Dienstag, 20. April 2010

Auferstanden am dritten Tag

Dass Jesus am dritten Tag nach seinem Tod von Gott aus dem Tod in ein neues Leben auferweckt wurde, zählt zu den Grundaussagen des christlichen Glaubensbekenntnisses. Auch finden sich im Neuen Testament an verschiedenen Stellen Hinweise und ausführliche Berichte darüber, dass sich Jesus von Nazareth nach seinem Tod einigen seiner Getreuen gezeigt habe. Das älteste Zeugnis darüber steht im ersten Korintherbrief des Paulus aus dem Jahr 54 u.Z.. Paulus hat es offenbar schon als festgeprägte Formel vorgefunden:Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschienen dem Kephas und den Zwölf.(1Kor 15,3b-5). Mit dieser Formel haben wir das älteste greifbare Glaubensbekenntnis des jungen Christentums vor uns. Paulus ergänzt die Liste derer, denen Jesus erschienen ist, durch eine Gruppe von fünfhundert Brüdern, den Herrenbruder Jakobus und alle Apostel (1Kor 15,6f) und fügt an: Als letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der „Mißgeburt“. (1Kor 15,8).

Zwei Aussagen werden hier auf einer Aussageebene aneinander gereiht: Christus ist auferweckt worden und er ist erschienen. In Wirklichkeit gehören sie zwei ganz unterschiedlichen Ebenen an. Die erste Ebene ist die, wo von Erscheinungen Jesu vor einigen seiner Anhänger die Rede ist. Gut zwanzig und mehr Jahre später tauchen in den Evangelien im Anhang zu der Passionsgeschichte noch eine ganze Reihe teils sehr farbiger Erzählungen auf, in denen von Erscheinungen Jesu vor verschiedenen JüngerInnen die Rede ist (Mk 16,9-20; Mt 28,9-10; 16-20; Lk 24, 13-35; 36-53; Joh 20,11-18; 20,19-23; 20,24-29; 21,1-14; 15-23). Davon möglicherweise unabhängig berichten die Evangelien außerdem von der Entdeckung eines leeren Grabes am Ostermorgen (Mk 16, 1-8; Mt 28,1-8; Lk 24,1-12; Joh 20,1-10) durch Maria aus Magdala und weitere Frauen aus der Gefolgschaft Jesu.

Dass Verstorbene sich im zeitlichen Umfeld ihres Todes Menschen, die ihnen während ihres Lebens nahestanden, zeigen, wird bis in unsere Gegenwart hinein immer wieder bezeugt. Dieses Phänomen wird, wenn es nicht schlichtweg als Unsinn abgetan wird, in der Regel mit Halluzination oder visionären Erlebnissen im Prozess der Trauerarbeit erklärt. Anderseits hat sich über lange Zeit die Auffassung gehalten, dass der Geist oder die Seele oder das Bewusstsein, kurz das, was eine Person zu dem macht, was sie ist, sich beim Tod eines Menschen erst allmählich „entfernt“ oder „verflüchtigt“ oder wie immer man dies ausdrücken mag. Man könnte also sagen: die „Präsenz“ eines Verstorbenen ist mit dem Eintreten des Todes nicht plötzlich verschwunden. Sie ist häufig auf eine nicht näher zu bestimmende Weise weiterhin visuell oder akustisch erfahrbar. Diese „Präsenz“ kann durchaus unterschiedlich stark wahrnehmbar sein, je nachdem, wie stark die „Präsenz“ des Betreffenden zu dessen Lebzeiten und wie stark die Beziehung der Lebenden zu ihm war. Dass Jesu „Präsenz“, viele nennen sie „Charisma“ zu dessen Lebzeiten bemerkenswert war, bezeugen die Quellen verschiedentlich.

Wenn das Neue Testament also von Erscheinungen Jesu vor seinen JüngerInnen berichtet, halte ich dies durchaus nicht für einen einzigartigen Vorgang. Auch zweifle ich nicht daran, dass der Wahrnehmung der JüngerInnen durchaus eine Realität auf Seiten Jesu entsprach. Insofern kann man, wie es gelegentlich getan wird, von „objektiven“ Visionen sprechen. Die konkreten Schilderungen in den Evangelien allerdings halte ich für fiktive Ausschmückungen, die bestimmten theologischen Anliegen entsprechen. Die wirklichen Erscheinungen dürften sehr viel flüchtiger und diffuser gewesen sein.

