Samstag, 27. November 2010

Beherztes Handeln

Das Reich der Himmel kann man vergleichen mit einem Schatz, der in einem Acker verborgen war. Ein Mann fand ihn und grub ihn wieder ein. Aus lauter Freude verkaufte er alles, was er besaß und kaufte den Acker.
Auch kann man das Reich der Himmel vergleichen mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine kostbare Perle fand, verkaufte er alles und kaufte die Perle
(Mt 13, 44-46).

Zwei unterschiedliche Situationen werden geschildert. Ein Mann stößt unerwartet auf einen Schatz in einem Acker. Vermutlich ein Pächter, der ein Stück Land bearbeitet, das einem Großgrundbesitzer gehört. Der andere, ein Kaufmann, ein Händler mit Perlen vielleicht, findet endlich die Perle, nach der er schon lange gesucht hat. Der eine stolpert gewissermaßen über sein Glück, der andere wird endlich für seine lange Suche belohnt.

Soweit mag die Geschichte zwar nicht gerade alltäglich sein, besonders aufregend ist sie allerdings auch nicht. Man kennt von Jesus bessere Geschichten. Wenn ich mir allerdings die Reaktion der beiden Männer auf ihren Fund näher ansehe, dann wird die Geschichte doch noch pikant. Der eine kauft einen Acker und verschweigt, dass ein Schatz darin verborgen liegt. Das ist zumindest fragwürdig, wenn nicht schlichtweg kriminell. Der andere verkauft für eine einzige Perle seinen gesamten Besitz. Wovon will er denn in Zukunft leben? Die Perle kann er ja wohl kaum essen! Fazit: wo der eine unehrenhaft handelt, verhält sich der andere, ein Kaufmann noch dazu, ausgesprochen dumm.

Das ist typisch für Jesus, den Geschichtenerzähler. Jesu Geschichten wollen die ZuhörerInnen zum Nach- und Weiterdenken provozieren. Irgendwo im Erzählablauf versteckt sich ein Stolperstein. Selbstverständliches wird unvermutet in Frage gestellt. Die ZuhörerInnen werden plötzlich in ihren konventionellen Anschauungen verunsichert. Mehr geschieht nicht. Der Zuhörer behält seine Freiheit. Jesu Geschichten sind keine moralischen Appelle und keine Handlungsanweisungen. Es sind einfach, meist sehr hintergründige, Denkanstösse.

Im vorliegenden Gleichnis wird das „Reich der Himmel“ mit etwas sehr Kostbarem in Beziehung gesetzt. Das ist aber nicht der springende Punkt. Der springende Punkt ist, dass man dieses Kostbare ganz unvermutet entdeckt, obwohl man gar nicht danach gesucht hat wie der Mann auf dem Acker. Oder man sucht schon ein ganzes Leben lang danach und dann hält man es plötzlich in der Hand wie der Kaufmann. Jetzt kommt es darauf an, wie reagiere ich darauf. Bin ich bereit zum Risiko? Schaffe ich es, über meinen Schatten zu springen? Wage ich es, alles auf eine Karte zu setzen? Konventionen und alte Überzeugungen über Bord zu werfen?

„Reich der Himmel“ darf man hier ruhig im Unbestimmten lassen. Man sollte den Begriff an dieser Stelle nicht theologisch überfrachten. „Reich der Himmel“ zeigt sich für jeden so, wie es zu ihm passt. Es ist das Angebot in einem bestimmten Augenblick, der zu werden, der er oder sie im Kern immer schon ist.