zusammenhang vom Wertekorsett, das unsere Gesellschaft zusammenhalte. Wer außer Rückengeschädigten trägt denn heute noch ein Korsett!

Ich achte das Kreuz als religiöses Symbol. Es verweist mich zurück auf den Menschen Jesus von Nazareth und wie er mit seiner Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft (Reich Gottes) mit den Herrschern dieser Welt über Kreuz geriet. Mich packt aber der Zorn, wenn ich sehe, wie dieses Kreuz über Jahrhunderte hinweg pervertiert wird, indem es zum Herrschaftssymbol eben jener Herrschenden gemacht wird, deren Macht durch die von Jesus verkündete Gottesherrschaft in Frage gestellt wird. Das beginnt mit jener angeblichen Vision des römischen Kaisers Konstantin, in der ihm der Sieg in einer Schlacht im Zeichen des Kreuzes vorausgesagt wurde: In Hoc Signo Vinces! In diesem Zeichen wirst du siegen, soll er vernommen haben. Worauf er dann nach seinem tatsächlichen Sieg das Christentum als Staatsreligion anerkannte. So die Mär.

An diesem Tag beginnt die Kumpanei zwischen Macht und Kreuz. Im Zeichen des Kreuzes wurden die Indianer Südamerikas versklavt, die Juden in Spanien zwangsbekehrt oder ausgerottet, die Kanonen im ersten Weltkrieg gesegnet. Fürwahr ein Wertekorsett dieses Kreuz, eine Zwangsjacke vielmehr! Und wenn heute das Kreuz an den Wänden von Schulen, Gerichten und Amtsstuben hängt, dann ist das nichts weniger als pure Blasphemie.

Das Kreuz ist nicht mehr das Symbol einer fundamentalen Kritik an jeder Form von Machtausübung, die durch die Herrschaft Gottes an ihre Grenze geführt wird. Es ist zum Herrschaftssymbol und zur Legitimation jener geworden, die die Macht haben. Deshalb ist das Kreuz aus öffentlichen Gebäuden zu entfernen, damit es seine gesellschafts- und machtkritische Funktion wieder erfüllen kann. Das Kreuz in öffentlichen Gebäuden mag keine Verletzung der Menschenrechte sein, eine Verletzung der Gottesrechte ist es allemal.

Donnerstag, 17. März 2011

Ein politischer Exorzismus

Mk 5,1-20)
Jesus kommt von Kapernaum ans andere Ufer des Kinnereth-Sees ins Umland der Stadtrepublik der Gadarener. Als Jesus aus dem Boot steigt, tritt ihm aus den Gräbern, offenbar befinden wir uns in der Nähe einer Begräbnisstätte, ein Besssesener entgegen. Er haust dort in den leeren Grabhöhlen und verfügt über ungeahnte Kräfte. Fesselt man ihn mit Fusseisen und Ketten, zerreisst er sie und keiner vermag ihn zu bändigen. Tag und Nacht haust er in den Höhlen, schreit und wirft mit Steinen um sich.

Man erinnert sich an Samson, jenen Helden aus Israels Vorzeit, der über übermenschliche Körperkraft verfügte und selbst die Säulen zum Einsturz brachte, an die ihn seine Feinde, die Feinde Israels, ketteten.

Der Besessene, wie stets bei Markus, erkennt das Geheimnis, das Jesus umgibt. Er verneigt sich tief vor ihm. Er schreit mit gewaltiger Stimme – und jetzt fragt man sich, wessen Stimme da ertönt: „Was willst du von mir, Jesus, Sohn Gottes, des Höchsten?“ Es ist die Stimme des Dämons. Er fleht Jesus an, seltsam genug, im Namen Gottes: „Quäle mich nicht!“ Denn Jesus hatte ihm befohlen, er solle ausfahren aus dem Unglücklichen. Auf die Frage Jesu nach seinem Namen antwortet der Dämon: „Legion! Denn viele sind wir.“ Und der Dämon bittet Jesus, sie „doch nicht aus dem Land hinauszutreiben“.

Jesus lenkt ein und erlaubt ihnen, jetzt ist nur noch von den Vielen die Rede, in eine nahegelegene Schweineherde zu fahren. Die unglücklichen Schweine, an die zweitausend, stürzen sich in den See und ersaufen.

