Montag, 24. Mai 2010

Ein Sohn sucht seinen Vater

Lk 2,42 – 2,52 erzählt die Geschichte einer Pilgerfahrt, auf welcher der zwölfjährige Jesus seine Eltern nach Jerusalem begleitet. Auf dem Heimweg bemerken die Eltern nach einem Tag, dass ihr Sohn nicht bei ihnen ist. Sie suchen ihn zunächst unter den anderen Pilgern, als sie ihn dort nicht finden, kehren sie zurück nach Jerusalem. Endlich nach drei Tagen finden sie ihn im Tempel. Jesus sitzt inmitten von Tempelgelehrten, hört ihnen zu und stellt Fragen und alle sind erstaunt über seine Klugheit. Auf die Frage seiner Mutter, was ihr Sohn sich dabei eigentlich gedacht habe, gibt dieser zur Antwort:”Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? “(Lk 2,49). Dann kehrt er mit seinen Eltern nach Nazareth zurück, ist “ihnen gehorsam” (Lk 2,50) “... und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.” (Lk 2,52).

Wir wissen kaum etwas über Jesu Lebensumstände vor seiner Begegnung mit Johannes dem Täufer und das wenige ist, angefangen von seiner Geburt bis zu den eben geschilderten Ereignissen, Legende. Insbesondere Lukas umgibt Jesus vom Zeitpunkt seiner Empfängnis bis zur Episode im Tempel zu Jerusalem mit einer Aura des Göttlichen und Wunderbaren. Lukas folgt hier der Gepflogenheit hellenistischer Biografen, welche die Lebensbeschreibungen berühmter Gestalten gern mit wunderbaren Details aus deren Kindheit ausschmückten. Damit wollte man zum Ausdruck bringen, dass sich das Aussergewöhnliche einer Persönlichkeit schon zu Beginn ihrer Lebensgeschichte, gelegentlich schon im Mutterleib, ankündigte. Es war dies ein besonderer Ausdruck der Wertschätzung gegenüber dem Betreffenden und wurde auch so verstanden. Kein Leser hätte derlei Schilderungen für bare Münze genommen.

Nun haben allerdings Texte, wenn sie einmal schwarz auf weiss fixiert sind, ihre eigene Dynamik. Nicht immer geben sie ausschliesslich das preis, was ihr Autor ursprünglich damit beabsichtigte. Lukas porträtiert hier einen Jungen, der seine Umgebung durch eine Klugheit in Erstaunen versetzt, die nicht nur weit über sein Alter hinausweist, sondern den Zwölfjährigen als von göttlicher Weisheit inspiriert erscheinen lässt. Man mag dies noch als konventionelle Verneigung vor dem dereinst eindrucksvoll geistbegabten Lehrer durchgehen lassen.

Wie Jesus aber dann auf die besorgte und wohl auch vorwurfsvolle Frage seiner Mutter antwortet, was er sich eigentlich dabei gedacht habe, einfach so auszubüchsen, ist schon von einer ganz anderen Qualität:”Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? “(Lk 2,49). Natürlich will der feinsinnige Lukas hier nicht die schlechten Manieren Jesu seiner Mutter gegenüber dokumentieren sondern einen theologischen Pflock einschlagen. Schon als Zwölfjähriger, an der Schwelle vom Kind zum Jüngling, sei sich Jesus seiner göttlichen Abstammung bewusst. Lukas beeilt sich dann ja auch mit der Feststellung, Jesus sei als braver Sohn mit seinen Eltern nach Nazareth zurückgekehrt und ihnen „gehorsam“ gewesen (Lk 2,50). Man darf seine Zweifel haben.

Nüchtern betrachtet und das theologische Brimborium beiseite gelassen haben wir hier die Geschichte einer höchst problematischen Eltern-Kind-Beziehung vor uns. Ein zwölfjähriger Junge läuft seinen Eltern davon und treibt sich fast eine Woche lang in einer fremden Stadt herum. Die Eltern aber brauchen einen ganzen Tag, um das Verschwinden ihres Sohnes überhaupt zu bemerken! Dass die Geschichte Fiktion ist, ändert nichts daran, dass sie einen problematischen Zug in der Biografie des Jesus von Nazareth offenlegt. Sowohl die schroffe Ablehnung, die Jesus seiner Mutter gegenüber an den Tag legt, wie überhaupt das schwieriges Verhältnis zu seiner Familie scheint auch an anderen Stellen in den Evangelien durch. Natürlich werden diese Peinlichkeiten immer theologisch abgefedert, indem sie auf die eine oder andere Weise durch Jesu Sendung gerechtfertigt werden. Bedenkt man aber den hohen Stellenwert, den der Respekt des Kindes seinen Eltern gegenüber im Judentum besaß, dann ist es unwahrscheinlich, dass Jesu zahlreiche Friktionen mit seiner Familie erfunden wurden, um diesen oder jenen theologischen Punkt zu machen. Vielmehr darf man das Umgekehrte erwarten.

Die Episode des zwölfjährigen Jesus im Tempel illustriert geradezu lehrbuchmäßig die Suche eines vaterlosen Sohnes nach seinem Vater. Dass Jesu biologischer Vater unbekannt ist, wird von den Evangelien nicht verschwiegen. Es werden Gerüchte seiner Gegner über Jesu fragwürdige Herkunft kolportiert (Joh 8,41b), in Nazareth nennt man ihn, glaubt man dem ältesten Evangelium (Mk6,3), „Jesus, den Sohn der Maria“, Matthäus erwähnt, dass Maria schon vor ihrer Verlobung mit Josef schwanger war (Mt1,18). Die Erklärung „vom Heiligen Geist“ (Mt 1,18) soll keineswegs andeuten, dass Marias Schwangerschaft anders als auf dem üblichen Weg zustande gekommen war. Einzig Lukas, der hellenistische Kavalier und literarische Beschützer der Mutter Jesu, gestaltet Marias Empfängnis zur Zeugung eines griechischen Halbgottes (Lk1,26-38).

