Samstag, 27. März 2010

Wer ist der Grössere

Ab den Dreißiger Jahren des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung treten in Palästina, Syrien und bis nach Kleinasien hinein zwei jüdische Splittergruppen miteinander in zumeist friedliche Konkurrenz. Beide berufen sich auf einen von zwei Heiligen Männern Israels, die kurz zuvor eines gewaltsamen Tod starben. Beide Gruppen stehen in gespannter Erwartung auf ein in nächster Zukunft eintretendes Eingreifen Gottes, das zum Ende der Geschichte und einer Neugestaltung des gesamten Kosmos führen wird. Beide schreiben ihrem jeweiligen Idol eine entscheidende Rolle in diesem Prozess zu. Beide praktizieren ein Ritual, bei dem Neueintretende durch ein Tauchbad in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Während die eine Gruppe eine erstaunliche Entwicklung durchläuft und bald zu einer religiösen, kulturellen und politischen Gestaltungskraft im römischen Imperium erstarkt, hinterlässt die andere kaum Spuren, wenn man von einigen Tausend verfolgter Anhänger im heutigen Irak und im Iran absieht.

Am Anfang stehen zwei jüdische Profeten, Johannes, den man den Eintaucher nannte, besser bekannt als Johannes der Täufer, und sein Schüler Jesus, ein Bauhandwerker aus dem kleinen Dörfchen Nazareth in Galiläa, dem man außerordentliche Wunderkräfte nachsagt. Was wir über die beiden wissen, stammt fast ausschließlich aus Quellen, die auf die Anhänger des Schülers, des Jesus von Nazareth, zurückgehen. Das ist natürlich schlecht für den Meister, den Eintaucher vom Jordan. Nicht dass man Schlechtes über ihn zu hören bekäme. Das wenige, was die Evangelien über ihn zu berichten wissen, ist durchaus wohlwollend. Er wird geschildert als ein strenger Asket, ein großer Profet, ja der Grösste, der je von einer Mutter geboren wurde (Mt 11,11), der in Peräa am Jordan oder einem seiner Nebenflüsse, am Rande der Wüste, sich aufhielt.

Hart wie seine Lebensweise war seine Predigt. Keiner in Israel solle sich darauf verlassen, dem unweigerlich kommenden Strafgericht Gottes zu entgehen. Nutzlos seien die Entsühnungsrituale des Tempels und der ganze Opferbetrieb, den die Priester dort veranstalteten. Wertlos sei es, sich darauf zu berufen, ein Abkömmling Abrahams zu sein. Notfalls werde Gott sich aus den Steinen dort vor ihm ein Volk erschaffen. Nur wer bereit sei zu persönlicher Umkehr und Buße und strengem Fasten, könne dem Strafgericht Gottes entgehen. Und zum Zeichen der Umkehr und als Ritual der Vergebung tauchte Johannes die Buswilligen unter im Wasser.

Das Echo muss groß gewesen sein. In Scharen sollen die Menschen zu Johannes hinaus gepilgert sein. Viele wohl um der Sensation willen, manche aber wohl auch mit dem echten Vorsatz, ihr Leben in Ordnung zu bringen. Einige von denen, die es ernst meinten, blieben bei Johannes und teilten sein entbehrungsreiches Leben mit Gebet und hartem Bussfasten. So bildete sich ein Jüngerkreis um den Bußprediger, der Kern einer Taufbewegung, die sich später über Palästina und darüber hinaus ausbreiten sollte.

Unter denen, die zum Eintaucher pilgerten, kommt, vermutlich irgendwann in der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre u.Z., auch der Bauhandwerker Jesus aus Nazareth in Galiläa und so lässt sich von Johannes untertauchen. Dieses Ereignis gehört neben Jesu Kreuzigung an einem römischen Kreuz zu den sichersten Fakten seiner Biografie. Es passt nämlich so gar nicht zur Verherrlichungs-Strategie der Jesus-Überlieferung, dass es unmöglich von ihr erfunden sein kann. Da man die Taufe Jesu nicht verschweigen konnte, bemühte man sich wenigstens um Schadensbegrenzung.