Die Geschichte ist gespickt mit beziehungsreichen Anspielungen. An Samson, den unbesiegbaren Helden, der schliesslich durch eine List überwältigt wird. An die vielen unreinen Mächte – Legion – gemeint sind natürlich die Römer, die mit ihren Legionen das Land unterdrücken. An das Heer des Pharao, das hinter den Israeliten bei ihrem Auszug aus Ägypten herjagt, um jämmerlich im Roten Meer zu ersaufen.

Das ist in der Tat eine kunstvolle politische Parabel, wie sie Unterdrückungssituationen zu allen Zeiten hervorbringen. Sie ist voller versteckter Anspielungen, die nur den Eingeweihten, die unter den Unterdrückten zu finden sind, verständlich sind. Die Spitzel der Herrschenden bekommen nur eine unwahrscheinliche Geschichte zu hören und werden dabei das unbehagliche Gefühl nicht los, hier würden sie auf den Arm genommen. Hier wird kaum ein tatsächliches Ereignis aus dem Leben Jesu erzählt, vielmehr wird eine politische Hoffnungsgeschichte vorgetragen.

Montag, 14. März 2011

Jesus und die Ausländerin

Eine Geschichte:

Jesus kommt mit seinen JüngerInnen in das Gebiet von Tyrus. Da läuft eine Syrophönizierin schreiend hinter ihm her. Sie hat eine Tochter zu Hause, die ist von einem Dämon besessen und Jesus soll ihr helfen. Der ignoriert sie. Jesus mag keine Ausländer. Bei ihm zu Hause nennt man sie Hunde und das ist kein Kosewort.
Die Frau aber ist hartnäckig. Sie tritt Jesus in den Weg und bringt wortreich ihr Anliegen vor. Jesus aber putzt sie mit einer schroffen Antwort ab: „Man nimmt nicht den Kindern das Brot weg und wirft es den Hunden hin!“ Die Fremde jedoch lässt sich nicht beleidigen. Schlagfertig gibt sie zurück: „Aber fällt nicht auch für die Hunde unter dem Tisch etwas ab von dem, was die Kinder zu essen bekommen.“ Und Jesus gibt ihr zur Antwort: „Wirklich, Frau, mit deinem Glauben beschämst du mich.“
Als die Frau nach Hause kam, war ihre Tochter gesund.
(vgl. Mt 15,21-28; Mk 7,24-30).

Sonntag, 13. März 2011

Gebt Ihr ihnen zu essen

Markus erzählt die folgende Geschichte (Mk 6, 34-44):

Viele Menschen waren Jesus gefolgt und er redete den ganzen Tag lang zu ihnen...Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät. Schick sie weg, damit sie in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen und sich etwas zu essen kaufen können. Er aber sagte: gebt ihr ihnen zu essen. Wie so oft bei Markus, sind die Jünger etwas begriffstutzig. Sie sagen zu ihm: Sollen wir vielleicht für zweihundert Denare Brot kaufen, um sie alle zu verköstigen? Zweihundert Denare entsprachen immerhin dem durchschnittlichen Jahreslohn eines Landarbeiters. Jesus sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach. Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote, und außerdem zwei Fische. Dann befahl er ihnen, den Leuten zu sagen, sie sollten sich in Gruppen ins grüne Gras setzen. Die Leute setzten sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig. Dann nahm Jesus die fünf Brote und die zwei Fische, sprach den Segen, brach die Brote und ließ sie von den Jüngern unter den Leuten verteilen. Auch die Fische ließ er unter den Leuten verteilen. Alle aßen und wurden satt. Am Ende sammelten die Jünger noch zwölf Körbe voll von den Resten, die übrig geblieben waren. Es waren fünftausend Männer und mindestens ebensoviele Frauen und etliche Kinder, die von den Broten gegessen hatten.

Eine hübsche Geschichte und natürlich erfunden. Wenn man genau hinhört, merkt man sogar einen leicht ironischen Unterton heraus. Der Gegensatz zwischen den vielen Menschen und dem Wenigen an Nahrung wird bewusst auf die Spitze getrieben. Und dann bleibt noch eine unwahrscheinliche Menge übrig. Es ist genug für alle da, mehr als genug! Ein Wunder? Gewiss, aber nicht da, wo man es vermutet. Dies ist kein Tischlein-Deck-Dich Märchen. Das Wunder, wenn es denn stattfindet, liegt in dem veränderten Blick auf die Situation. Der Blick der Jünger ist fixiert auf die Vielen, die satt werden sollen. Die Aufmerksamkeit Jesu richtet sich auf die vorhandene Nahrung. Los, teilt aus! Und, oh Wunder, alle werden satt!