Josef spielt in dem Wirrwarr um Jesu Herkunft eine unklare Rolle. Einerseits wird er vor dem Gesetz zum Vater Jesu, da er Maria noch vor der Geburt ihres Sohnes zur Frau nimmt (Mt1,24). Auch wird Jesus an einigen Stellen in den Evangelien ohne Einschränkung Sohn Josefs genannt (Joh 1,45; 6,42, Lk 4,22). Nach der Episode im Tempel, um die es hier geht, taucht Josef in der Biografie Jesu nicht mehr auf. Die Tradition hält daran fest, dass Josef irgendwann zwischen Jesu zwölftem Lebensjahr und seinem öffentlichen Auftreten gestorben ist. Man kann sich auch fragen, ob es einen Josef überhaupt gegeben hat, oder ob er bloß eine literarische Fiktion ist. Wie auch immer: ob wirklicher Vater, Stiefvater oder eine Erfindung, Josef ist in jedem Fall ein schwacher und/oder ein abwesender Vater, der in Jesu Leben eine bloß marginale Rolle gespielt hat.

Da Jesus also im buchstäblichen oder übertragenen Sinn keinen Vater hat, macht er sich auf die Suche nach einem. Es ist durchaus einleuchtend, dass er dies an der Schwelle vom Kind zum Jüngling tut. Als Jude wird Jesus mit seinem dreizehnten Lebensjahr zu einem Bar Mitzwa, einem Sohn der Pflicht. Von jetzt an muss er alle Gebote der Tora befolgen. Er ist jetzt ein vollgültiges Mitglied der jüdischen Gemeinde. Dafür aber muss über jeden Zweifel hinaus klar sein, wer sein Vater ist. Wer seinen Vater nicht nennen kann, der kann auch letzte Zweifel nicht ausräumen, ob er wirklich zum Volk Israel gehört. Erst viel später wird die Abstammung von einer jüdischen Mutter allein über die Jüdischkeit eines Mannes oder einer Frau entscheiden.

Für Jesus ist es mehr als ein psychologisches Problem im modernen Sinn, nicht zu wissen wer sein Vater ist. Es ist eine Frage, die über Heil oder Unheil entscheidet. Es ist nicht die moderne Frage der eigenen Identität, die sich für einen Menschen in einer archaischen Gesellschaft so gar nicht stellt. Es ist die existentielle Frage nach der Gruppenzugehörigkeit. Zu welcher Gruppe ich gehöre, entscheidet darüber, wer ich bin. Diese Entscheidung kann ich aber nicht selber treffen. Die Gruppe entscheidet, ob ich dazu gehöre oder nicht. Ich bin der, für den die Leute mich halten.

Der vaterlose Sohn bleibt im Grunde sein Leben lang ein Heimatloser. Er bekommt im wahrsten Sinn des Wortes keinen Fuß auf den Boden, ihm fehlt die Verankerung in der Realität. Dies ist bei Jesus nicht anders. Er sagt von sich selbst:“Die Füchse haben ihre Höhlen,die Vögel ihre Nester, ein Mensch wie ich aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen könnte“(Mt 8,20par). Er läuft seinen Eltern davon und sucht Zuflucht in einem neuen Vaterhaus, dem Tempel, bei einem neuen Vater, Gott. Es ist durchaus vorstellbar, dass die Geschichte, die Lukas erzählt einen realen, weniger erbaulichen Hintergrund in der Biografie Jesu hat.

Schritt für Schritt baut sich Jesus, der heimat- und vaterlose Wanderer, eine neue, virtuelle Welt, mit Gott als seinem Abba, den JüngerInnen als seiner Familie, der Familia Dei, in der die Schwestern und Brüder einander zugleich den fürsorglichen Dienst von Müttern erweisen. In der Vision des Gottesreiches entsteht eine neue virtuelle Wirklichkeit als Gegenmodell zur real existierenden Welt. Natürlich schöpft Jesus dabei aus der reichen Tradition seines jüdischen Erbes. Vertrauten Umgang mit Gott als Abba haben andere Heilige Männer Israels vor Jesus gepflegt. Aus dem Hoffnungsbild eines von Gott herbeigeführten Friedensreiches hat Israel in seinen schlimmsten Zeiten Kraft geschöpft. Die ganz spezielle Dynamik und Energie aber bezieht die Vision Jesu aus seiner eigenen Befindlichkeit als Heimat- und Vaterloser. Jesus ist in einem sehr realen Sinn nicht von dieser Welt. Dies ist sicher auch einer der Gründe, der es seinen Anhänger so leicht machte, Jesus so bald nach seinem Tod zu vergöttlichen.

Wer aber nicht von dieser Welt ist, den hält auch wenig in ihr. Den treibt eine innere Kraft aus der Welt hinaus. So kommt auch das vorzeitige und gewaltsame Ende Jesu nicht unerwartet. Auch dieses muss als durchaus folgerichtige Entwicklung der inneren Dynamik Jesu verstanden werden. Für ein mythisches Denken ist es dann auch nicht so abwegig, dieses als Erfüllung des Willens Gottes zu begreifen. Heutiges Denken allerdings kann nicht umhin, darin auch die tiefe Tragik des Schicksals Jesu zu sehen. Jesu Suche nach dem Vater endet mit seiner grausamen Hinrichtung an einem römischen Kreuz. Wer sich hier nicht vorschnell an vorgestanzten Antworten festhalten will, der findet sich selber aufgehängt zwischen zwei sehr gegensätzlichen Worten, die dem sterbenden Jesus zugeschrieben werden: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ (Mk 15,34) und „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30). So verbirgt sich hinter des Lukas Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel, die so gerne als Folie für erbauliche Predigten benutzt wird, schon das ganze Drama des Jesus von Nazareth.