Im Markusevangelium (Mk 1,1-15) weist Johannes auf Jesus als den Stärkeren hin, der nach ihm kommt. Die Taufe selbst dient lediglich dem Zweck, Jesus mit dem Heiligen Geist zu begaben und ihn durch eine Stimme aus dem Himmel als Gottes geliebten Sohn zu proklamieren. Matthäus lässt Johannes selbst die Rangordnung zwischen sich und Jesus zurechtrücken:“Ich habe es nötig von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?“(Mt 3,14). Jesus winkt souverän ab;“Lass es nur zu!“, denn so müsse es geschehen, um den göttlichen Heilsplan zu erfüllen (Mt 3, 15). Bei Lukas ist Johannes bei der Taufe Jesus schon gar nicht mehr auf der Bühne(Lk 3,19f). Wer Jesus tauft bleibt unklar, vermutlich Gott selber. Johannes verzichtet überhaupt darauf, die Taufe Jesu zu erwähnen. Der Täufer spielt nur noch die Rolle des Zeugen, der auf Jesus hinweist (Joh, 1,26.33)

Die historische Wirklichkeit ist wohl eine andere gewesen sein. Dafür sprechen eine Reihe von Hinweisen. Jesu Begegnung mit dem Täufer stellt den entscheidenden Wendepunkt im Leben Jesu dar. Für Jesus, den Outcast, dem man wegen seiner unsicheren Herkunft, die volle Zugehörigkeit zum Volk Abrahams absprach, war des Johannes Drohwort, Gott könne dem Abraham auch aus Steinen Kindern erwecken, eine wahre Frohbotschaft. In der Taufe des Johannes wird Jesus geschenkt, was man ihm bislang versagte, der Vater (Mk 1,11par). Dass Jesus fortan eine exklusive Sohn-Vater-Beziehung für sich in Anspruch nahm, ist unbestritten. Diese Beziehung dürfte wohl auch der Anker in der Biografie Jesu sein, an dem so bald nach seinem Tod der Titel „Sohn Gottes“ fest gemacht werden konnte.

Die Synoptiker sind bemüht, das Zusammentreffen zwischen Jesus und Johannes möglichst kurz zu halten. Nach der Taufe wird Jesus vom Geist in die Wüste getrieben (Mk 1,12par), unbestimmte Zeit später wird Johannes von Herodes Agrippa gefangen gesetzt (Mt 4,12) und später aufgrund einer Hofintrige seiner zweiten Frau und deren Tochter (Mk 6,17-29) von Herodes enthauptet. Damit hat Johannes seine Rolle als „Vorläufer“ Jesu ausgespielt. Jetzt ist die Bühne frei für Jesus, der seine öffentliche Tätigkeit als Wanderprediger, Heiler und Exorzist in Galiläa antritt.

Das Johannesevangelium, das theologisch durchaus die gleiche Linie verfolgt, verrät aber immerhin, dass Jesus ganz offensichtlich über einen längeren Zeitraum hinweg zum Jüngerkreis um Johannes den Täufer gehörte, ja wohl so etwas wie sein „Assistent“ wurde. Eine Notiz bei Joh 3,22 lässt den Schluss zu, dass Jesus mit einigen Schülern des Johannes?) eine eigene Taufstelle in Judäa aufmachte und dort selber taufte, ob im Einvernehmen mit Johannes oder in Konkurrenz zu ihm, lässt sich nicht entscheiden. Joh 4,2 versucht diese Feststellung zwar wieder zurückzunehmen mit der Behauptung nicht Jesus selber, sondern seine Jünger hätten getauft. Ich denke aber, dass der Hinweis auf Jesu eigene Taufpraxis durchaus glaubwürdig ist wie auch die in Joh 3,25ff und Joh 4,1f angedeutete Rivalität zwischen den Schülern des Johannes und den Jesus-Jüngern. Offenbar entzündete sie sich daran, wer von beiden – Johannes oder Jesus – den grösseren Zulauf habe. Jesus scheint diesen Konflikt dadurch gelöst zu haben, dass er das Taufen aufgab und nach Galiläa zurückkehrte(Joh 4,3). So stellt es zumindest das Johannesevangelium dar.

Vielleicht aber vollzog Jesus den Schritt vom Täufer zum Wanderprediger aus ganz anderen Gründen. Johannes predigte das unmittelbar bevorstehende Endgericht Gottes, dem nur entgehen würde, wer sich von ihm taufen und glaubwürdige Werke der Buße tun würde. Jesus scheint diese Ansicht eine ganze Weile lang geteilt zu haben, dann aber zu einer neuen Einsicht gekommen zu sein. „Ich sah den Satan wie einen Blitz zur Erde fahren“ (Lk 10, 18) sagt er zu den Zweiundsiebzig Jüngern, als diese von einer Missionsreise zu ihm zurückkehren und ihm von ihren erfolgreichen Dämonenaustreibungen berichten.

