Freitag, 13. August 2010

Wer auferstehen will, muss zuerst sterben

Jesus tritt ein für etwas, das man „asymmetrisches Verhalten“ nennen könnte. Es ist seine Strategie der Lebensbewältigung. „Widersteht dem Bösen nicht! Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin! Wenn einer von dir verlangt eine halbe Meile zu gehen, dann gehe eine ganze mit ihm!“ Die Waffe der Wehrlosen ist die Wehrlosigkeit. Auch wo es um den Lebensunterhalt und das Auskommen geht:“Sorgt euch nicht, gerade wenn es euch am Notwendigsten mangelt!“

Diese Asymmetrie bezieht ihre Kraft aus dem Wissen um die Asymmetrie des Reiches Gottes. Im Todesschicksal Jesu wird diese Strategie auf die Spitze getrieben. Die Erfahrungen, die einige aus dem Kreis der Jesus-Leute nach seinem Tod machen und die dann später als „Auferstehung“ gedeutet wird, bestätigt genau dies. Das Spezifische einer jesuanischen Spiritualität ist jenes widersinnige Vertrauen, dass gerade das Kleine, Wehrlose, Ehrlose und Unscheinbare den Kern des Göttlichen in sich birgt und deshalb seine eigene Kraft und Dynamik besitzt.

Es ist dies kein Duckmäusertum und sich Bescheiden. Es steckt ein ungeheurer Anspruch und eine göttliche Unverfrorenheit in einem derartigen Lebensentwurf. Er ist schwer durchzuhalten, weil er einen immer wieder in die Krise führt, deren jesuanische Chiffre das Kreuz ist. Man darf diesem Kreuz allerdings nicht vorschnell die Siegesfahne der „Auferstehung“ anheften. Auferstehen kann nur, wer zuerst wirklich gestorben ist, den Tod erlitten hat. Jedes schwere Schicksal immer gleich mit dem Hinweis auf die „Auferstehung“ sedieren zu wollen, heißt genauso, das Kreuz zu verweigern, wie sich ihm nicht aussetzen zu wollen. Insofern führt der Weg eines jeden, der hinter Jesus hergeht nach Golgatha und ans Kreuz: Wer auferstehen will, muss zuerst sterben. Und diesen Weg muss jeder allein gehen. Da gibt es keine Stellvertretung.

Mittwoch, 4. August 2010

Die Mütterlichkeit des Göttlichen

Jesus verkündet eine im Kern politische Botschaft. Die hereinbrechende, unter den Menschen ankommende Gottesherrschaft stellt jeglichen menschlichen Herrschaftsanspruch in Frage. Es ist daher durchaus keine „Missverständnis“, wenn Jesus von den Römern schließlich als politischer Aufrührer hingerichtet wird.

Und doch konstituieren sich die Zellkerne der anbrechenden Gottesherrschaft durchaus anti politisch. Das „Neue Israel“, das Jesus aus dem Kreis seiner engsten Anhänger gründet, ist nach dem Modell der Familie gebildet. Einer Familie allerdings, die wiederum in erklärtem Gegensatz zum traditionellen patriarchalen Familienmodell der herrschenden Gesellschaft steht. Die „Familia Dei“ des Jesus von Nazareth ist ein Zusammenschluss von gleichrangigen Frauen und Männern, die einander als Geschwister den Dienst mütterlicher Fürsorge leisten und die alle miteinander in der Obhut des Abba im Himmel geborgen leben.

Insofern bricht Jesus gleich zwei soziale Systeme seiner Zeit auf: die Familie und die „Gesellschaft“. Das theokratische Modell Jesu transzendiert und untergräbt das herrschende Modell Israels und der ganzen damaligen Mittelmeerwelt überhaupt. Darum ist Jesus für beide gefährlich, für die Väter, denen ihre Söhne und Töchter und gelegentlich auch die Ehefrauen abhandenkommen und für die politischen und religiösen Autoritäten, die Jesus mehr oder weniger ignoriert oder für bedeutungslos erklärt.

Das Jesus dem familiären Modell den Vorzug gibt vor dem politischen, hat vor allem praktische Gründe. Jesu Adressaten sind nicht die herrschenden Klassen sondern die kleinen Leute. Deren vorrangiger Bezugsrahmen aber ist die Familie. So entwirft Jesus in seiner Reich-Gottes-Botschaft ein Gegenmodell zum familiär strukturierten Leben den kleinen Leute auf dem Land, ein neues Netzwerk helfender, unterstützender Gegenseitigkeit in einem mütterlich-geschwisterlichen Geist unter dem einen „Vater im Himmel“.