Mittwoch, 9. März 2011

Menschwerdung

Das christliche Glaubensbekenntnis spricht davon, dass Gott in Jesus von Nazareth Mensch geworden sei. Es fasst den Begriff der Menschwerdung Gottes aber zu eng, meine ich, wenn es, im Mythos verharrend, die Menschwerdung Gottes so versteht, dass es dem Menschen Jesus göttliche Natur zuschreibt. Die Menschwerdung Gottes ist ein dynamischer Prozess und nicht ein einmaliges Ereignis. Im Schicksal Jesu wird dieser Prozess bloß augenfällig. Er wird augenfällig im Todesschicksal Jesu. Weil die Ohnmacht Jesu am Kreuz die Ohnmacht Gottes ist, der ihm sein Schicksal nicht ersparen kann, wird Jesus am Kreuz zum Sakrament der Menschwerdung Gottes. Mehr Menschwerdung Gottes geht nicht, als dass er sich in der äußersten, ausweglosesten Situation eines Menschen mit ihm identifiziert.

Im Kreuzestod Jesu wird deutlich, dass Gott sich bis in die Ohnmacht und äußerste Verlassenheit des Menschenschicksals inkarniert. Es ist nicht so, dass Gott auch anders könnte und sich hier gewissermaßen zum Heil der Menschen klein machen würde. Nein Gott ist so, die Ohnmacht des Menschen ist seine Ohnmacht. Aber es ist die Ohnmacht Gottes und deshalb verspricht sie mir Trost und Nähe, wo ich selber ohnmächtig bin. Eine menschliche Analogie mag das verdeutlichen. Wenn in einer Notsituation, und wäre es der Augenblick meines Sterbens, ein guter Freund meine Hand hält, die Ausweglosigkeit des Augenblicks mit mir teilt, es durchsteht, dass er nichts tun kann, als an meiner Seite auszuharren, dann ist das eine Gnade, für die es keine Worte gibt. So ist Gott, wenn er Mensch wird. Deshalb ist in Wirklichkeit der Karfreitag und nicht Weihnachten das Fest der Menschwerdung Gottes.

Dienstag, 8. März 2011

Sakrament der Ohnmacht

Das Projekt Jesu, die Verwirklichung der Gottesherrschaft in der realen Gegenwart Israels, nicht etwa in einem zeit- und geschichtslosen Jenseits, endet mit seinem Tod an einem römischen Kreuz bei Jerusalem. Das Kreuz setzt nicht nur Jesus mit seinem Vertrauen in den Abba-Vater ins Unrecht und bringt ihn an den Rand der Verzweiflung: „Mein Gott mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, es desavouiert Gott selbst. Gott hat Jesu Tod nicht verhindert, weil er ihn nicht verhindern konnte. Jede andere Deutung ist theologische Schönfärberei. Jesus am Kreuz ist das Sakrament der Ohnmacht Gottes.

Umgekehrt erhält Jesu Botschaft von der nahe herbeigekommenen Gottesherrschaft im Blick auf das Kreuz erst ihre Glaubwürdigkeit. Ohnmacht ist die Weise, in der Gott inmitten unserer Wirklichkeit anwesend ist. Dann ist er aber auch gerade dort zu finden, wo menschliche Ohnmacht am augenscheinlichsten ist: bei den Armen, den Rechtlosen, den Ausgegrenzten, den täglich zu Tausenden gekreuzigten Geschwistern des Jesus von Nazareth. Das Kreuz setzt Jesu Botschaft von der nahe herbeigekommenen Gottesherrschaft keineswegs ins Unrecht. Es treibt sie bloß auf die Spitze.

Das Kreuz stellt aber auch alle gängigen Wertvorstellungen auf den Kopf. Gott ist nicht mit denen da oben, Gott ist mit denen, die ganz unten sind. Die einzige Macht des ohnmächtigen Gottes des Gekreuzigten besteht darin, menschlichen Machtansprüchen jegliche Berechtigung abzusprechen, ja sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Deshalb schickt Jesus seine JüngerInnen ohne Schuhe und Mantel, ohne Tasche und Knüppel auf den Weg. Deshalb empfiehlt er ihnen, dem, der sie auf die rechte Wange schlägt, auch die linke hinzuhalten. Dem, der nach dem Mantel verlangt, auch den Rock zu überlassen. Zwei Meilen mit dem zu gehen, der einen zwingt, eine Meile sein Gepäck zu tragen.