Jesus teilt die archaischen Vorstellungen seiner Zeit. Danach ist die Welt 'beseelt' von einer Vielzahl immaterieller 'Wesenheiten', guten Geistern oder Engeln auf der einen und bösen Geistern oder Dämonen auf der anderen Seite. Die guten Kräfte, die Engel, stehen unter der Herrschaft Gottes, die bösen, die Dämonen, unter der Satans. Der Kampf zwischen Gott und Satan bestimmt das Weltgeschehen insgesamt. Auf diesem Hintergrund muss das Jesus Wort vom Satan, der auf die Erde fiel, verstanden werden. Er mag sich hierbei auf eine Vision bezogen haben, die ihm zuteil wurde. Ebenso aber kann er einen Kometen am Himmel beobachtet haben oder eine Sternschnuppe.

Für Jesus heißt das, wenn Satan wie ein Blitz auf die Erde herab fällt, dann hat Gott den Kampf schon zu seinen Gunsten entschieden. Dann hat die entscheidende Aktion, deren unmittelbares Bevorstehen Johannes predigte, schon stattgefunden. Satan ist nur noch eine begrenzte Zeitspanne eingeräumt. Jesus aber sieht jetzt seine Berufung darin, den Kampf mit den Dämonen hier auf der Erde und damit das Werk Jahwes zu Ende zu führen. So kann er denn auf die verwunderte Frage seiner früheren Gefährten aus dem Johanneskreis behaupten: „Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, ist das Reich Gottes unter euch angekommen“(Mt 12,28 ), „was Johannes ankündigte ist eingetreten und spielt sich vor euren Augen ab.“

Auch wenn Jesus sich von Johannes trennt und einen anderen Weg einschlägt, ist seine Hochachtung für den Meister ungebrochen. „Wozu seid ihr hinausgegangen (in die Wüste)?“fragt er die Menge, „Um einen Profeten zu sehen? Ja ich sage euch: Ihr habt sogar mehr gesehen als einen Profeten“ und:“ Unter allen von einer Frau Geborenen hat es keinen grösseren gegeben als Johannes den Täufer.“( Mt11,7ff). Ob der Nachsatz:“Doch der Kleinste im Himmelreich ist grösser als er“(MT7,11), von Jesus selber stammt, wird gelegentlich bezweifelt. Er könnte auch der Versuch des Evangelisten sein, die Dinge wieder etwas zu Gunsten Jesus zu Recht zu rücken. Ich kann ihn mir allerdings gut aus dem Munde Jesus vorstellen. Er nimmt nichts von dem zurück, was Jesus gerade über Johannes gesagt hat. Es ist wie bei dem anderen Wort Jesu, das verschiedentlich zitiert wird:“Erste werden Letzte sein und Letzte Erste.“ Der Sinn beider Worte kann etwa so wiedergeben werden:“Ob grösser oder kleiner, ob erste oder letzte, derlei Einstufungen haben im Reich Gottes keinerlei Bedeutung!“ In der Dimension des Reiches Gottes bringen uns unsere Einstellungen aus der Alltagswelt nicht mehr weiter. Es ist so ähnlich, wie wenn wir mit den Gesetzen der klassischen Physik die Ausdehnung des Weltalls begreifen wollten.

Einige der Johannes Jünger scheinen Jesus auf seinem neuen Weg gefolgt zu sein. Andere hielten offenbar ihrem Meister über dessen Tod hinaus die Treue. Als er von Herodes hingerichtet worden war, holten sie seinen Leichnam und bestatteten ihn (Mk 6,29), während die Jünger Jesu sich bei dessen Verhaftung aus dem Staub machten. Auch scheint der Täufer unter dem Volk in höherem Ansehen gestanden zu haben als Jesus und seine Bewegung behauptete sich noch eine ganze Weile neben der Jesusbewegung.

Sonntag, 21. März 2010

Die "Unschärferelation" des Reiches Gottes

Jesus von Nazareth lebt, handelt und spricht in einem Raum, den er „Reich Gottes“ nennt, ja man kann sagen, durch sein Handeln und Reden schafft er fortwährend „Reich Gottes“.