Mittwoch, 19. Mai 2010

Jesus - Eine Kurzformel

Jesus von Nazareth ist ein jüdischer Heiler und Exorzist aus dem Anfang des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Er steht in der Tradition jener kraftvollen Gott-begabten Männer wie sie der Norden Israels seit den Tagen von Elija und Elischa immer wieder erlebte.

Sein Wirken begreift Jesus als Ausweis dafür, dass ein unumkehrbarer Prozess der Heilwerdung von kosmischem Ausmass im Gange ist. Diesen Prozess und dessen Ziel nennt er GOTTESHERRSCHAFT.

Jesus sammelt SchülerInnen um sich, Männer und Frauen, viele unter ihnen vom Rand der Gesellschaft. Er weist sie ein in ein Verhalten, das die Dynamik dieses Prozesses der GOTTESHERRSCHAFT aufgreift und verstärkt. Darum bedeutet NACHFOLGE, sich in die Dynamik der GOTTESHERRSCHAFT „einzuschwingen“ und Jesu Handeln zu seinem eigenen zu machen.

Vorbehaltlos setzt sich Jesus mit dem in eins, was er als den Willen Gottes begreift, den er seinen ABBA nennt. Das bringt ihm den Tod als Aufrührer an einem römischen Kreuz.

Nach seinem Tod machen einige aus dem Kreis seiner SchülerInnen die Erfahrung von Jesu lebendiger Gegenwart. Begabt mit seinem Geist und in seiner Kraft führen sie Jesu Werk fort.

Sonntag, 9. Mai 2010

Ich habe den Herrn gesehen

Keine der Frauen aus Jesu Umgebung, ausgenommen seine Mutter Maria, hat die Fantasie der Nachwelt derart angeregt, wie jene andere Maria/Miriam aus dem Fischerstädtchen Magdala am Kinnereth See. Dabei weiß man über sie noch weniger als von seiner Mutter. Lukas (8,1-3) erwähnt sie als erste unter den Frauen, die zusammen mit Jesus und den Zwölf durch die Städte und Dörfer Galiläas zogen und „die er von unreinen Geistern und Krankheiten geheilt hatte …. und die ihm dienten mit (nach) ihrem Vermögen.“ Maria soll Lukas zufolge ein besonders schwerer Fall von Besessenheit gewesen sein, hat Jesus doch angeblich sieben Dämonen aus ihr ausgetrieben.

Lukas gilt allgemein als der „Frauenversteher“ unter den Evangelisten. Der Eindruck täuscht. Während etwa die männlichen Jünger aus normalen Lebensbezügen in die Nachfolge berufen werden, schließen die Frauen sich Jesus aus Dankbarkeit dafür an, dass er sie aus einem „beschädigten“ Leben (Krankheit, Besessenheit) herausgeholt hat. Während die „Zwölf“ den Kern des Neuen Israel darstellen und somit als Subjekte der anbrechenden Gottesherrschaft auftreten, sind die Frauen als Geheilte bloße Objekte der sich ansatzweise durchsetzenden Herrschaft Gottes. Lukas wertet die Jüngerinnen damit gegenüber den Jüngern deutlich ab.

Noch offensichtlicher ist dies im Fall der Magdalenerin. Sieben Dämonen sollen von ihr Besitz ergriffen haben, ein Super-Gau von Besessenheit! Man kann eine Frau nicht wirksamer in Misskredit bringen als sie zu dämonisieren. Lukas, der soviel Sorgfalt darauf verwendet, die andere Maria, die Mutter Jesu, zum Idealtypus der Jüngerin hochzubeten, ist augenscheinlich sehr daran gelegen, die Maria aus Magdala gering zu schreiben. Jesu Gegner versuchten Ähnliches ja bekanntlich auch mit Jesus selbst, wenn sie ihm vorwarfen, er sei von einem Dämon besessen.

Damit aber rückt Lukas Maria gerade in eine besondere Nähe zu ihrem Meister. Es scheint, dass sich hier zwei Menschen begegneten, die eine innere Verwandtschaft miteinander verband. Deshalb auch ließ sich Maria aus Magdala nicht restlos aus der Jesusüberlieferung tilgen, so wenig auch über sie erhalten geblieben ist. Man darf vermuten, dass diese Frau in gewissem Sinn die weibliche Entsprechung zum Mann aus Nazareth war. Das würde auch erklären, weshalb sich die Legende, Maria sei die Geliebte, vielleicht sogar Ehefrau Jesu gewesen, bis in unsere Tage so hartnäckig behauptete. Und im Gegenzug, das Gerücht, die Magdalenerin sei in Wirklichkeit eine (bekehrte) Hure gewesen.

