Donnerstag, 14. Oktober 2010

Der alte Mann und das Kind

Im Thomas-Evangelium steht der Satz:

(4a) Jesus sprach: „Der alte Mann wird nicht zögern, ein kleines Kind
von sieben Tagen zu fragen nach dem Ort des Lebens, und er wird
leben.
(4b) Denn viele Erste werden Letzte werden, und sie werden ein einziger
werden.“


Hier begegnen wir einem erstaunlichen Paradox. Traditionell ist die Weisheit zu finden beim alten Mann. Nicht hier! Und doch auch wieder schon! Insofern der alte Mann die Weisheit besitzt, ein Kind von sieben Tagen nach dem Ort des Lebens zu fragen.

Der Säugling, der noch nicht einmal Worte formen kann, kennt den Ort des Lebens. Dieser Vers wird üblicherweise als Anspielung auf die Taufe verstanden und die damit verbundene Metaphorik des Täuflings als kleines Kind. Wenn dem so ist, dann ist damit nur die oberflächlichste und banalste Aussageebene getroffen.

In gewissem Sinn ist ein Kind von sieben Tagen dem Ort des Lebens in der Tat noch unmittelbar nahe. Mehr noch aber ist das Kind die archetypische Verkörperung für Leben, Wachstum und den Beginn von etwas Neuem. Das Kind, der Säugling, verkörpert eine Verheissung eigener Art. Es ist gewissermassen Leben pur!

Anderseits gilt aber auch: das Leben offenbart sich augenscheinlich nach Meinung des Autors gerade in der verletzlichen Unscheinbarkeit und Nacktheit des, im antiken Verständnis, gering geachteten kleinen Kindes. Es ist diese Aussage verwandt mit anderen, authentischen, Jesus Worten, wo sich Grosses, nämlich das Reich Gottes, im winzig Kleinen verbirgt, wie etwa im Gleichnis vom Senfkorn.

Der Vergleich liegt aber noch in einem weiteren Aspekt. Wer den Ort des Lebens finden will, der muss bereit sein, sich tief zu bücken: der alte Mann hinunter zum Kind. Der Ort des Lebens verbirgt sich an unscheinbarer Stelle. Nur wer bereit ist, sich dem Unscheinbaren gleichzumachen, wird ihn finden.

Für diese Deutung spricht auch Vers 4b, wo das bekannte Jesus Wort von den Ersten, die Letzte werden assoziativ angehängt wird. Der Vers findet seinen Abschluss mit der im Thomas Evangelium immer wiederkehrenden Formel „und sie werden ein einziger werden“. Davon aber ein andermal.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Die Jesus-Gestalt

In den ntl. Zeugnissen über Jesus von Nazareth sind zwei Dimensionen ineinander verwoben. Wir begegnen da auf der einen Seite der historischen Person Jesus von Nazareth. Diese historische Figur aber ist eingebettet in den Mythos von der Jesus-Gestalt.

Mythen entsprechen dem Bedürfnis von Einzelnen und Gruppen, die Tiefendimension ihrer jeweiligen Wirklichkeit zu ergründen. Sie sollen das Dasein deuten, Sinnzusammenhänge erkennbar werden lassen, Kraft an kritischen Knotenpunkten individueller und sozialer Existenz schenken. Anders als philosophische Konzepte oder mathematische Modelle, die ja auch auf je unterschiedliche Weise dem Verständnis von Wirklichkeit dienen, sind Mythen ganzheitlichen Schöpfungen. Sie sind nicht ausschließlich rationale auf Begriffe oder Formeln reduzierte Gebilde. Vielmehr sind sie kreative Erfindungen aus Bildern, Geschichten, aus Rationalem und Irrationalem. Sie schöpfen ihre Dynamik aus den Tiefenschichten des menschlichen Bewusstseins.

Hier gelten nicht mehr die Gesetze der aristotelischen Logik und die Naturgesetze, zumindesten die der Newton'schen Mechanik und Physik sind nur begrenzt gültig. Wenn die mathematische Formel die eine extreme Weise ist, die Wirklichkeit darzustellen, so ist der Mythos die entgegengesetzte andere. Umgekehrt könnte man sagen: Will man das, was die mathematische Formel darstellt, annähernd adäquat in Worte fassen, muss man seine Zuflucht zum Mythos nehmen.
Mythen sind nicht einfach phantastische Geschichten aus einer vorzeitlichen Vergangenheit. Es sind vielmehr Geschichten, die sich fortwährend ereignen. Sie sind, wenn sie nicht zum märchenhaften „Es war einmal...“ erstarren, ein sich stets wiederholendes Ereignis. In ihnen kommen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem Punkt zusammen. Darum werden Mythen wieder und wieder erzählt, gespielt und gefeiert. Dies entspricht schlicht einem psychischen Bedürfnis des Menschen. Es ist so, wie wenn jemand etwas besonders Beglückendes oder etwas zutiefst Erschütterndes geschehen ist. Er fühlt sich gedrängt, immer und immer wieder davon zu erzählen. Es ist ein besorgniserregendes Zeichen einer psychischen Komplikation, wenn er das nicht tut und stumm bleibt.

Die Aufgabe des Individuums und jedes sozialen Gebildes besteht darin, sich in Übereinstimmung und in kritischer Distanz zu ihrem Mythos zu entwickeln und diesen so selbst zu gestalten, zu reaktivieren und weiterzuspinnen.

Mythos und Geschichte sind nicht identisch. Wo sie zusammenfallen, wird der Mythos zur totalitären Ideologie. Mythos ist vielmehr eine vielschichtige Weise, Geschichte zu verstehen. Mythos ist zeitlos in dem Sinne, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stets und jederzeit und an jedem Ort gegenwärtig und wirksam sind. Mythos ist transzendent in dem Sinne, dass er sich nie ohne Rest an einem Ort, in einem Ereignis, zu einem bestimmten Zeitpunkt der Historie festmachen lässt. Wenn dies geschieht – und es geschieht fortwährend – werden Mythos, Geschichte , Mensch und das Leben vergewaltigt.

„Nachfolge Jesu“ als individueller und kollektiver Weg spirituellen Erwachens ist demzufolge eine fortwährende Interaktion und Kommunikation mit dem Mythos von der Jesus-Gestalt. Mit der Jesus-Gestalt bezeichne ich das, was die historische Person des Jesus von Nazareth, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte geboren wurde, gelebt hat und gestorben ist, transzendiert. Die Jesus-Gestalt ist gewissermaßen der überindividuelle, über-persönliche Mehrwert des historischen Jesus von Nazareth. Die christliche Tradition bringt dies in den verschiedenen Titeln zum Ausdruck, die sie Jesus verliehen hat: Christus, Herr, Sohn Gottes, Sohn Davids, Menschensohn u.a.

Wenn diese Erhöhung Jesu allerdings dazu führt, Jesus seinem Menschsein zu entfremden, indem sie ihm exklusiv Göttlichkeit zuschreibt, dann wird die ganze Bedeutung von Menschwerdung ihres Sinnes beraubt. Wenn die sogenannten „Hoheitstitel“ ausschließlich Jesu Eigentum sind, dann ist Jesus nicht mehr solidarisch mit dem Menschen. Der Mehrwert Jesu, seine Jesus-Gestalt bleibt nur dann erhalten, wenn Jesu Erhöhung zugleich unsere Erhöhung ist.

„Nachfolge Jesu“ bedeutet deshalb, die eigene individuelle und kollektive Existenz im Horizont der Jesus-Gestalt zu realisieren, damit Jesus „alles in allem werde.“