Auch denke ich, dass der Kreis jener, die derlei Erfahrungen mit dem verstorbenen Jesus machten, erheblich kleiner war, als das Neue Testament glauben machen will. Natürlich bestand in den verschiedenen Gruppierungen der Jesus Anhänger und des frühen Christentums ein Interesse daran, gerade ihre jeweiligen Führungspersönlichkeiten zum Kreis jener zu rechnen, denen Jesus nach seinem Tod erschienen war. Leitete man doch aus dieser Tatsache schon sehr bald einen Autoritätsanspruch für die Betreffenden ab. Man darf nicht vergessen: Theologie ist nie nur interesseloses Nachdenken über die Geheimnisse des Göttlichen. Theologie verfolgt immer auch ganz handfeste Machtinteressen. So ist es etwa bemerkenswert, dass in der Aufzählung bei Paulus keinerlei Frauen genannt werden, während sie in den Ostererzählungen der Evangelien die ersten sind, die Jesus zu sehen bekommen.

Aber wie kam es nun vom Sehen des verstorbenen Jesus zu dem Glauben, dass Gott Jesus vom Tod auferweckt und in eine neue Existenzweise geholt hatte? Die Erscheinungen kann man als historisches Faktum akzeptieren. Die Aussage aber, dass Gott Jesus auferweckt habe, ist eine theologische Deutung dieses Faktums, die sich durchaus nicht von selbst aufdrängt. Wenn ein Ehemann nach einer Geschäftsreise plötzlich und unerwartet mit einem kostbaren Ring nach Hause kommt, mag die Frau dies als Beweis seiner Liebe und Wertschätzung für sie deuten. Möglicherweise will er damit aber auch nur sein schlechtes Gewissen beschwichtigen, weil er sich ein paar schöne Tage mit der Sekretärin gemacht hat. Genauso erlauben die Erscheinungen Jesu erst aufgrund eines bestimmten Vorverständnisses die Deutung, die sie schließlich gefunden haben.

Die Erscheinungen waren zunächst einmal durchaus nicht eindeutig . Auch unter den Jesusleuten war bekannt, dass Verstorbene sich im zeitlichen Umfeld ihres Todes zeigen konnten. „Es ist sein Engel“ (Apg 12,15), pflegte man in einem solchen Fall zu sagen. So etwa die Reaktion der Leute, als der nach seiner Verhaftung schon tot geglaubte Petrus unvermutet vor dem Haus auftaucht, in dem sich einige seiner Freunde versammelt hatten. Auch die Ostererzählungen berichten immer wieder davon, dass Jesus von denen, die ihn nach seinem Tod sahen, zunächst nicht erkannt wurde. Das wird gerne damit erklärt, dass der Auferstandene eben nicht der einfach ins physische Leben Zurückgekehrte sei. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Betroffenen das Phänomen, das ihnen widerfuhr, gar nicht als „Auferstehung“ oder „Auferweckung“ deuteten. Die Erfahrung mag verwirrend, vielleicht auch tröstlich angesichts ihrer Trauer über den Tod Jesu gewesen sein, aber sie wurde zunächst schlicht in den bekannten Bedeutungsrahmen eingefügt, dass Verstorbene sich offenbaren konnten.

Es gibt auch Hinweise dafür, dass dem Führungszirkel der Jesusbewegung, das Gerede über Erscheinungen zunächst durchaus ungelegen kam (Lk 24,11). Auch ein Hinweis darauf, dass durchaus nicht Petrus und die Zwölf ihre Adressaten waren. Offenbar aber ließen sich die Gerüchte irgendwann nicht mehr unterdrücken. Auch bestand die Gefahr, dass jene, die sich auf eine Erscheinung Jesu berufen konnten, zu besonderem Ansehen in der Jesusbewegung kamen und die Autorität des Führungszirkels bedrohten. Also kam man zu einer Sprachregelung, die autoritär festlegte, wer eine Erscheinung des Herrn für sich in Anspruch nehmen durfte.

Das waren dann laut Paulus, Kephas (Petrus) und die Zwölf, die er durch weitere fünfhundert Brüder, Jakobus und alle Apostel ergänzt und am Ende auch für sich selbst dieses Privileg in Anspruch nimmt (1 Kor 15, 6-8). Frauen kommen in dieser Liste nicht mehr vor. Dass sie sich aber nicht endgültig verschweigen ließen, beweisen die Ostererzählungen der Evangelien, die zwar jünger sind, aber hier mit Sicherheit Traditionen aufgreifen, die von Anfang an im Umlauf waren. Dass hier dann auch noch andere Personen namentlich genannt werden, zeigt, dass es durchaus konkurrierende Überlieferungen darüber gab, wer sich auf eine Erscheinung des Herrn berufen durfte.