Aber Jesu Rede vom „Königreich Gottes“ ist mehrdeutig und auf quälende Weise unbestimmt. Das „Königreich Gottes“ ist „unter euch angekommen“, wenn „ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe“ (Mt 12,28). Aber es ist „nicht hier oder dort, sondern mitten unter euch“ (Lk 17,21). Man kann es nicht an äußeren Zeichen erkennen(Lk 17,20) . Es liegt in der Zukunft, wird aber in Bälde erwartet:“Ich werde von der Frucht des Weinstocks nicht mehr trinken, bis ich davon kosten werde im Reich Gottes“(Mk 14,25). Einige von Jesu Zeitgenossen werden das Reich Gottes noch zu ihren Lebzeiten sehen (Mk 9,1). Man kann in es eintreten, aber auch draußen bleiben, ja sogar hinausgeworfen werden (Lk 13, 28).

Wenn Jesus vom Reich Gottes sprach, dann hatten seine Zuhörer eine bestimmte Vorstellung von dem, was er meinte. Dass Jahwe als König über Israel und die Welt herrschte, gehörte zu den Grundüberzeugungen Israels. Ebenso unabweisbar aber war die Erfahrung Israels in seiner wechselvollen Geschichte, dass Jahwes Herrschaft auf Erden nicht unangefochten war, ja das machtvolle Gegenkräfte sie noch und noch bekämpften. Und über lange Phasen in der Geschichte Israels hatte es den Anschein, als habe Jahwe sich mit seiner Macht in den Himmel zurückgezogen und Israel seinen Feinden von außen und im Inneren überlassen.

Auf dem Hintergrund dieser leidvollen Erfahrung entstand in Israel der machtvolle Mythos von einer neuen, glanzvollen Zukunft, in der Jahwe die Mächte Satans überwinden, seine Herrschaft im Himmel und auf der Erde ein für allemal etablieren und Israel vor den Augen aller Völker erneut zu seinem Volk machen würde. In einer Katastrophe von kosmischen Ausmassen würde diese Welt untergehen, wenn der Tag Jahwes kommen würde, und er im Gericht scheiden würde zwischen den Gerechten und den Ungerechten. An diesen Mythos auch knüpfte Jesus an, wenn er vom Königreich Gottes sprach, das nahe herbei gekommen sei.

Moderne Menschen tun sich schwer mit dieser Vision. So wenig sie daran festhalten möchten, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat, so fremd ist ihnen die Vorstellung, Gott würde diese Welt einfach kurzerhand wieder auslöschen und sich eine neue, bessere schaffen. Gewiss, Weltuntergangsszenarien sind auch uns nicht fremd. Erderwärmung, Klimakatastrophe, Bevölkerungsexplosion und ein erschreckendes Arsenal an Vernichtungswaffen lassen existentielle Ängste vor einer endgültigen Vernichtung unseres Planeten wach werden. Aber diesen Szenarien fehlt jede Aussicht auf eine neue, hoffnungsvolle Zukunft, die auf den Untergang folgen könnte.
Umgekehrt ist unser Wissen über das Universum heute ein ganz anderes als vor 2000 Jahren. Eine Katastrophe auf unserem Planeten, ja in unserem gesamten Sonnensystem hätte für das Universum etwa die Bedeutung der Fehlzündung eines Autos auf einem abgelegenen Feldweg. Mit einem Wort: der Mythos von einem Reich Gottes im Anschluss an eine kosmische Katastrophe hat in unserem Weltbild nur geringe Überlebenschancen.

Hat sich damit die Rede vom ankommenden und zugleich ausstehenden Reich Gottes für uns erledigt? Dann hat sich allerdings auch der Kern der Botschaft Jesu erledigt. Dann reduziert sich seine Predigt auf eine Reihe von Anweisungen zu einem etwas unkonventionellen, provokanten Lebensstil. Seine Heilungen und Exorzismen haben keinerlei Bedeutung über den Tag hinaus. Und Jesus selber hat die Bedeutung seiner Mission dann wohl erheblich überschätzt.