Hier wird nicht ein Evangelium für Feiglinge gepredigt, hier soll die subversive Macht der Ohnmacht Gottes augenfällig demonstriert werden. Hier wird die Herrschaft eines ohnmächtigen Gottes inmitten der Mächte dieser Welt real. Aber auch sie steht fortwährend unter dem Zeichen des Kreuzes, denn „Erfolg ist keiner der Namen Gottes“ wie jemand irgendwann einmal sagte.

Sonntag, 6. März 2011

Warum liess Gott Jesus sterben?

Das Christentum baut sich um die Frage herum auf, warum Gott Jesus von Nazareth einem schmachvollen, grausamen und ungerechten Tod überließ. Der Tod Jesu, augenfällig im allgegenwärtigen Symbol des Kreuzes, ist der Mittelpunkt des christlichen Mysteriums. Es ist, als ob die Christen zweitausend Jahre nach jenem denkwürdigen Karfreitag in Jerusalem noch immer den Schock zu verarbeiten hätten, den Jesu Gefolgsleute damals erlitten.

Ob dieser Todesverliebtheit des christlichen Bekenntnisses geriet recht schnell das in den Hintergrund, was die zentrale Botschaft des Jesus von Nazareth selbst war. Dass Gottes Kraft inmitten unserer Wirklichkeit ihre verborgene Dynamik entfalte. Nichts anderes nämlich war gemeint, wenn Jesus predigte: „Die Herrschaft Gottes ist nahe herbeigekommen!“ Jene unter den Anhängern Jesu, die auch nach dem Tod ihres Meisters unverdrossen in Galiläa von Dorf zu Dorf zogen und Jesu Botschaft weitertrugen, verschwanden schon wenige Jahrzehnte später aus dem Blickfeld der Geschichte. Stattdessen feierte außerhalb Palästinas ein Erlösungsmythos seine Erfolge, demzufolge ein Gottmensch Christus die Menschheit durch seinen Tod von ihren Sünden erlöst und ihr damit wieder den Zugang zu Gott ermöglicht hatte.

Voraussetzung dafür war natürlich, dass diese Menschheit vor dem Tod Jesu mit Gott im Unreinen war, so sehr im Unreinen, dass den Menschen der Zugang zu Gott schlechterdings unmöglich war. Dieser Zugang konnte erst durch den stellvertretenden Tod eines Gottmenschen wieder geöffnet werden, der wohlgemerkt der besondere Liebling Gottes, ja sein eigener Sohn war. Also opferte Gott das Liebste, was er hatte, seinen eigenen Sohn, damit sich die Menschheit wieder mit ihm versöhnen konnte.

Man mag sich fragen, ob man denn mit einem solchen Gott überhaupt etwas zu tun haben möchte! Wenn der schon seinen eigenen Sohn opfert, wie kann man sich dann als gewöhnlicher Sterblicher darauf verlassen, dass er einen nicht auch irgendwann fallen lässt? Man muss den Widersinn dieser Konstruktion so auf die Spitze treiben, damit einem die theologische Ungeheuerlichkeit dahinter bewusst wird. Mit dem Bild, das Jesus selber von seinem Gott hatte, hat diese Theologie auf jeden Fall nichts zu tun. Jesus predigte und lebte einen Abba-Gott, der sich fürsorglich um Spatz und Lilie, um Gerechte und Ungerechte sorgt und von den Menschen das gleiche Verhalten erwartet. Aber Jesus war ja auch kein Theologe!

Das Gottesbild, das hinter der christlichen Erlösungstheologie steht, orientiert sich an der Gestalt des antiken Despoten. Dieser hat Wohl und Wehe der Untertanen in seiner Hand. Er entscheidet willkürlich über Recht und Unrecht und ist niemand Rechenschaft schuldig. Seine Handlungen sind entweder Straf- oder Gnadenakte. Ein Gott nach dem Modell des Despoten handelt durchaus folgerichtig und akzeptabel, wenn er seinen Sohn umbringen lässt, um damit etwas Gutes zu bewirken. Das christliche Bekenntnis hat sich nie wirklich von diesem Gottesbild verabschiedet, weil es anders seinen Ursprung neu begründen müsste. Man kann einwenden, das Christentum habe doch auch das Gottesbild Jesu von Nazareth, die Vorstellung von seinem Abba-Gott, bewahrt. Gewiss, es hat dem göttlichen Despoten den Mantel der Väterlichkeit in den Schrank gehängt, den er bei besonderen Gelegenheiten anziehen darf.