Lukas hat seine Notiz über die Frauen aus Jesu Umgebung von Markus übernommen ,ergänzt und nach vorne verlegt. Markus erwähnt die Frauen, an erster Stelle Maria aus Magdala, als Zeugen bei Jesu Kreuzigung: Auch einige Frauen sahen von weitem zu, darunter Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome; sie waren Jesus schon in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient. (Mk 15, 40f). Ähnlich liest sich die Stelle bei Matthäus (Mt 27,55f). Anders als bei Lukas weist die Wortwahl bei Markus die Frauen als vollwertige Jüngerinnen Jesu aus. Ja im Unterschied zu den Männern ist ihre Nachfolge sogar konsequenter, denn sie harren auch in Jesu schwerster Stunde an der Seite ihres Meisters aus. Markus, der in seinem Evangelium nicht mit Seitenhieben gegen die Männer in Jesu Gefolgschaft spart, wertet hier die Jüngerinnen Jesu und mit ihnen auch die Magdalenerin eindeutig auf. Auch Johannes zählt Maria aus Magdala zusammen mit Maria, der Mutter Jesu und einer anderen Maria zu den Frauen unter dem Kreuz (Joh 19,25ff).

Es ist bemerkenswert, dass Maria aus Magdala zusammen mit den anderen Jüngerinnen mit Ausnahme des Lukasevangeliums erstmals im Umfeld des Todes Jesu aus der Anonymität herausgeholt werden. Vom Zeitpunkt des Todes Jesu an spielen Frauen die entscheidende Rolle bei den Ereignissen und Maria aus Magdala ist immer entweder mit dabei oder als einzige im Spiel. Die Frauen sind anwesend bei der Grablegung Jesu (Mk 15,47; Mt 27,61; Lk 23,55), sie sind es, die das Grab leer vorfinden und die Botschaft des Engels empfangen, Jesus sei auferstanden (Mk 16, 1-8; Mt 28,1-8; Lk 24,1-12; Joh 20,1-10). Sie sind die ersten, denen Jesus nach seinem Tod auf dem Weg vom leeren Grab zu den Jüngern begegnet (Mt 28,9-10). Und von Maria ist nach der bewegenden Szene mit Jesus im Garten vor dem leeren Grab die erste Osterbotschaft überliefert:“Ich habe den Herrn gesehen“ (Joh 20,18).

Welche Rolle spielte Maria aus Magdala und mit ihr weitere teils namentlich genannte, teils anonyme Jüngerinnen bei den Ereignissen um und nach dem Tod Jesu? Eines ist klar: da Maria stets namentlich genannt wird, entweder als Einzige, oder an hervorgehobener Stelle, am Anfang oder als Abschluss einer Aufzählung, scheint sie unter den Jüngerinnen so etwas wie eine Führungsrolle inne gehabt zu haben. Man könnte ihre Stellung vergleichen mit jener des Petrus unter den männlichen Jüngern. Es ist ja auch bezeichnend, dass Maria in späteren, nicht-kanonischen Evangelien, immer wieder einmal als Gegenspielerin des Petrus auftritt.

Ich halte die Aussage der Magdalenerin: „Ich habe den Herrn gesehen“, für die möglicherweise einzige authentische Osterbotschaft (Joh 20,18) im ganzen Neuen Testament. Dann hätten wir es dieser Frau zu verdanken, dass die Jesusbewegung sich von dem Schock über Jesu Tod erholte und seine Mission fortführte. Im Evangelium der Maria (Magdalena), einem nur noch in Teilen erhaltenen Text aus dem zweiten Jahrhundert, macht Maria nach ihrer Begegnung mit Jesus den Jüngern mit den folgenden Worten Mut: Weint nicht und trauert nicht und seid nicht unentschlossen, denn Seine Gnade wird vollständig mit euch sein und euch beschützen. Vielmehr lasst uns Seine Größe preisen, denn Er hat uns vorbereitet und zu Menschen gemacht (Kap.5,2f).

Dieser späte Text aus dem Umfeld einer Jesusbewegung, die sich zu jener Zeit schon vom Mainstream des Christuskults abgespalten hatte, kann natürlich keine historische Zuverlässigkeit für sich in Anspruch nehmen. Er bewahrt aber wohl glaubhaft die Erinnerung an die entscheidende Rolle der Magdalenerin innerhalb der Jesusbewegung unmittelbar nach dessen Tod. Er zeigt auch, dass die Erfahrung des über seinen Tod hinaus erfahrbaren Jesus nicht zwingend mit dem Mythos der Auferstehung verbunden sein musste. Ein Gedanke, an den anzuknüpfen, sich lohnen würde.

Der eben angesprochene Mainstream des Christuskultes und die ihm vorausgehende von Männern wie Petrus und dem Herrenbruder Jakobus dominierte Jesusbewegung taten alles, die Bedeutung der Magdalenerin und ihrer Gefährtinnen für die alles entscheidende „Osterwende“ herunter zu spielen. In dem ältesten schriftlich erhaltenen Osterzeugnis das Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther zitiert (1Kor 15,3ff) hat man schon eine Sprachregelung gefunden, die ohne eine Erwähnung der Frauen auskommt. Jetzt dürfen nur noch Kephas und die Zwölf, jene mit besonderer Autorität ausgestatteten Führungspersönlichkeiten, Erscheinungen des Herrn für sich reklamieren. Paulus fügt dann noch Jakobus, den Bruder Jesu, sowie fünfhundert Brüder – keine Schwestern – und natürlich sich selber in die Reihe der Osterzeugen an. Ebenfalls festgeschrieben ist zu diesem Zeitpunkt schon die Verbindung von Ostererfahrung und Auferstehungsmythos.