Die Vision vom Reich Gottes ist ein Mythos. Ein Mythos aber ist mehrdimensional. Er hat stets mehr als nur eine Sachaussage. Ein Mythos transportiert nicht einfach Information. Er performiert und transformiert, d.h. Er setzt psychische und soziale Prozesse in Gang, verwandelt Realität schon allein dadurch, dass man sich an ihn erinnert, ihn weitererzählt und ausagiert.
Der Mythos vom „Reich Gottes“ oder der „Gottesherrschaft“ benennt eine „verborgene“, „eingefaltete“ Dimension der Wirklichkeit. Nach Jesu Überzeugung steht ihr „Offenbar werden“ unmittelbar bevor. Diese zeitliche Perspektive ist aber nicht quantitativ sondern qualitativ zu verstehen. Dieses „unmittelbar“ bezeichnet eine innere Dynamik der Wirklichkeit, die quer zur Alltagswirklichkeit steht.

Der Mythos vom „Reich Gottes“ besagt: Die Verhältnisse sind nicht so, wie der Anschein uns glauben machen möchte. Die „Macht Satans“ (in der Sprache des Mythos) ist gebrochen. Das bedeutet: Leid, Unglück, Tod, Unrecht und alle Widrigkeiten des Lebens sind nicht das „natürliche“ Gesetzt der Wirklichkeit. Das der Wirklichkeit im tiefsten Grund innewohnende Gesetz ist auf Ganzheit, Heilsein, Friede, Freude, Freiheit usw. hin angelegt. Deshalb ist diese „gute Ordnung“, welche das Universum im Innersten bestimmt und zusammenhält, überall dort schon „angekommen“, wo Krankes gesund gemacht, innere und äußere Knechtschaft aufgelöst, Verfeindetes versöhnt wird . Darum ist es sinnvoll, ja heilsnotwendig, sich für diese Dynamik der guten Ordnung zu öffnen, sich in sie einzuschwingen und sich von ihr in seinem eigenen Denken, Fühlen und Handeln tragen zu lassen.

Aber wenn es auch wahr ist, dass alles davon abhängt, sich dieser Kraft zu überlassen, muss man doch der Versuchung widerstehen, sie manipulieren zu wollen. Sie ist unverfügbar. Sie ist nicht hier und sie ist nicht dort und zugleich ist sie in jedem Menschen und außerhalb von ihm. „Reich Gottes“ ist im besten Sinn des Wortes nicht „feststellbar“. Ihm ist eine geradezu entnervende „Unschärfe“ eigen. Stets ist es unmittelbar bevorstehend, aber man kann nie sagen: hier ist es oder da. In der raum-zeitlichen Wirklichkeit bleibt es stets eine flüchtige Größe. Aber es ist die Bedingung der Möglichkeit sinnvollen Handelns in der raum-zeitlichen Wirklichkeit.

Insofern ist „Reich Gottes“ stets anwesend und ausstehend zugleich. Seine vollständige (eschatologische) Verwirklichung würde auch das Ende raum-zeitlicher Existenz bedeuten. Vielleicht kann man mystische Erfahrungen, veränderte Bewusstseinszustände, schamanistische Seelenreisen u.ä. als punktuelle Erfahrungen solcher Raum-Zeit-Entgrenzung verstehen.

Man darf annehmen, dass Jesus solche Erfahrungen machte und das sie entscheidend zu seiner unerschütterlichen Überzeugung von der Nähe des Reiches Gottes beitrugen. Versteht man den Tod als letzte und unwiderruflich Raum-Zeit-Entgrenzung menschlichen Bewusstseins, dann bringt er uns möglicherweise zur Endgültigen Erfahrung dessen, was Jesus gemeint haben könnte.

Dienstag, 9. März 2010

Die Entbehrlichen

Angesichts der politischen Dummschwätzer, die in diesem Frühjahr Hochkonjunktur haben, ein Jesus-Wort in einer aktualisierten Übersetzung: "Glücklich seid ihr, Penner, Bettler und Taugenichtse. Ihr habt Gott auf eurer Seite." (Lk 6,20a).

Das griechische Wort für "Arme" (ptochoi) meint genau jene, die sich zuallerunterst auf der sozialen Stufenleiter befinden. Jesus ist ihnen auf seinen Wegen durch Galiläa begegnet, diesen dreckigen, abgerissenen Gestalten, die man schon riechen konnte, bevor man sie zu Gesicht bekam, am Strassenrand hockend und um ein Almosen bettelnd.

Wenn er ihnen sein "Glücklich seid ihr!" zugerufen hat, haben sie möglicherweise mit Steinen nach ihm geworfen. Der eine oder andere aber hat vielleicht auch begriffen, was Jesus meinte: Glücklich, nicht weil sie ein Leben im Dreck fristeten. Glücklich, weil sie in den Augen Gottes wertvoll waren.