Wann und wie Erscheinungen und Auferstehungsglaube zusammengeführt wurden, lässt sich nicht mehr entscheiden. Sicher ist, dass dies in einem Prozess geschah, der länger als drei Tage dauerte! Die geglaubte Auferweckung Jesu durch Gott entstand vielmehr in einem allmählichen Prozess von theologischer Reflexion und Studium der jüdischen Heiligen Schrift, der sich vermutlich über einige Jahre erstreckte. Es ist nicht einmal sicher oder überhaupt wahrscheinlich, dass die Erscheinungen die Ursache für den Auferstehungsglauben waren. Viel eher glaube ich, dass die Erscheinungen nachträglich im Lichte einer so gewonnen Erkenntnis gedeutet wurden.

Wie die Passionsgeschichte und die ntl. Briefliteratur zeigen, führte der Schock über den gewaltsamen Tod Jesu zu einem intensiven Nachdenken darüber, wie Leben und Werk Jesu trotzdem ein Sinn abgewonnen werden könnte. Jesu gewaltsamer Tod stellte alles in Frage, woran seine Anhänger geglaubt und worauf sie gehofft hatten. Sie hatten nicht nur damit fertig zu werden, dass ihr Meister einen schandbaren Tod erlitten hatte, der ihn als einen von Gott Verfluchten abstempelte (Dt 21,23; Gal 3,13b). Sie mussten vor allem mit dem offensichtlichen Skandal fertigwerden, dass Gott selbst machtlos war angesichts der Machtwillkür der Mächtigen dieser Welt. Wie hätte er es denn sonst zulassen können, dass Jesus verurteilt und gekreuzigt wurde! Wenn Gott aber machtlos war im Angesicht der Machthaber dieser Welt, dann war alles, wofür Jesus gelebt hatte und gestorben war, ein grandioser Irrtum. Dann war seine Botschaft, Gottes Herrschaft sei im Kommen und Jahwe werde einen neuen Anfang setzen für Israel und alle Völker eine Täuschung.

Das Bemerkenswerte am Glauben Israels, soweit man ihn aus seinen Heiligen Schriften erschließen kann, ist, dass es seinem Gott gerade in Zeiten größter Not die unwahrscheinlichsten Dinge zu seiner Rettung zutraute. Wann immer Israel durch äußere oder innere Katastrophen in seinem Bestand bedroht war, hielten Profeten und weise Männer/Frauen mit kraftvollen Bildern von einem rettenden Eingreifen Gottes in naher oder ferner Zukunft dagegen. Die wohl mächtigste Vision göttlicher Intervention war die Vorstellung, Jahwe werde die Verstorbenen aus der Schattenwelt des Todes herausholen.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tode gehörte durchaus nicht zum Grundbestand des alten Israels. Er entwickelte sich erst allmählich nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil und erst im Frühjudentum bildet sich eine Vorstellung von der Auferstehung der Toten heraus. Unbestritten bleibt dieser Glaube allerdings nicht. Bis in die Zeit Jesu hinein halten etwa die Sadduzäer weiter am alt israelitischen Glauben fest, der Mensch versinke nach dem Tod in die Bewusstlosigkeit eines unterweltlichen Schattenreichs, in dem auch die Verbindung zu Gott abgeschnitten sei.

In der Makkabäerzeit verbindet sich der Auferstehungsglaube mit dem Gedanken des Martyriums des Gerechten (2Makk 7). Wer im Gehorsam gegenüber der Tora das Martyrium erleidet, der tut es in der Hoffnung auf die Auferweckung durch Gott und auf die Bestrafung der Gottlosen. Gott, der sich im gewaltsamen Tod des Gerechten als machtlos gegenüber den Mächtigen dieser Welt erweist, beweist schließlich seine grössere Macht durch die Auferweckung des Gerechten und die Bestrafung der Übeltäter.

