Donnerstag, 10. Juni 2010

Unverschämte Freiheit

Im Thomas-Evangelium steht der Satz:“Maria (von Magdala) sagte zu Jesus: Wem gleichen deine Jünger? Er sprach: Sie gleichen kleinen Kindern, die sich auf einem Feld niedergelassen haben, das ihnen nicht gehört. Wenn die Herren des Feldes kommen, werden sie sagen: Überlasst uns unser Feld! Die Kinder ziehen sich vor ihnen aus und überlassen ihnen ihr Feld.“ (TomEv 21a).

Und an anderer Stelle:“ Seine Jünger sagten: Wann wirst du uns erscheinen und wann werden wir dich sehen? Jesus antwortete: Wenn ihr euch nicht mehr schämt und eure Kleider nehmt und sie unter eure Füsse legt wie die kleinen Kinder und darauf tretet. Dann werdet ihr den Sohn des Lebendigen sehen, und ihr werdet ohne Furch sein.“ (TomEv 37).

Exegeten vermuten hinter diesen rätselhaften Jesusworten eine unbekannte Taufpraxis der Jesusanhänger, in deren Kreisen das Thomasevangelium seinen Ursprung hat. Das mag so sein oder auch nicht. Für mich atmen die beiden Worte noch viel vom ursprünglichen Geist des Jesus von Nazareth, wenn sie so wohl auch nie aus seinem Mund gekommen sind. Sie sprechen von der angemessenen und notwendigen Geisteshaltung, mit der ein Mensch das Reich Gottes empfängt.

Jesus vergleicht jene, die Zugang zum Reich Gottes haben, verschiedentlich mit Kindern. Dabei muss man sich die Stellung des Kindes in der antiken Welt in Erinnerung rufen. Die mag im Judentum etwas besser gewesen sein als in den übrigen Gesellschaften. Grundsätzlich aber galt: ein Kind war ein rechtloses Wesen, auf Gedeih und Verderb dem Willen und der Verfügungsgewalt der Erwachsenen, speziell dem Familienoberhaupt, ausgeliefert. Auf diesen Punkt kommt es an, wenn Jesus davon spricht, dass der Mensch werden muss wie ein Kind, ein Nichts, wenn er Zugang zum Reich Gottes erhalten will.

Bei den zitierten Bildworten des Thomasevangeliums kommt aber noch ein Weiteres hinzu. Ich meine damit die anarchische Unbekümmertheit der Kinder, die hier geschildert wird. Sie besetzen einfach ein Feld, das ihnen nicht gehört, vermutlich um darauf zu spielen. Sie begehen einen Rechtsbruch. Dabei sind sie im antiken Verständnis selber Rechtlose. Rechtlose brechen Recht und sie tun es mit der unbekümmerten Naivität von kleinen Kindern.

Die Szene hat etwas Aufreizendes. Man wird an einen Vogelschwarm erinnert, der sich auf einem Feld niederlässt, sehr zum Missfallen des Bauern, der damit seine Ernte bedroht sieht. Aber was kümmert es die Vögel. Sie haben nicht einmal eine Ahnung von den Sorgen des Bauern. Die Unterscheidung „mein“ Feld, „dein“ Feld kennen weder die Vögel noch die Kinder. Ähnlich die JüngerInnen Jesu, die sich in der Welt bewegen, die ihnen nicht gehört. Sie leben in der Welt mit der unbekümmerten Gleichgültigkeit gegenüber ihren Gesetzen und Gepflogenheiten wie kleine Kinder. Allerdings auch mit der gleichen Rechtlosigkeit und Gefährdung!

Die Herren des Feldes erscheinen und fordern ihr Eigentum von den Kindern zurück. Sie Situation wird hier aufs äußerste verdichtet. Die Herren der Welt stellen sich den Kindern entgegen. Es geht nicht an, so sagen sie zu ihnen, dass ihr euch benehmt, als hätten unsere Gesetze für euch keine Gültigkeit. Oder umgekehrt: Halt, ihr da! Ihr könnt nicht einfach neue Gesetze einführen. Das funktioniert nicht auf unserem Feld – in unserer Welt!

Und die Kinder/JüngerInnen? Sie überlassen den Herren das Feld! Sie sagen: Behaltet das Feld, wir sind nur Kinder, Rechtlose! Und sie setzen noch eins drauf und ziehen sich nackt aus. Seht uns an, nicht nur Rechtlose sind wir, wir sind auch Ehrlose! Denn vor aller Welt sich nackt zu zeigen ist ein Erweis der Ehrlosigkeit. Da ist sie wieder, die aufreizende Anarchie des Reiches Gottes. Die Kinder des Reiches Gottes lachen den Herren dieser Welt ins Gesicht und drehen ihnen eine lange Nase.

Das zweite Wort von den Kindern, die sich nackt ausziehen, bringt noch einen weiteren Aspekt ins Spiel. „Wann werden wir dich sehen? Wann wirst du dich uns zeigen?“ lautet die Frage. „Wenn ihr euch nicht mehr schämt und eure Kleider nehmt und sie unter eure Füsse legt wie die kleinen Kinder und darauf tretet.“ Nur der begegnet dem Herrn, nur dem zeigt sich Jesus, der ehrlos geworden ist im Sinne der Ehrbegriffe der Herren und Herrinnen dieser Welt und sich dessen nicht mehr schämt.

Es treibt einem einen Schauer über den Rücken, wenn man sich klarmacht, welche Gelassenheit, welche Souveränität und welch ungeheures Mass an innerer Freiheit der Geist des Reiches Gottes verleihen kann, wenn man sich ihm auszusetzen wagt. Es ist im wahrsten Sinn des Wortes die unverschämte Freiheit der Kinder des Reiches, von der hier die Rede ist. Franz von Assisi, der wie kaum ein zweiter, diese Freiheit verkörperte, hat genau dies getan, als er sich vor versammelter Menge in Assisi auszog und seinem Vater die Kleider vor die Füsse warf.