Ganz unterdrücken ließ sich die Rolle der Frauen um Maria aus Magdala aber nicht, denn in den Ostererzählungen der Evangelien, die etwa zwischen dem Jahr 70 (Markus) und 100 (Johannes) ihre endgültige Form fanden, haben sich offensichtlich Traditionen über sie erhalten, die älter sein müssen als das Osterbekenntnis in 1 Kor 15,3ff. Aber selbst die Evangelien bemühen sich, so gut sie es können, die Rolle der Frauen herunterzuspielen. Der Anteil der Frauen am Ostergeschehen besteht in erster Linie darin, dass sie das leere Grab entdecken und den Auftrag erhalten, die männlichen Jünger davon zu unterrichten. Bei Markus begegnen sie Jesus überhaupt nicht, wenn man den sekundären Markus-Schluss nicht berücksichtigt, desgleichen bei Lukas. Bei Matthäus kommt es zu einer flüchtigen Begegnung auf dem Weg vom Grab. Nur bei Johannes, der auch hier eigene Traditionen verarbeitet, kommt es zu der nachhaltigen Begegnung zwischen Maria und Jesus im Garten vor dem leeren Grab. Aber auch hier wurde nachträglich ein Passus eingeschoben, in dem Maria zuerst Petrus über das offene Grab benachrichtigt, damit dieser im Wettlauf mit Johannes als erster in das leere Grab hineingehen darf. Erhalten aber blieb dabei zum Glück, dass Maria als erste den Herrn nach seinem Tod sah (Joh 20,18).

Die entscheidenden Erscheinungen finden allerdings alle danach nur vor den männlichen Jüngern statt. Das leere Grab aber ist der schwächste Teil aller Ostererzählungen. Zum einen ist es fraglich, ob Jesus überhaupt ein ordentliches Begräbnis zuteil wurde. Dann gibt es außer in den Evangelien keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass ein Verstorbener nach seiner Grablegung noch gesalbt wurde. Die Erzählung vom leeren Grab wird denn auch von vielen Kommentatoren für eine nachträgliche Legende gehalten. Ich halte die Graberzählung für den missglückten Versuch, die Rolle der Frauen bei den Osterereignissen herunterzuspielen. Sie hatten ein leeres Grab vorgefunden, na und! Missglückt ist dieser Versuch deshalb, weil dann im längeren Entstehungsprozess der Evangelien doch auch noch der eine oder andere Hinweis auf eine Erscheinung des Herrn vor den Frauen in die endgültigen Fassungen Eingang fand, insbesondere aber das Bekenntnis der Magdalenerin:“Ich haben den Herrn gesehen.“ (Joh 20,18).

Ich glaube in der Tat nicht, dass sich nach Jesu Tod reihenweise Erscheinungen unter seinen Jüngern abspielten. Ich denke auch nicht, dass sich solche Phänomene groß um menschliche Hierarchien scheren. Deshalb halte ich es für höchst unwahrscheinlich, dass einem Petrus oder Jakobus, der seinem Bruder zudem noch äußerst ablehnend gegenüberstand, zu Recht Erscheinungen Jesu zugeschrieben werden. Dass aber eine Frau, die Jesus vermutlich geistesverwandt war, und über seinen Tod hinaus emotional mit ihm verbunden war, seine Präsenz nach dem Tod wahrnahm und daraus Kraft schöpfte, ist ein Gedanke, der mich sehr anspricht. Ich würde sogar noch weitergehen und behaupten, dass die Kraft, die in Jesus am Werk war, nach seinem Tod auf Maria aus Magdala überging, dass gewissermaßen sein „Geist“ in dieser Frau weiterlebte. Dadurch aber wurde sie zur Inspiration für die verwaiste Jesusbewegung. Für mich ist Maria aus Magdala die wahre Nachfolgerin Jesu.

Doch nach Ostern hinterlässt die Frau, die den Herrn gesehen hatte, keinerlei Spuren mehr in den Texten, die später Eingang in die Heilige Schrift des Christentums gefunden haben. Weder Lukas in seiner Apostelgeschichte, noch Paulus in seinen Briefen erwähnen sie. Die sich allmählich zum Christuskult wandelnde Jesusbewegung wird von anderen Kräften angetrieben. Einzig Bewegungen, die mit dem Hauptstrom des sich allmählich über das Römische Imperiums ausbreitenden Christentums in Konflikt geraten und sich von ihm weg entwickeln, halten die Erinnerung an Maria aus Magdala wach. In Texten wie dem Evangelium der Maria, dem Thomasevangelium, dem Judasevangelium oder der Pistis Sophia erscheint die Magdalenerin als die besondere Vertraute Jesu. Ihr vertraut er tiefe Geheimnisse über die wahre Natur des Menschen und der menschlichen Seele an, mit ihr pflegt er vertrauten Umgang. Das erregt den Neid und die Missgunst der männlichen Jünger Jesu. Insbesondere Petrus wird zu ihrem großen Gegenspieler, ja erbitterten Feind.

Der historische Wert dieser Zeugnisse ist gering. Es ist kaum anzunehmen, dass die Bewegungen, in denen diese Texte entstanden sind, ihre Entstehung in irgendeiner Weise der Maria aus Magdala verdanken. Vielmehr haben sie wohl ihre Konflikte mit dem Hauptstrom des Christentums gerade auf diese Frau projiziert. In ihr sahen sie das Modell und die Rechtfertigung für ihren eigenen Weg der Jesus Nachfolge. Das aber war nur möglich, wenn sich bis weit ins zweite Jahrhundert hinein die Erinnerung daran wachgehalten hatte, dass die Frau aus Magdala nach dem Tode ihres Meisters für einen anderen Weg der jungen Jesusbewegung eingetreten war, als ihn ihre Widersacher aus dem Kreis der Zwölf dann durchsetzten.