An diese Hoffnung knüpfen jene in der Jesusbewegung an, die nach dem Tode des Meisters im Rückgriff auf ihre Heilige Schrift nach Antworten auf das schmachvolle Schicksal ihres Idols suchen. Die Erscheinungen, von denen sie erfahren haben, mögen die Plausibilität ihres Glaubens erhöht haben. Die Ursache dafür waren sie eher nicht.

Es gibt auch durchaus noch Spuren, die darauf hindeuten, dass es in den Anfängen der Jesusbewegung nach dem Tode Jesu noch andere Erklärungsversuche einer nachtodlichen Rechtfertigung Jesu durch Gott gegeben hat. Das Markusevangelium etwa sieht in dem am Kreuz Gestorbenen schon den durch Gott Erhöhten, wie es das Bekenntnis des römischen Hauptmanns zum Ausdruck bringt:“Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ (Mk 15, 39). Bei Lukas konkurriert die Auferstehungsvorstellung mit jener einer Hinwegnahme von der Erde ähnlich wie bei Elia (Lk 24.50). Im Spruchevangelium, das Eingang in das Matthäus- und das Lukasevangelium gefunden hat, ist vom Auferstandenen überhaupt nicht die Rede. Dort wird Jesus als weiser Lehrer, ja als mensch gewordene göttliche Weisheit erinnert. Offenbar sehr rasch aber muss sich die Vorstellung von der Auferweckung Jesu durch Gott durchgesetzt und alle anderen Erklärungsversuche verdrängt oder integriert haben. Sie bleibt aber ungeachtet ihrer zentralen Stellung im Glaubensbekenntnis eine Deutung, die nicht aus sich selbst heraus einsichtig ist. Wer sich für Jesus und seinen Lebensentwurf entscheidet, mag durchaus zu einem anderen Verständnis seines Schicksals und Gottes Rolle darin gelangen. Diese Entscheidung kann ihm keine Glaubensgemeinschaft abnehmen.

Freitag, 9. April 2010

Bis zur letzten Konsequenz

Der Sinn von Leiden, Sterben und Tod Jesu erschließt sich nicht von selbst. Auf den ersten Blick ist der Tod des Jesus von Nazareth so sinnlos wie jeder gewaltsame Tod. Und so banal: ein relativ unbedeutender Wanderprediger aus Galiläa wird in Jerusalem Opfer einer undurchsichtigen politischen Mauschelei zwischen maßgeblichen Kräften der jüdischen Tempelaristokratie und der römischen Besatzungsmacht. Am Ende wird er, vermutlich ohne formellen Prozess, von den Römern gekreuzigt, angeblich als Aufrührer gegen die Besatzer. Jesus ist einer von vielen tausend Juden, denen die Römer das gleiche Schicksal verordneten.

Wer glaubt, in den Erinnerungen seiner Anhänger Aufschluss über Hintergründe und Einzelheiten dieses politischen Mordes zu bekommen, irrt. Die Passionsgeschichte, sie liegt in vier Varianten vor, geht aber in Wirklichkeit auf eine Fassung, die des Markusevangeliums zurück, liest sich zwar wie das Protokoll über Prozess und Hinrichtung Jesu. In Wirklichkeit aber ist sie der Versuch einiger schriftkundiger Jesus-Leute, den Schock, die Wut und die Trauer über das unerwartete Ende ihres Meisters zu verarbeiten.

Diese schriftkundigen Jesus-Leute tun das auf zweifache Weise. Zum einen machen sie einen Schuldigen am Tod Jesu aus. Die Römer für Jesu Tod verantwortlich zu machen, ist nicht ratsam für eine Bewegung, die sich gerade anschickt, im römischen Imperium Fuß zu fassen. Man kommt zwar nicht an der Tatsache vorbei, dass Jesus letztendlich von den Römern gekreuzigt wurde, tut aber alles, diese in der Person des Pilatus als Getriebene hinzustellen. Getrieben von den jüdischen Tempelbehörden, ja vom jüdischen Volk insgesamt. Jesus wurde von Pilatus hingerichtet, weil er vom jüdischen Volk dazu gezwungen wurde. Das ist das Fazit, das die Passionsgeschichte bei allen vier Evangelisten mit leichten Akzentverschiebungen zieht.