Bleibt also die Frage: Warum ließ Gott Jesus sterben? Die einzige akzeptable Antwort ist: Weil Gott Jesu Tod nicht verhindern konnte! Um den Gott des Jesus von Nazareth verstehen zu können, müssen wir uns von unserem Bild eines allmächtigen Gottes verabschieden. Auch die Vorstellung von der Allmacht Gottes ist ja nichts anderes als die Extrapolation menschlicher Allmachtsphantasien ins Unendliche! Der Gott des Gekreuzigten ist ein ohnmächtiger Gott. Der Gott des Jesus von Nazareth ist ein gekreuzigter Gott, gekreuzigt wieder und wieder in den tausenden und abertausenden unschuldig Verfolgten, den Erniedrigten und Geknechteten. Gott herrscht nicht irgendwo da oben, Gott leidet hier unten! Und nur da ist er zu finden! Das ist die einzig legitime Antwort des Kreuzes: Gott ist dort zu finden, wo Menschen in äußerster Not und Verzweiflung rufen: „Mein Gott, mein Gott! Warum hast Du mich verlassen!“

Mittwoch, 2. März 2011

Je kleiner der Mensch, desto grösser Gott?

In dem erfrischenden Buch Hallo Mister Gott, hier spricht Anna beklagt sich die kleine Anna über ihrer Religionslehrerin: „Sie lässt Gott nie grösser werden, sie macht immer nur die Menschen kleiner.“ Kritisch betrachtet trifft diese Feststellung auf das Christentum insgesamt zu. Damit die christliche Botschaft ihre ganze Strahlkraft entfalten kann, muss zuerst der Mensch ordentlich niedergemacht werden. Ich lese gerade wieder einmal die Briefe des Paulus aus Tarsus und bei ihm kann man diese Taktik sehr gut beobachten.

Das geht dann ungefähr so: Zwischen Gott und Mensch besteht ein unheilvolles Zerwürfnis. Die ganze Menschheit ist mit dem Makel von Adams Ungehorsam behaftet und in Sünde verstrickt. Rettung aus dieser Verstrickung bringt nur der Tod des Jesus von Nazareth. Jesus, der Christus, stirbt stellvertretend als Sühne für die Sünden der Menschheit (1Kor 15,3f). Für heutiges Empfinden ist eine solche Deutung des Todes Jesu schwer nachvollziehbar. Für die Adressaten des Paulus machte diese Interpretation durchaus Sinn. Sie knüpft an die hellenistische Vorstellung vom edlen Tod an. Nach dieser Vorstellung ist der gewaltsame oder erzwungene Tod eines edlen Menschen, wie etwa der Tod des Sokrates, eine verdienstvolle Tat für die Gemeinschaft.

Paulus greift zu dieser Konstruktion, um Griechen und Römern den als Aufrührer hingerichteten Jesus von Nazareth als Heilsbringer schmackhaft machen zu können. Damit dies aber funktioniert, muss Paulus zuerst die Menschheit in möglichst dunklen Farben zeichnen. Der Mensch wird klein gemacht, damit Gott umso grösser erscheint! Diese Sicht des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch steht allerdings in einem krassen Gegensatz zur Sichtweise Jesu. Seine Botschaft ist eine ganz andere. Die Herrschaft Gottes ist nahe herbei gekommen, will heißen, Gott ist mitten unter euch am Werk! Er kümmert sich mit elterlicher Fürsorge noch um den kleinen Spatz und die Lilien auf dem Felde. Ja er hat sogar jedes Haar auf unserem Kopf gezählt. Er richtet die Gebeugten auf, lässt Lahme gehen und Blinde wieder sehen und „Deine Sünden sind dir vergeben“. Gott richtet die Kleinen auf, statt sie in den Staub zu drücken. Gott will den Menschen nicht klein, damit er selbst umso grösser dasteht. Oder wie es in einem Psalm über den Menschen steht: „Nur wenig unter die Engel hast du ihn gestellt.“

Dienstag, 1. März 2011

Wie Jahwe eine Rivalin loswurde

Eva, die in Wirklichkeit Hawwah hiess, hat ein schlechtes Image. Zu Unrecht. In Wirklichkeit war sie eine Göttin und älter als Jahwe. Sie verkörperte die nährende, lebenspendende Kraft der Natur und sie steht für ein harmonisches Miteinander von Mensch und Natur, eine wahrhaft ökologische Gottheit. Wohin ihre Entmachtung und Erniedrigung führte, sieht man an der folgenden Geschichte.