Doch auch im offiziellen Christentum lebte die gefährliche Erinnerung an Maria aus Magdala fort. Und man fand vor allem in der lateinischen Kirche einen genialen Weg, diese Unruhestifterin aus den Anfängen des Christentums unschädlich zu machen. Lukas hatte Maria dämonisiert und sie damit ungewollt in die Nähe Jesu gerückt, dem das gleiche Schicksal widerfahren war. Das katholische Christentum tat ein Weiteres und machte aus der Magdalenerin eine (bekehrte) Hure, indem man in ihr die Sünderin sah, die Jesus bei einem Mahl die Füsse mit ihren Tränen wusch und mit kostbarem Öl salbte (Lk 7,36-50). Oder man setzte sie mit Maria aus Bethanien gleich, der Schwester der Martha und des Lazarus, den Jesus von den Toten erweckt hatte. Diese salbt Jesus nach dem Johannesevangelium kurz vor seinem Leiden bei einem Mahl in ihrem Haus das Haupt mit kostbarem Öl (Joh 12, 1-8). Bei Markus wiederum ist es eine namenlos gebliebene Frau, die Jesus das Haupt salbt (Mk 14,3-9). Alle drei Frauen verschmelzen irgendwann zur Büßerin Maria Magdalena, der bekehrten Hure, die bis in unsere Tage eine beachtliche Karriere in Literatur und bildender Kunst machen darf.

Die Magdalenerin bot darüberhinaus Stoff für unzählige Legenden. Einmal soll sie mit Johannes und der Mutter Maria nach Ephesus gegangen und dort gestorben sein. Dann wieder wird sie mit dem Heiligen Gral aus der Artus Sage in Verbindung gebracht. Sie war mit Jesus verheiratet und von ihm schwanger. Sie wird auf einem ruderlosen Schiff ausgesetzt, das sie schließlich an der Küste Südfrankreichs anlandet, wo sie als Missionarin und/oder Eremitin lebt. In Frankreich bringt sie ihr und Jesu Kind zur Welt, das die Dynastie der Merowinger begründet, eine Legende, die bis heute die faschistoiden Fantasien erzreaktionärer Royalisten in Frankreich beflügelt.

Die Wirkungsgeschichte der Magdalenerin ist ein treffliches Beispiel für die Wiederkehr des Verdrängten im Freudschen Sinn. Es geht dabei um mehr als nur um die Verdrängung und Dämonisierung des Weiblichen im offiziellen Christentum. Es geht darum, dass die Menschwerdung Gottes unvollständig bleibt, wenn Jesus keine Frau als Gegenüber hat. Es geht dabei keineswegs um Erotik und Sex, es geht um Beziehung. Gott wird Mensch in Beziehung und das Grundmuster menschlicher Beziehung ist nun einmal die Beziehung des Mannes zur Frau und umgekehrt. Es wäre alles da. Maria aus Magdala hat es ausgesprochen in dem Satz:“Ich habe den Herrn gesehen“, Ausdruck einer überaus tiefen Beziehung. Die Frage ist nur, ob auch wir es „sehen“ wollen.

Sonntag, 2. Mai 2010

Er ist von einem Dämon besessen

Als Jesus nach seiner Trennung von Johannes dem Täufer als Wanderprediger und Heiler durch Galiläa zieht, will seine Familie ihn mit Gewalt nach Hause zurück holen; „denn sie sagten: Er ist von Sinnen.“(Mk3,21). Von Seiten seiner Gegner muss Jesus sich wiederholt den Vorwurf anhören, er sei von einem bösen Geist besessen, bzw. vom Geist eines fremden Gottes (Joh 8,48.53). Man kann davon ausgehen, dass beides, die Einstellung seiner Familie und die Vorwürfe seiner Gegner, historischen Tatsachen entsprechen. Denn sie zeigen Jesus und mit Einschränkungen auch seine Angehörigen in keinem vorteilhaften Licht, sind also kaum von seinen Bewunderern später in seine Biografie eingefügt worden.

Als unbestritten gilt heute auch, dass Jesus mit Erfolg als Exorzist tätig war, dass er also Menschen, die nach eigenem und fremdem Urteil unter dem Einfluss ich-fremder Kräfte standen, von ihrer Besessenheit heilen konnte. Besessenheit ist ein allgemein anerkanntes Phänomen in traditionellen Gesellschaften. Als Exorzist war Jesus auch keine Ausnahmeerscheinung, wie man aus den Streitgesprächen um seine angeblich eigene Besessenheit entnehmen kann (Mt 12, 22-37par).

Man sollte auch vorsichtig sein, dieses Phänomen vorschnell mit Erklärungsversuchen aus der modernen mitteleuropäisch-angelsächsischen Psychiatrie glätten zu wollen. Es gibt auch in der modernen Psychiatrie zumindest Anhaltspunkte dafür, dass sich sogenannte Besessenheitsphänomene der Eingliederung in den Katalog bekannter psychiatrischer Erkrankungen widersetzen, etwa indem sie auf erprobte Behandlungsmethoden mit entsprechenden Psychopharmaka nicht ansprechen.

Jesus lebte als Jude eingebettet in die Glaubensüberzeugungen seiner Umwelt. Dazu gehörte der Glaube, dass die Wirklichkeit in ihren sichtbaren so gut wie in ihren unsichtbaren Dimensionen geprägt war von einem Kampf zwischen guten und bösen Kräften. Die Welt war 'beseelt' von einer Vielzahl immaterieller 'Wesenheiten', guten Geistern oder Engeln auf der einen und bösen Geistern oder Dämonen auf der anderen Seite. Die guten Kräfte, die Engel, standen unter der Herrschaft Gottes, die bösen, die Dämonen, unter der Satans. Der Kampf zwischen Gott und Satan bestimmte das Weltgeschehen insgesamt.