Die Gottesherrschaft der jesuanischen Predigt ist anti patriarchalisch und von mütterlicher Qualität. Sie ist nährend, hegend und pflegend. Die neue Wirklichkeit, für die Jesus mit Wort und Tat einsteht, stellt eine Art sublimes Elternpaar dar: Gott als Abba, die Manifestation seiner Herrschaft als Mutter. Die Bilder, mit denen Jesus die Gottesherrschaft anschaulich macht, sind ja auch vielfach der Natur entnommen und zwar überwiegend der Natur, die aus sich selbst heraus wirkt, nicht der Natur, die vom Menschen kultiviert ist. Da wächst und sprießt etwas. Da arbeitet der Sauerteig im Mehl. Da ruht auch ein Schatz im Schoss der Erde. Da ist Nahrung im Überfluss (Brotwunder/ reicher Fischfang). Da ist im Zusammenspiel mit dem Abba-Vater ein nährendes, hegendes, fürsorgend wunderbares mütterlich Wirkendes am Werk.

Da wird, mehr intuitiv als absichtlich, die alte Mutterreligion Kanaans versöhnt mit der 'neuen' Jahwe-Religion. Jahwe wird milder und Hawwah/Eva, die alte Muttergottheit wird entdämonisiert und auf eine neue Stufe gehoben. Jesus ist das Bindeglied zwischen den beiden Bereichen, der „göttliche“ Sohn, der aus der Verbindung von Himmel und Erde hervorgeht. Als „Wort Gottes“ gehört er zum Bereich Jahwes, als Schamane zum Bereich der Hawwah.

Der Mythos vom „Sündenfall“ wird überwunden. Jahwe nimmt seinen Fluch zurück und die erniedrigte Eva wird erhöht. Jesus selbst hält die beiden Bereich in einem durchaus prekären Gleichgewicht. Als Dämonenbanner und schamanistischer Heiler wandelt er selber ständig am Abgrund des chtonischen Dunkels, man denke nur an den Vorwurf, er treibe die Dämonen mit Hilfe der Dunkelmächte aus. Als Verkünder des Jahwe-Wortes wiederum läuft er Gefahr, den Boden unter den Füssen zu verlieren.

Trotzdem bleibt festzuhalten: Die jesuanische Vision von der Gottesherrschaft versöhnt einen allzu patriarchalischen Gott wieder ein Stück weit mit seiner weiblich-mütterlichen naturhaften Seite. Es täte not, dass die Theologie sich eingehender mit diesem Aspekt von Jesu Botschaft beschäftigen würde.

Die subversive Politik des Rabbi J.

Jesus verkündete eine politische Botschaft. Wenn er davon sprach, dass Gottes Herrschaft nahe herbei gekommen sei, dann hatte diese Rede einen unverkennbar politischen Unterton. Wenn Gott zur Herrschaft kam, dann brachen für die Herrscher dieser Welt böse Zeiten an, möchte man meinen. Herodes Antipas, Jesu Landesfürst in Galiläa, war immerhin dieser Ansicht. Nachdem er eben Johannes, dieses düsteren Unheilspropheten aus der Wüste am Jordan, als potentiellen Unruhestifter hatte beseitigen lassen, versetzte ihn das Auftreten Jesu in nicht geringe Aufregung. Ihn ebenfalls umzubringen, verbot sich. Seine Untertanen hatten ihm schon die Hinrichtung des Johannes nicht verziehen. So versuchte er, Jesus wenigstens aus seinem Herrschaftsgebiet weg zu drohen. Herodes wolle ihn töten, wird ihm aus der Umgebung des Fürsten zugetragen(Lk 13,31). Doch Jesus gibt sich unbeeindruckt und nennt Herodes wenig schmeichelhaft einen Fuchs (Lk 13,32). Immerhin scheint Jesus daraufhin das Herrschaftsgebiet des Herodes zu verlassen und nach Judäa auszuweichen.

Die Bilder, die Jesus gebraucht, wenn er von der Herrschaft Gottes spricht, sind allerdings fast durchwegs nicht dem politischen Bereich entnommen. Es sind Bilder aus der Natur: ein Senfkorn, das zu einem Baum auswächst, in dem die Vögel nisten, Samen auf steinigem oder fruchtbarem Boden, der aufgeht, verdorrt oder unwahrscheinlich reiche Ernte bringt. Sauerteig, der den Teig durchsäuert, Unkraut im Acker. Es sind Bilder von kostbaren Gütern (Perle, Schatz im Acker), die zu erlangen vollen Einsatz verdienen. Alles ganz und gar unpolitische Bilder aus dem ländlichen, bäuerlichen oder häuslichen Bereich.