Diese Schuldzuweisung, die jeder historischen Wahrscheinlichkeit ins Gesicht schlägt, vermutlich fanden Verurteilung und Hinrichtung Jesu abseits jeder öffentlichen Wahrnehmung statt, war nicht nur in Jesu Tod begründet. In ihr drückt sich auch die Enttäuschung und Verbitterung darüber aus, dass die Jesusbewegung vor und nach dem Tod Jesu im Judentum kaum Fuß fassen konnte. Während Johannes der Täufer über seinen Tod hinaus großes Ansehen im Volk genoss, scheint Jesus außerhalb eines kleinen Kreises treuer Anhänger kaum auf Zustimmung gestoßen zu sein.

Auf das Schicksal des jüdischen Volkes sollte sich diese Geschichtsfälschung der Evangelien katastrophal auswirken. Hier liegen die Wurzeln des christlichen Judaismus, der von Christen inszenierten Judenpogrome und des Antisemitismus, der schließlich im Holocaust gipfelte. Die Christenheit trägt hier eine Schuld, die sich nicht abtragen, sondern nur demütig tragen lässt. So sehr aufgeklärte Christen und die meisten Kirchenführungen dies heute anerkennen, noch immer ist die Passionsgeschichte Teil der christlichen Heiligen Schrift und beansprucht göttliche Autorität für sich.

Dennoch ist die Passionsgeschichte mehr ist als eine polemische Streitschrift gegen das Judentum. Sie ist der Versuch einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Todes Jesu. Dabei suchen die Verfasser in der Heiligen Schrift des Judentums nach Hinweisen. Was sich heute dem Leser als eine Chronologie der Ereignisse darstellt, die zum Tod Jesu führten, ist in Wirklichkeit eine äußerst geschickte Komposition von Anspielungen, Assoziationen und Zitaten der hebräischen Bibel, die aufweisen sollen, dass Leiden und Sterben Jesu einem göttlichen Heilsplan entsprach.

Dabei werden verschiedene Motive aus der jüdischen Überlieferung aufgegriffen und miteinander verknüpft. Jesus wird gesehen als der leidende Gottesknecht (Jes 23,12), oder der leidende Gerechte der Weisheitsliteratur. Sein Leiden und Sterben wird gedeutet als verdienstvolles Martyrium nach dem Vorbild der Makkabäer Brüder(2 Makk 7). Zahlreiche „Fakten“ sind schlicht dem 22. Psalm entnommen, etwa die Kleiderverteilung (Mk 15,24 = Ps 22,19) , die Verspottung (Mk 15,29f.31f = Ps 22,8f) und das letzte Wort Jesu am Kreuz (Mk 15,34 = Ps 22,2). Die Beispiele ließen sich noch beliebig erweitern. Eine gute Übersicht liefert neben anderen Autoren: Martin Ebner, Jesus von Nazareth in seiner Zeit. Sozialgeschichtliche Zugänge. Stuttgart 2004, 2.Auflage, S. 204 – 214.

Eine Deutung des Todes Jesu hat schließlich alle anderen überlagert und gehört bis heute zum Grundbestand des christlichen Glaubens: Jesu Tod am Kreuz ist das blutige Opfer, durch das die Menschheit mit Gott versöhnt und gerecht gesprochen wurde. Während dieser Gedanke in den Evangelien noch kaum anzutreffen ist, steht er vor allem in der Theologie des Paulus im Vordergrund. Wegen der Sünde Adams ist für Paulus das Verhältnis zwischen den Menschen, Juden wie Heiden, und Gott unrettbar zerrüttet . Es gibt für den Menschen keinerlei Möglichkeit, mit Gott von sich aus ins Reine zu kommen. Es bedarf des Blutopfers Jesu am Kreuz, um die Menschheit wieder mit Gott zu versöhnen. Gott selbst hat sich dazu bereit gefunden, Jesus als Sühneopfer daranzugeben, um die Menschheit wieder mit sich zu versöhnen (Röm 3,25; 2 Kor 5,20 u.ö.).

Diese Vorstellung ist schlicht schauderbar! Nicht nur verrät sie die bedauernswert niedrige Meinung, die Paulus vom Menschen hat, der Mensch ist ein in der Wurzel verderbtes Wesen. Sie offenbart auch ein Gottesbild, das dem des Jesus von Nazareth total widerspricht. Ein Gott, der seinen Sohn, und das ist Jesus für Paulus, am Kreuz opfert, ist ein Schlächter. Der Gott Jesu ist dagegen ganz anders. Er holt die Ausgegrenzten heim, richtet die Niedergedrückten auf, und wenn Jesus in seinem Namen Sünden vergibt, tut er es bedingungslos.