Jesu Bewusstsein war stark von dieser archaischen Vorstellung geprägt. Ein persönliches mystisches Erlebnis scheint ihn zu der Überzeugung gebracht zu haben, dass Gott diesen Kampf im Himmel, jener immateriellen jenseitigen Dimension der Wirklichkeit, schon für sich entschieden hatte. Diese 'Erleuchtung' kommt in Jesu Wort zum Ausdruck:”Ich sah den Satan wie einen Blitz auf die Erde fallen”(Lk 10,18).

Damit verbindet sich bei Jesus die Überzeugung, Gott habe in seiner Person, diesen Kampf mit dem Satan auf die Erde herab getragen. Jesus erlebt sich als mit dem Geist oder Dämon Gottes 'beseelt'. In Jesu Person nimmt Gott selbst den Kampf auf mit den bösen Geistern hier auf der Erde. So ist es auch folgerichtig, wenn im Markus-Evangelium die Dämonen die einzigen sind, die wirklich erkennen, wer Jesus in Wirklichkeit ist (Mk 1,34b). Dies mag eine theologische Interpretation des Verfassers des Markus-Evangeliums sein, sie dürfte aber ihre Rechtfertigung durchaus im Selbstverständnis Jesu haben. Der Geist Gottes, von dem Jesus, so muss man wohl sagen, 'besessen' ist, umgibt ihn mit einer Aura der Unverletzlichkeit. “Seine Engel kamen und dienten ihm” (Mt 4,11par) heißt es in dem Bericht, über Jesu Wüstenerfahrung mit dem Satan.

Man kann sich vorstellen, dass diese Erfahrung Jesu, in der Kraft des Geistes Gottes Macht über die Dämonen übertragen bekommen zu haben, auch eine dunkle Seite hatte. Die Begabung mit dem Dämon Gottes dürfte eine umso nachhaltigere Erfahrung für Jesus gewesen sein, wenn sie gleichzeitig die Befreiung von der 'Besessenheit' durch einen dunklen Dämon bedeutet hatte. Wie auch immer man sich dies vorstellen will, es spricht einiges dafür, dass Jesus ehemals selber ein Besessener war. Der diesbezügliche Vorwurf seiner Gegner(Mt 12, 22-37par) weist daraufhin. Immerhin waren Exorzisten in Jesu Umgebung keine Ausnahmeerscheinung und gegen sie scheint sich dieser Vorwurf nach Jesu eigenen Worten nicht gerichtet zu haben.

Möglicherweise hatte Jesus im Täufer seinen Exorzisten gefunden. Wir hätten dann in Jesus so etwas wie einen „geheilten Heiler“ vor uns, einen Menschen, der die Befreiung von dämonischen Fesseln, die er an sich selbst erlebte, auch an andere weitergeben kann. Die Evangelien geben zumindest Hinweise darauf, dass dem so war. Markus, Matthäus und Lukas berichten übereinstimmend, dass Jesus nach seiner Taufe eine Begegnung mit dem Satan hatte. Markus, von dem die beiden anderen Evangelisten abhängig sind, bringt die kürzeste aber auch aussagekräftigste Version:”Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.” (Mk 1,12-13). Zwei Dinge sind an diesem Bericht von Interesse. Der „Geist trieb“ Jesus in die Wüste. Markus hat zuvor berichtet, dass Jesus, als er nach erfolgtem Taufbad aus dem Wasser stieg, sah, „dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam“ (Mk 1,10).

Man kann dieses Bild zunächst einfach für eine theologische Metapher dafür halten, dass Jesus in seiner Taufe ähnlich wie andere Gottesmänner vor ihm mit der Kraft Gottes ausgestattet wurde. Dabei kann offen bleiben, ob eine Vision Jesu, von der Markus wusste, den Hintergrund seiner Schilderung bildet, oder ob sie bloße Deutung im Rückblick ist. Liest man diesen Text aber im Zusammenhang mit dem folgenden, oben zitierten, dann scheint mir diese Geist-Begabung Jesu doch mehr zu sein, als eine nachträglich angehängte theologische Deutung des Redens und Handelns Jesus.

Der „Geist“ „trieb“ Jesus in die Wüste. Hier wird in sehr starken Worten der Eindruck vermittelt, Jesus sei von einer Kraft zu einem Tun gezwungen worden, die von „außen“ Einfluss auf ihn nahm. Mit aller Vorsicht könnte man von einem ich-fremden Impuls sprechen, der Jesus zu einem Tun veranlasste, das nicht von ihm selbst veranlasst und gesteuert werden konnte. Jesus war,in der traditionellen Begrifflichkeit bleibend, tatsächlich von dem „Geist“ „besessen“.

Mit einem Begriff der modernen Bewusstseinsforschung würde man sagen, Jesus befand sich in einem veränderten Bewusstseinszustand. Die Theorie von den veränderten Bewusstseinszuständen geht davon aus, dass eine ganze Skala unterschiedlicher Bewusstseinszustände gibt. Unser Alltagsbewusstsein, mit dem wir uns während eines großen Teils der Zeit in der Welt zurechtfinden, ist nur einer dieser Zustände. Daneben gibt es, allen bekannt, der Zustand, in dem wir etwa während des Schlafes Träume produzieren, aber auch das Tagträumen ist ein Zustand, der sich vom Alltagsbewusstsein abhebt. Trance und Ekstase, schon exotischer, sind weitere. Dämonische „Besessenheit“ ebenso wie andere von der betroffenen Person oder von Beobachtern als ich-fremd erlebte Zustände kann man gleichermaßen irgendwo auf der Skala veränderter Bewusstseinszustände einordnen.