So könnte man denn auch diese Übersetzung wagen:"Egal wie dreckig es euch geht, ihr seid Menschen mit Würde und die soll euch keiner streitig machen."

Montag, 8. März 2010

Ein reduzierter Christus?

Ein Kommentar zu meinem letzten Post stellt die Frage:"Ist dieser angenehm nahe Jesus nicht ein reduzierter Christus?". Nun - ich denke, wenn man sich auf ihn einlässt, kann er einem auch ganz unangenehm nahe kommen und schön viel von einem verlangen.

Was den "reduzierten Christus" angeht, ist meine Position die: Mir geht es zunächst einmal um die historische Gestalt des Jesus von Nazareth, der irgendwann vor der Zeitenwende geboren wurde, den grössten Teil seines Lebens unerkannt, vermutlich als einfacher Handwerker, sein Dasein fristete, irgendwann um das Jahr 30 unserer Zeitrechnung "auffällig" wurde als Heiler, Exorzist, Geschichtenerzähler und Wanderprediger, und schliesslich nach kurzer Zeit von den Römern als Königsprätendent hingerichtet wurde.

Dies sind in etwa die mageren biografischen Daten, die man aus den Evangelien und einigen anderen Quellen herausdestillieren kann. Hinzufügen muss man noch, dass einige aus seiner Anhängerschaft behauptet haben, sie hätten ihn nach seinem Tod lebend gesehen, woraus sie sehr bald den Schluss zogen, Jesus sei auferstanden.

Alles, was darüber hinaus in den überlieferten Zeugnissen über Jesus zu finden ist, sind Deutungen seiner Person und seines Wirkens durch seine Anhänger. Die mag man teilen oder auch nicht. Es steht jedermann frei, sich anhand der greifbaren Quellen sein eigenes Bild über Jesus zu machen, seine eigene Deutung zu formulieren und für sich zu entscheiden, ob dieser Jesus für ihn von Bedeutung ist.

Aus der ursprünglichen Jesusbewegung entstand allerdings schon sehr bald eine neue Religion, das Christentum. Wenn auch hier anfänglich durchaus unterschiedliche Deutungen Jesu miteinander konkurrierten, man schaue sich diesbezüglich nur einmal die verschiedenen Evangelien an, entwickelte das Christentum doch innerhalb von ca. 300 Jahren eine für alle, die sich Christen nennen wollen, verbindliche Deutung von Persohn und Werk Jesu. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, das hinter all diesen theologisch immer ausgefeilteren Aussagen am Anfang ein schlichter Jude aus dem Palästina des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung steht, der durch einige aussergewöhnliche Taten und Worte von sich reden machte.

Der Christus-Titel, der schliesslich praktisch zu einem neuen Namen für Jesus wurde, ist nur einer von mehreren Hoheitstiteln, mit denen die christliche Tradition die besondere Bedeutung Jesu hervorheben wollte. Er ist nichts weiter als die griechische Bezeichnung für den Messias des Judentums. Das Christentum bringt damit seine Überzeugung zum Ausdruck, dass sich in Jesus die Verheissung dieser jüdischen Hoffnungsgestalt erfüllt hätten. Die Juden haben sich diese Ansicht aus verständlichen Gründen nie zu eigen gemacht.

Ich finde es spannender, mich Jesus vom Anfang her zu nähern, von seinem Schicksal als historischer Gestalt des ersten Jahrhunderts, soweit das nach der Quellenlage möglich ist. Andere mögen es vorziehen, ihm vom Ende her zu begegnen, vom geglaubten Christus, dem Herrn des Kosmos und dem Sohn Gottes. Beide Wege sind legitim und möglicherweise begegnen wir uns ja dann unterwegs.

Donnerstag, 4. März 2010

Das Reich Gottes ist unter euch angekommen

Jesus von Nazareth lebt, handelt und redet in einem „Raum“, den er „Reich Gottes“ oder besser „Königsherrschaft Gottes“ nennt. Gleichzeitig schafft er diesen „Raum“ durch sein Reden und Handeln, ja durch sein ganzes Sein.
Jesus von Nazareth steht mit seiner ganzen Existenz für eine radikal neue Wirklichkeit und verbindet sein Schicksal kompromisslos damit.

