Donnerstag, 21. Juli 2011

Jesus und die Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4,1-42)

Auf dem Weg von Judäa nach Galiläa kommt Jesus mit seinen Jünger durch das Gebiet der Samariter. Müde, hungrig und durstig machen sie Rast in der Nähe des Grundstücks, das der Erzvater Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte. Während seine Jünger auf der Suche nach Essbarem den Ort aufsuchen, setzt sich Jesus an den Brunnen. Es ist Mittag.

Da kommt eine Frau, um Wasser zu schöpfen und Jesus bittet sie um einen Schluck Wasser. Die Frau wundert sich, dass er, ein Jude, sie eine Samariterin um Wasser bittet, war doch den Juden der Umgang mit Samaritern untersagt. Diese galten als unrein, wohl weil sie sich im Laufe der Jahrhunderte mit heidnischen Ansiedlern vermischt hatten. Aus einem Gefäß zu trinken, das einer samaritischen Frau gehörte, würde auch Jesus unrein machen. Zudem war es an sich eine Ungehörigkeit, dass ein fremder Mann eine Frau in der Öffentlichkeit ansprach.

Befremdlich allerdings war es ebenso, dass eine Frau in der Mittagszeit zum Wasserholen ging und noch dazu ohne Begleitung. Und wenn, dann hätte der Anstand es verlangt, dass sie auf der Stelle kehrt gemacht hätte, sobald sie des Fremden am Brunnen ansichtig geworden war. Immerhin würde sie als Frau eher in Verruf geraten als der Mann. So war das eben.

Ob die Frau Jesus nun einen Trunk angeboten hat oder nicht, verschweigt die Erzählung, denn nun beginnt der johanneische Jesus einen Monolog über ein anderes, ein lebendiges Wasser und man hat den Verdacht, Johannes hätte die Geschichte mit dem Durst leidenden Jesus nur als Vorwand benutzt, um seinem Jesus das Stichwort zu einer Predigt zu liefern. So leicht aber ist die Frau nicht zu beeindrucken. Sie macht einige sehr vernünftige Einwendungen: woher will der Fremde denn dieses Wunderwasser herholen, da er ja kein Schöpfgefäß hat? Irgendwie findet sie das Angebot aber doch recht bedenkenswert. Immerhin könnte sie sich so in Zukunft den Weg zum Brunnen und die mühselige Wasserschlepperei ersparen.

Anders als andere Prediger vor und nach ihm merkt Jesus, dass er an der guten Frau vorbeiredet. Er tut so, als ob er sie nach ihrem Mann schicken will und als sie sagt, sie hätte keinen Mann, sagt er ihr auf den Kopf zu, dass sie schon fünf Männer gehabt habe und dass sie mit ihrem derzeitigen Gefährten nicht verheiratet sei. Damit hat er sie. Womit erwiesen wäre, dass man ohne viel Theologie oft viel leichter Glauben findet.

Es entwickelt sich jetzt ein ernsthaftes Gespräch zwischen Jesus und der Frau über die rechte Art , Gott anzubeten, wobei nun Jesus endlich Gelegenheit findet, erneut theologisch zu werden. Dabei ist weniger bemerkenswert, was Jesus zu sagen hat. Vielmehr fällt die souveräne Rolle auf, welche die Frau in dem Gespräch spielt. Sie ist nicht einfach die stille und andächtige Zuhörerin, die an den Lippen des Meisters hängt. Sie stellt kluge Fragen, sie argumentiert und sie bekennt, dass auch sie, die unreine Samariterin, das Kommen des Messias erwartet.

Und als Jesus, der johanneische Jesus wohlgemerkt, sich ihr als der von ihr erwartete Messias zu erkennen gibt, lässt sie ihren Wasserkrug stehen und eilt zurück in ihr Dorf, um allen, die es hören wollen, zu verkünden, dass sie womöglich dem Messias begegnet sei. Man wird an die andere Frau, Maria aus Magdala, erinnert, die nach ihrer Begegnung mit Jesus nach dessen Tod zu den Jüngern eilt mit der Botschaft: „ Ich habe den Herrn gesehen!“

Die Geschichte ist um so bemerkenswerter, wenn man sie mit der Begegnung zwischen Jesus und dem jüdischen Ratsherrn Nikodemus im vorangehenden Kapitel vergleicht (Joh 3, 1- 13). Nikodemus kommt heimlich in der Nacht zu Jesus, damit er von niemand gesehen wird. Die Samariterin trifft sich unbefangen mit Jesus, mitten am Tag, ungeschützt an einem einsamen Brunnen, ohne auf ihren guten Ruf zu achten. Nikodemus versteht nicht, was Jesus ihm sagen will (Joh Joh 3,10). Die Frau beteiligt sich am Gespräch und verrät bemerkenswerte Kenntnis dabei . Nikodemus taucht erst wieder auf, um dem Leichnam des Gekreuzigten zusammen mit Josef von Arimathäa zu bestatten und ihm für einen horrenden Preis kostbare Salben mit ins Grab zu geben (Joh 19,39f). Die Frau eilt zu ihren Mitbürgern mit der Nachricht: „Ich bin möglicherweise dem Messias begegnet.“

Die Geschichte zeichnet das Porträt einer Frau, die mit einer für ihre Zeit ungewöhnlichen Souveränität agiert. Wie auch andere Frauen im Johannesevangelium erscheint sie als echte Jüngerin Jesu und Verkünderin seiner Botschaft, eine Apostolin im echten Sinn des Wortes. Die Geschichte erlaubt keine Rückschlüsse auf die realen Verhältnisse unter den AnhängerInnen des historischen Jesus. Sie zeigt aber deutlich, dass in dem Milieu, in dem das Johannesevangelium Gestalt annahm, Frauen eine hervorragende Rolle in der Verkündigung zukam. Es ist ja auch schon die Hypothese aufgebracht worden, das Johannesevangelium stamme von einer Frau. Ei wei!

Kommentare:

Ameleo hat gesagt…

Diese Frau am Jakobsbrunnen und Hagar sind mir die liebsten Gestalten in allen biblischen Büchern. Stark, selbstbewußt, klug, mit eigenem Glauben. Die Frau am Jakobsbrunnen bekennt Jesus als erste als den Messias - noch vor Petrus - und Hagar gibt Gott einen Namen, ebenfalls als erste, soviel ich weiß (und an der Stelle gab es auch einen Brunnen).

Vielleicht ist es etwas frech und von weit hergeholt: aber im Zusammenhang mit dem Leben spendenden Wasser der beiden Brunnen denke ich auch an das Fruchtwasser, mit dem wir Frauen neuem Leben das Heranreifen ermöglichen. Für mich eine zutiefst religiöse Erfahrung.

Armand Arnold hat gesagt…

Für den Hinweis auf Hagar danke ich Ihnen. Hier die als Samariterin ausgegrenzte Frau, dort die verstossene Hagar und beide Male eine lebensentscheidende Begegnung an einem Brunnen. Hier die Samaritaner, dort die Nachkommen Ismaels. Hagar gibt Gott als erste einen Namen, die Frau am Jakobsbrunnen erkennt den Messias. Die Parallelen sind in der Tat verblüffend.

Ihre Assoziation mit dem Fruchtwasser gefällt mir gut. Dass in beiden Geschichten Frauen an Brunnen gezeigt werden, ist vielleicht nicht zufällig: Beide Male geht es um Leben spenden.

Je mehr ich mich auf Ihre Anregung einlasse, umso mehr nimmt sie mich gefangen. Ich danke Ihnen.

Armand