Die Meinung ist heute unter denen, die sich mit Jesus-Forschung befassen, mehr als nur eine Aussenseiterposition, dass Jesus in der Tat Zugang zu veränderten Bewusstseinszuständen hatte und dass seine Tätigkeit als Heiler und Exorzist gerade damit zusammenhing(vgl. J. Pilch, Ereignisse eines veränderten Bewusstseinszustandes bei den Synoptikern, in: W. Stegemann u.a., Jesus in neuen Kontexten, Stuttgart 2002, S.33 (Weitere Literatur dort)). Jesu Wüstenerfahrung deute ich in engem Zusammenhang mit seiner schon erwähnten Vision :“Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel auf die Erde fallen.“ (Lk 10,18). Folgt man dem Markus-Text, dann hat Jesus in der Wüste eine Auseinandersetzung mit dem Satan. Matthäus und Lukas malen die Geschichte stärker aus und setzen die Akzente anders, im Kern schildern sie aber das gleiche. Bei Markus finden verschiedene Ereignisse gleichzeitig statt: Jesus wird vom Satan in Versuchung geführt. Er lebt bei den wilden Tieren. Die Engel dienen ihm. All dies vierzig Tage lang! Der Satan entfaltet seine Macht. Jesus aber lebt bei den wilden Tieren, eine Anspielung auf Jes 11, 6-8, wo der Friede unter den Tieren als ein Qualitätsmerkmal für die Endzeit geschildert wird, und die Engel dienen ihm (Ps 91,11-13). Jesus ist aufgehoben in einem göttlichem Schutzraum, in dem die zwar immer noch tätige Macht des Satans ihm nichts anhaben kann (Vgl. Martin Eber, Jesus von Nazareth in seiner Zeit. Stuttgart 2003. S.102).

Dies deckt sich mit Jesu Vision. Die Macht Satans ist grundsätzlich gebrochen, er ist aus dem Himmel vertrieben. Jesus erfährt sich selbst als immun gegenüber der noch anhaltenden satanischen Agitation hier unter auf der Erde. Er ist geschützt vom Geist Gottes, der ihm verliehen wurde. Dies ist – so behaupte ich – eine neue Erfahrung, die Jesus macht. Sie hätte kaum Gewicht, wenn Jesus vordem nicht die gegenteilige Erfahrung gemacht hätte: dass er ein Opfer satanischer Umtriebe war. Darin sehe ich den Hinweis, dass Jesus auch schon vor seiner Begegnung mit Johannes Erfahrungen mit veränderten Bewusstseinszuständen machte, diese aber zu jener Zeit als Beeinflussung durch satanische Kräfte begriff. Die „Wüstenerfahrung“ setzt Jesus in den Stand, fortan als „geheilter Heiler“ Menschen in ähnlicher Situation von dämonischen Kräften zu befreien.

Jesus wird ein „Gott-Besessener“, der Geist Adonais hat von ihm Besitz ergriffen. Daher leitet sich auch Jesu intime Vertrautheit mit Gott her, den er fortan seinen ABBA nennt. Dabei unterscheidet er klar zwischen „Meinem Vater“ und „Eurem Vater“. Jesus steht mit der Welt des Heiligen in Verbindung und man darf dabei durchaus annehmen, mit dessen heller wie mit dessen dunkler Seite. Damit steht Jesus in einer Reihe mit anderen großen Gestalten der jüdischen und israelitischen Tradition. Mit Miriam, die man später zur Schwester Moses degradierte, die aber in Wirklichkeit eine große Profetin aus der Frühzeit Israels war, mit Moses selber, der ebenfalls ein Gott-Besessener war, mit Eliah und Elischa, den großen und auch furchtbaren Profeten aus dem Norden Israels, wie Jesus auch als Wundertäter bekannt. Aber auch aus der Zeit des Frühjudentums, um die Zeitenwende, kennt man diese Männer der Tat, wie man sie nannte, Rabbi ben Dosa und Honi der Regenmacher, und nicht zu vergessen, Johannes, den Lehrmeister Jesu.

Es war vermutlich nicht so sehr die Predigt Jesu, die ihm seine Anhängerschaft verschaffte. Von bloßen Worten und eingängigen Geschichten hätte sich eine einfache Landbevölkerung, und sie war wohl Jesu vornehmliches Publikum, nicht so leicht beeindrucken lassen, noch viel weniger die Randgestalten, die Kranken, die Sünder, die Frauen, denen Jesu Interesse vor allem galt. Was die Menschen bei Jesus in Bann schlug, war seine offensichtliche Verbindung mit jener Dimension des Heiligen und seine Fähigkeit, diese Dimension in der Alltagswirklichkeit aufscheinen zu lassen. Wie immer man die von ihm berichteten Heilungen und Dämonenaustreibungen im einzelnen beurteilen mag, dass Jesus als Heiler und Exorzist einen Ruf hatte ist unbestritten. Ein Argument dafür ist nicht zuletzt die Reaktion seiner Widersacher, die man etwa unter den Dorfältesten zu suchen hat. Ihr Widerstand entzündete sich nicht so sehr an dem, was Jesus sagte. Die heftigste Kritik rief das hervor, was er tat.

Nicht zuletzt lässt sich die offenbar schon bald nach Jesu Tod einsetzende Verehrung seiner Person am besten dadurch erklären, dass man ihn schon zu seinen Lebzeiten als einen kannte, der in einer einzigartigen Verbindung mit dem Göttlichen stand.