Buddhas Pfad zur Erleuchtung mag mehr Eleganz besitzen, die Upanischaden mögen tiefgründiger sein, Laotse ist der grössere Philosoph und Kungfutse der effizientere Lehrmeister eines geordneten Gemeinwesens. Der jüdische Handwerker aus dem Galil des 1. Jahrhunderts berührt mein Herz. Denn er verkörpert die Möglichkeit eines Lebens in Freiheit, Liebe, Achtsamkeit, Vertrauen und Frieden inmitten einer Realität von Friedlosigkeit, Hass, Ausgrenzung, Misstrauen, Unfreiheit....

Jesus leugnet nicht die jedem wachen Zeitgenossen ins Auge springenden Widrigkeiten, das Unrecht und die ganz banale Mühsal menschlichen Lebens. Jesus ist selber nicht einmal ein besonders friedfertiger und umgänglicher Mensch. Zeugnisse für das Gegenteil finden sich verstreut über alle Evangelien. Er ist aufbrausend, zornig, abweisend, schroff, sperrig und streitlustig. Aber er behauptet unbeirrt in Wort und Tat: in gerade diese sperrige, unvollkommene Wirklichkeit reicht eine Dimension herein, die Raum schafft für befreiendes, heilendes Handeln.

Jesus spricht die Grundüberzeugung seiner Mission aus in Worten und Bildern seiner jüdischen Tradition:“Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.“(Lk 10,18), eine Anspielung auf den Kampf zwischen den göttlichen und wider göttlichen Mächten im Himmel. Es ist dies ein Erbstück orientalischer Mythologie, die der Glaube Israels übernommen und adaptiert hatte.

Wenn „Satan“ auf die Erde herunter gefallen ist, dann hat im „Himmel“ das Göttliche den Sieg davon getragen. Dann ist erwiesen, dass „Gott“ stärker ist als „Satan“. Das Gute hat grundsätzlich den Sieg über das Böse davongetragen. Hier unten ist dem Satan nur noch eine begrenzte Zeit des Wirkens eingeräumt, so die Überzeugung Jesu.

Sich selbst sieht Jesus in diesen letzten Kampf mit dem Satan eingebunden:“Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist doch das Reich Gottes zu euch gekommen“ (Lk 11,20). Mit jedem Menschen, der so durch Jesu Handeln von Zwängen befreit wird, weitet sich der Raum, den Jesus „Gottesherrschaft“ nennt. Der Raum von Freiheit und neuen Möglichkeiten wird grösser. Nichts anderes meint „Herrschaft Gottes“ als einen Freiheitsraum, in dem Menschsein zu seiner vollen Entfaltung kommen kann.

Man muss sich die mythologischen Vorstellungen, in denen Jesu Überzeugung von der ankommenden Gottesherrschaft eingebettet ist, nicht zu eigen machen, um sich auf sein Angebot, mehr Freiheit und Menschlichkeit zu wagen, einzulassen. Ja selbst ohne das Gottesbild Jesu zu teilen, kann man sich auf die Hypothese „Reich Gottes“ einlassen und mit neuen Möglichkeiten eines neuen, befreienden Umgangs miteinander, mit sich selbst, mit den Dingen, den Tieren, den Wäldern und Flüssen experimentieren.

Denn wo immer wir die mannigfaltigen Dämonen unserer Wirklichkeit austreiben, da ist der „Finger Gottes“ am Werk, ob wir nun an ihn glauben oder nicht.

Montag, 1. März 2010

Die Heimkehr des verlorenen Sohnes

H. Mahlon Smith, Fellow des einstmals bekannten und umstrittenen Jesus Seminar, sieht im Bild vom verlorenen Sohn eine treffende Bezeichnung für Jesus. Er vertritt die Ansicht, Jesus habe sich selbst in der Figur des verlorenen Sohnes gesehen, als er dieses Gleichnis erzählte ( http://virtualreligion.net/forum/prodigal.html).

Die Geschichte ist bekannt. Es ist eines der längsten Gleichnisse aus Jesu Mund (Lk 15,11-32). Ein Vater hat zwei Söhne. Der jüngere von beiden kommt und verlangt vom Vater die Auszahlung seines Erbteils. Der Vater tut ihm den Willen und der Sohn zieht von dannen. In der Fremde lässt sich’s der junge Mann gutgehen. Er treibt sich in zwielichtiger Gesellschaft herum und bringt sich so um sein gesamtes Vermögen. Am Ende bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich bei einem Bauern des Landes zu verdingen. Der Absturz ist gewaltig. Die Arbeit ist hart und obendrein lässt man ihn noch hungern. Gern würde er sich an dem Fraß der Schweine sättigen, aber selbst der wird ihm verweigert.