Die Sühneopfertheologie gehört zu den schwersten Hypotheken des christlichen Glaubens. Sie ist verantwortlich für ein im Grunde pessimistisches Welt- und Menschenbild des Christentums. Sie redet einer krankhaften Opfermystik das Wort, die Leid und das Erdulden von Gewalt als verdienstvoll hinstellt. Sie ist mitverantwortlich für Machtmissbrauch und Gewalt, nicht zuletzt sexuelle Gewalt.

Nicht zuletzt besteht ein Zusammenhang zwischen der Sühneopfertheologie und der Einstellung zum Tod, denn nach Paulus ist der Tod ja der Lohn der Sünde. Der Tod ist eine Strafe. Nicht umsonst wird in unserer Gesellschaft, die stärker als es ihr lieb ist, im Guten und Schlechten vom Christentum geprägt ist, nicht umsonst wird in unserer Gesellschaft der Tod verdrängt und geleugnet. Andere Kulturen, etwa solche, die vom Buddhismus geprägt sind, haben ein viel entspannteres Verhältnis zum Tod.

Damit landen wir allerdings erneut bei der Frage, wie wir dann Jesu Tod verstehen sollen. Bedeutet er das Scheitern seines Lebenswerkes? Weist das Kreuz Jesus als Scharlatan aus oder als selbst Betrogenen? Man könnte jetzt schnell zur Auferstehung überwechseln und dort die Antwort suchen. Doch die Auferstehung, von der in einem späteren Beitrag die Rede sein wird, erklärt nichts, wenn man nicht zuerst den Tod Jesu verstanden hat. Den aber kann man nur verstehen im Rückblick auf Jesu Predigt von der hereinbrechenden Gottesherrschaft und den Zeichen, mit denen er sie gegenwärtig setzte.

Jesu Tod ist das letzte und machtvollste Zeichen der Gottesherrschaft, das Jesus gesetzt hat. Im Tod am Kreuz identifiziert sich Jesus bis zum Äußersten mit der hereinbrechenden Gottesherrschaft, bis zu seiner Auflösung als Individuum. Denn in letzter Konsequenz sprengt voll verwirklichte Gottesherrschaft die Dimensionen von Raum und Zeit. Wer endgültig in sie eintreten will, muss die Schwelle des Todes überschreiten. Doch auch dieser Sinn erschließt sich einem nicht von selbst ….

Donnerstag, 1. April 2010

Verliebt in den Tod

Judentum, Christentum und Islam zeigen eine pathologisch anmutende Vorliebe für den Tod. Glaubt man ihnen, dann muss Gott insbesondere am gewaltsamen Tod seiner Geschöpfe immenses Vergnügen haben. Belege dafür finden sich zahlreich: angefangen von der gerade noch verhinderten Schlachtung Isaaks durch Abraham, über die Niedermetzelung der Baalspriester durch den Profeten Elia, von der Kreuzigung Jesu über das heroische Sterben christlicher Märtyrer, von denen einige wie Ignatius von Antiochien Folter und Tod kaum erwarten konnten, bis hin zu den im Wochentakt sich in die Luft sprengenden islamistischen Selbstmordattentätern unserer Tage. Was für ein Gott oder vielmehr, was für Menschen, die sich einen solchen Gott ausdenken.

Alle Jahre wieder in der Woche vor Ostern erinnern die Christen sich an den Tod ihres Meisters. Des Todes eines außergewöhnlichen Menschen zu gedenken, ist ein Akt der Pietät. Den Tod Jesu derart ins Zentrum des Nachdenkens über und der Erinnerung an ihn zu machen, macht allerdings stutzig. Natürlich meldet sich jetzt hier und dort der Einwand, Jesu Leiden und Sterben sei nur die eine Seite der Medaille. Man dürfe die andere Seite nicht verschweigen, dass Jesus von Gott auferweckt worden sei. Diese andere Seite soll auch noch zur Sprache gebracht werden in einem weiteren Beitrag. Für den Augenblick aber will ich bei der Feststellung verharren, dass über Jahrhunderte hinweg bis auf den heutigen Tag das Logo des Christentums nicht eine Darstellung des Auferstandenen ist, sondern das Kreuz mit dem erhängten Jesus daran.

