Donnerstag, 15. Juli 2010

Bungee-Springen ohne Seil

Die Aufforderung Jesu, „Sorgt Euch nicht!“(Mt 6,25f), enthält nicht die Zusicherung, dass es uns niemals am Nötigsten fehlen wird. Das widerspricht ja auch der Erfahrung. Jesus verkündet kein „Tischlein-Deck-Dich“-Evangelium.

Doch es lohnt sich, Jesus-Worte stets aufs neue in den Mund zu nehmen, sie gewissermaßen „wiederzukäuen“. Meditieren, vom Lateinischen „meditari“, meint übrigens genau dies. Dann öffnen sie sich und geben zuweilen einen Sinn preis, der einem bisher entgangen ist.

Es heißt also nicht:“Sorgt Euch nicht, denn es wird Euch nie am Nötigsten fehlen.“ Vielmehr heißt es:“Sorgt Euch nicht, wenn es Euch am Nötigsten fehlt.“

Es ist ein hartes Stück Vertrauen, das hier gefordert wird. Das ist wie Bungee-Springen ohne Gummiseil.

Mittwoch, 14. Juli 2010

Gottesherrschaft

Die Gottesherrschaft, die in der Verkündigung Jesu eine beherrschende Rolle spielt, läßt sich nicht auf den Begriff bringen. Man kann sie, wie ja auch Jesus es getan hat, nur umschreiben. Sie ist Vision und Utopie. Sie ist ein Lebensstil und dessen Ermöglichung, beide Aspekte sind wichtig. Sie ist radikale Kritik jeglicher Macht und Ordnung, Sand im Getriebe, Unkraut im Acker, Löwenzahn im Rasen des Sparkassendirektors.

Gottesherrschaft hat eine entschiedene Schlagseite hin zu den Benachteiligten und Zukurzgekommenen. Sie ist die Inspiration für ein Leben in Kritik gegenüber den bestehenden Verhältnissen und Ansporn für die Suche nach alternativen Lösungen.

Eines ist Gottesherrschaft niemals: ein endgültiger Zustand, in dem man sich behaglich einrichten kann. Gottesherrschaft ist stets ausstehend. Alle Versuche, sakrale und säkulare, die Gottesherrschaft in der Zeit „errichten“ zu wollen, haben unweigerlich in die Katastrophe geführt. Gottesherrschaft ist stets nur in dem Maße „angekommen“ als sie als noch „ausstehend“ erfahren wird und so zum Handeln anspornt. Insofern ist Gottesherrschaft ein Katalysator, der Prozesse anstößt und in Gang hält.

Gottesherrschaft ermöglicht es, dem der sich davon ergreifen läßt, unter den herrschenden Bedingungen der Welt zu reden, zu denken, zu fühlen und zu handeln, dass alle um ihn herum ihn für einen Narren halten. Gottesherrschaft provoziert zu Kritik und Protest in Wort und Tat. Sie setzt heilendes und befreiendes Handeln frei. Das war vor 2000 Jahren so, wieso sollte es heute anders sein?