Am Anfang war die Erde eine öde Steppe. Kein Gras, kein Strauch, kein Baum wuchs auf ihr. Denn noch hatte der Himmel nicht regnen lassen. Auch war noch kein Mensch da, die Erde zu bebauen.

Doch ERDE brachte Feuchtigkeit aus ihrem Innern hervor und tränkte den Boden. Hawwah, die Mutter aller Lebenden, nahm Lehm vom Ackerboden und formte daraus den Menschen. Sie bestrich ihn mit ihrem Blut und brachte ihn zum Leben. Hawwah nannte den Menschen ADAM, Erdmensch.

Im Osten der Steppe liegt ein Garten. In ihm wachsen Gräser, Sträucher, Büsche und Bäume aller Art in üppiger Pracht. Ein wundervoller Anblick. Tiere leben darin, friedlich jedes nach seiner Art. Der Garten wird von zwei Flüssen durchzogen und in der Mitte steht der Baum des Lebens und der Baum der Erkentnis. Ihre Früchte sind herrlich anzuschauen und ein vorzüglicher Genuss.

In diesen Garten setzte Hawwah Adam, damit er ihn hege und pflege und seine Tiere hüte. Hawwah fand Gefallen an Adam und pflegte vertrauten Umgang mit ihm. Sie führte ihn in die Mitte des Gartens zum Baum des Lebens und zum Baum des Erkennens. Der Baum des Erkennens aber ist der Sitz der weisen Schlange. Die Schlange gab Hawwah eine Frucht vom Baum und Hawwah ass davon und labte sich an ihrem köstlichen Geschmack. Sie gab auch Adam von der Frucht und auch er ass davon.

Jahwe, Gott, aber missfiel, dass Adam vertrauten Umgang mit Hawwah hatte. Auch ärgerte ihn, dass Adam von der Frucht gegessen, die Hawwah ihm gereicht hatte. Adam erkannte, dass er Jahwe geärgert hatte und er versteckte sich vor seinem Zorn. Jahwe aber fuhr im Tagwind daher und rief Adam: „Adam, wo bist Du!“ Und Adam antwortete ihm: „Hier bin ich, Herr! Ich habe mich versteckt, weil ich Deinen Zorn fürchte!“ „Warum hast Du von der Frucht gegessen?“ Adam erwiderte: „Hawwah hat sie mir gegeben.“ Fragte Jahwe: „Hawwah, was hast Du getan?“ Hawwah sagte: „ Die weise Schlange hat mir von der Frucht gegeben. Ich ass davon und ich gab auch Adam davon.“

Da verfluchte Jahwe die weise Schlange: „Auf Deinem Bauche sollst Du kriechen und Staub fressen. Feindschaft will ich stiften zwischen Dir und dem Weibe. Du wirst nach ihrer Ferse trachten und sie wird Dir den Kopf zertreten.“

Zu Hawwah aber sprach Jahwe: „ Deine Schwangerschaft wird Dir viele Beschwerden bringen. Unter Schmerzen sollst Du Deine Kinder gebären. Du wirst nach dem Mann verlangen, er aber wird Dich beherrschen.“

Zu Adam sprach Jahwe, der Eifersüchtige: „Verflucht sei der Ackerboden um Deinetwillen. Dornen und Disteln soll er Dir tragen und im Schweisse Deines Angesichts sollst Du ihm Deine Nahrung abtrotzen.“

Dann jagte Jahwe Hawwah und Adam aus dem Garten in die Steppe hinaus. Vor den Baum des Lebens und des Erkennens aber stellte er zwei Cherube mit flammenden Schwertern.

Adam aber erkannte Hawwah und sie gebar ihm zwei Söhne, Kain und Abel. Kain aber erschlug den Abel, weil Abels Opfer Gefallen gefunden hatte vor Jahwe.