Alles, was Jesu Anhänger schon bald nach seinem gewaltsamen Tod über ihn zu sagen wussten, sagten sie gewissermaßen unter dem Blickwinkel des Kreuzes. Jesu Tod am Kreuz wurde zu dem heilsentscheidenden Ereignis in seinem Leben. Die Botschaft von seiner geglaubten Auferstehung ändert daran nichts. Sie überhöht das Kreuz noch und stellt es auf einen Altar. Wenn man der christlichen Deutung der Person Jesu folgt, gewinnt man den Eindruck, der Sinn des Lebens Jesu bestünde einzig darin, irgendwann um das Jahr Dreißig u.Z. unter bis heute ungeklärten Umständen als jüdischer Aufständischer von der römischen Besatzungsmacht im Schnellverfahren abgeurteilt und hingerichtet worden zu sein.

Dabei kam Jesus, als er, irgendwann zu Anfang der Dreißiger Jahre u.Z., zu jenem Pessach nach Jerusalem kam, das sein letztes sein sollte, keineswegs in die Heilige Stadt, um zu sterben. Die Evangelien versuchen zwar diesen Eindruck zu erwecken. Insbesondere das Markusevangelium liest sich, als sei es Jesu Lebenszweck und Absicht gewesen, sein Leben als Verurteilter an einem Kreuz bei Jerusalem zu beenden. Vielmehr kam Jesus mit der festen Zuversicht nach Jerusalem, jetzt werde Gott sein Werk vollenden und seine Herrschaft für jedermann sichtbar errichten. Dieses epochale Ereignis konnte nirgendwo sonst als in Jerusalem geschehen, und Jesus wollte dabeisein.

„Ich werde von der Frucht des Weinstocks nicht mehr trinken, bis ich von neuem davon trinken werde im Reich Gottes“ (Mk 14, 25). Dieses vermutlich einzig echte Jesuswort im Bericht über das letzte Mahl, das Jesus mit seinen JüngerInnen feierte, wird stets so verstanden, als habe Jesus damit seinen bevorstehenden Tod vorausgesagt oder doch vorausgeahnt. In Wirklichkeit ist es Ausdruck von Jesu unverrückbarer Überzeugung, dass Gottes große Zeitenwende jetzt unmittelbar bevorstehe. In der Hochstimmung eines Festes mit den Seinen, lässt er sich zu einer Aussage hinreißen, die etwas von einem heiligen Schwur hat. Er verbürgt sich dafür, dass der endgültige Durchbruch der Gottesherrschaft in allernächster Zukunft geschehen wird. Gleichzeitig ist es eine Herausforderung seines Gottes:“So – jetzt tue du das deine!“

Jesus glaubte in der letzten Phase seines Lebens unverrückbar daran, dass das Reich Gottes in seiner Mission als Heiler und Exorzist schon Fuß gefasst hatte auf Erden und dass der endgültige Durchbruch der Gottesherrschaft unmittelbar bevorstand. Was Johannes der Täufer angesagt hatte, war schon geschehen, jetzt brauchte man nur noch, wie der Bauer, der seinen Samen ausgeworfen hatte, zu warten, dass die Saat aufging.

Die mythologische Vorstellung von einer kosmischen Verwandlung der Wirklichkeit durch ein unmittelbares Eingreifen Gottes hatte vollständig von Jesus Besitz ergriffen. Man kann sich Jesu „Besessenheit“ von dieser Vorstellung nicht drastisch genug vorstellen. Dafür Verständnis aufzubringen, fällt modernem Denken nicht leicht. Aber auch Zeitgenossen, die Jesus nahestanden, hatten ihre Probleme damit. Selbst seine eigenen Angehörigen zweifelten an Jesu geistiger Gesundheit. Zweitausend Jahre Christentum haben sich bis zum heutigen Tag vor dieser Erkenntnis gedrückt und sie mit einer lauwarmen Theologie zu verdrängen gesucht.

Was immer man an äußeren Ursachen auszumachen sucht, die zum Tod Jesu führen mochten, wie immer man dem Tod Jesu theologisch einen Sinn zu geben versucht, Jesus fand sein unzeitiges Ende an einem römischen Kreuz, weil er sich bis zur Selbstaufgabe mit einem Mythos identifizierte. Hier müsste das Nachdenken über Sinn und Sinnlosigkeit des Todes Jesu ansetzen. War Jesus bloß ein Verrückter, dem sein Wahn zum Verhängnis wurde, oder …? Hier beginnt ein neues Nachdenken über die „Torheit des Kreuzes“ von der Paulus spricht.