Und doch haftet diesen Bildern oft etwas versteckt Subversives an. Das Unkraut auf dem Feld, das den Bauern ärgert; das Senfkorn, als Unkraut gefürchtet und selbst als Nutzpflanze ein Gewächs, das zu Wildwuchs neigt und dabei einen ganzen Garten überwuchern kann. Welcher Bauer wünscht sich eine riesige Senfpflanze in seinem Garten, die den Vögeln als Wohnstatt dient, die sich dann an seinen Saaten gütlich tun? Der Sauerteig mag ja eine nützlich Funktion haben, galt aber auch als Symbol der Unreinheit. In Verbindung mit der Frau, die damit hantiert, weckt er zumindest ein leichtes Unbehagen beim Hörer. Das Verhalten des Kaufmanns, der sein ganzes Vermögen für eine einzige Perle dran gibt, ist ökonomischer Unsinn. Was soll er mit der Perle? Er kann nur noch verhungern. Das Verhalten des Pächters, der den Schatz im Acker findet, ihn wieder zudeckt und den Acker kauft, ist zumindest moralisch anrüchig, wenn nicht schlichtweg ein Gesetzesverstoß.

Es ist eine seltsame Art von Herrschaft, die Jesus da im Sinn hat. Es ist eine Art von Untergrundbewegung, die nirgends zum offenen Kampf antritt, aber von unten her, aus dem Verborgenen gegen die herrschenden Machtverhältnisse agitiert. Allerdings eher wie ein Naturereignis oder durch zivilen Ungehorsam oder schlicht durch augenscheinlich törichte Verhaltensweisen.

Ein ähnlicher Befund ergibt sich, wenn man diejenigen betrachtet, die für Gottes Herrschaft arbeiten. Es sind keine Soldaten oder Diener oder Minister eines Königs. Es sind Arbeiter, die eine Ernte einbringen, oder wandernde Prediger, die von Dorf zu Dorf ziehen. Ihr Verhaltenskodex: Als Wanderer ohne Stab und Schuhe, mit nur einem Mantel und ohne Tasche und Wegzehrung sollen sie sich auf den Weg machen. Auf die Gastfreundschaft jener, die sie aufnehmen, haben sie sich zu verlassen. Was haben sie als Gegenleistung zu bieten? Sie sollen die Kranken heilen, die sie vorfinden, Dämonen bannen und versichern: Die Herrschaft Gottes ist unter euch angekommen!

Die Politik des Rabbi J. ist verwirrend aber durchaus originell. Sie arbeitet weder aktiv an der Errichtung einer neuen politischen Ordnung noch wartet sie passiv auf das Eingreifen Gottes. Jesus behauptet einfach mit einer gewissen augenzwinkernden Unverfrorenheit: Die Herrschaft Gottes ist schon da und am Wirken. Wie das Unkraut im Weizen und der Senf im Garten wuchert sie gewissermaßen im Organismus der aktuellen politischen Herrschaftssysteme. Ich, sagt Jesus, und meine Leute machen sie sichtbar, wenn wir Kranke heilen, Dämonen bannen, uns über Rechtsvorschriften hinwegsetzen, kleine Zellen von Gegengesellschaften ins Leben rufen, die unter dem Gesetz des Reiches Gottes Leben, dem Gesetz der Geschwisterlichkeit. In diesen Gegengesellschaften haben die üblichen Hierarchien keine Bedeutung mehr. Es gibt da keine Mittler zwischen Mensch und Gott. Familiäre Bande sind zweitrangig. Kurzum: Die Herrschaft Gottes ist unter euch angekommen. Punkt!

Der Preis dieser Politik ist allerdings hoch, für jene, die sie ins Werk setzen: Unbehaustheit, Anfeindung, Verfolgung, der Tod. Wie weit Jesus selbst eine klare Vorstellung davon hatte, wohin seine Politik letztendlich führen würde, ob Gott wirklich handeln würde und für jedermann erkennbar seine Macht durchsetzen würde, lässt sich nicht sagen. Ich denke, Jesus stand auf dem Standpunkt, Gottes Herrschaft ist am Wirken und er und die Seinen sind das neue Israel, alles weitere ist Gottes Sache.