Das ist der Augenblick, wo er sich besinnt. Zu Hause bei seinem Vater hätte er es gut. Selbst der letzte unter den Knechten hat dort ein besseres Leben als er hier. Er beschließt umzukehren und heim zu seinem Vater zu gehen. Er will sich vor ihm niederwerfen, seine Schuld bekennen und den Vater um Vergebung bitten. Er macht sich auf den Weg nach Hause. Der Vater, auf sein Kommen aufmerksam geworden, eilt ihm entgegen. Und als der Sohn sich vor ihm niederwirft und ihn um Vergebung bittet, zieht ihn der Vater hoch und schließt ihn in die Arme.

Man muss sich vergegenwärtigen, dass diese Geschichte in einer patriarchalen Gesellschaft des ersten Jahrhunderts im Nahen Osten spielt. Selbst im 21. Jahrhundert wäre dort das Verhalten des Vaters höchst ungewöhnlich. Der Vater, den man sich als einen offenbar wohlhabenden Gutsbesitzer mit zahlreichen Sklaven und Sklavinnen vorstellen muss, wirft all seine Würde über Bord. Er vergisst seine patriarchalen Vorrechte, wartet nicht, bis sein Strolch von Sohn demütig vor ihm erscheint, sondern verlässt seine Gemächer, eilt ihm entgegen und schließt ihn in die Arme. Und er gibt Anweisung, ein Kalb zu schlachten und ein Festgelage vorzubereiten.

So viel Aufhebens um das schwarze Schaf der Familie erbost denn auch den älteren der beiden Söhne. Für ihn, den treuen Sohn, harten Arbeiter und rechtschaffenen Mann, hat der Vater nie einen derartigen Aufwand betrieben. Also bleibt er den Festlichkeiten, mit denen die Heimkehr des jüngeren Bruders gefeiert wird, fern.

Und wiederum setzt sich der Vater über jede Etikette hinweg, verlässt die Festtafel und begibt sich zu seinem älteren Sohn. Die Geschichte lässt offen, ob der Sohn sich von seinem Vater überreden lässt, doch an dem Willkommensmahl für seinen Bruder teilzunehmen. Immerhin geht der Vater für orientalische Verhältnisse bis ans Äußerste, um ihn dazu zu bewegen. Er stellt den Sohn auf eine Stufe mit sich selbst, indem er ihm die gleichen Rechte am Besitz zubilligt.

Jesus greift in dieser Parabel ein beliebtes Motiv jüdischer bzw. israelitischer Erzähltradition auf, das Motiv zweier oder mehrerer rivalisierender Brüder. Jakob, der jüngere, betrügt Esau um sein Erstgeburtsrecht und wird von Gott dafür gewissermaßen belohnt, indem er zum Stammvater Israels wird. Josef wird von seinen Brüder nach Ägypten verkauft, kommt dort zu höchsten Ehren und hat später das Schicksal seiner Brüder in der Hand.

Jesus durchbricht das Schema. Anders als in der Josefs-Geschichte oder in der Erzählung von Esau und Jakob bedeutet der Vorteil, der dem jüngeren zuteil wird, nicht den Nachteil des älteren. Die Heimkehr des jüngeren wird zwar mit einem Fest gefeiert, sie führt aber nicht zum Verlust der Rechte des älteren. Diesem wird im Gegenteil die Hand zur Versöhnung hingehalten. Ob er sie annimmt, lässt die Geschichte offen.

Da stellt sich dann doch die Frage, ob diese Parabel nicht eine Erfahrung aus Jesu eigenem Leben reflektiert. Auch aus der Biografie Jesu kennen wir einen – neben anderen - Bruder Jakobus, den man den Gerechten nannte. Wer von den beiden – Jesus oder Jakobus – nun der ältere war, tut nichts zur Sache. Jesus ist auf alle Fälle derjenige, der von daheim wegzieht und sich von der Familie distanziert. Jesus ist auch derjenige, der offenbar einen Lebenswandel führt, der in den Augen der Rechtschaffenen Ärgernis erregt. Ein “Fresser und Weinsäufer” wird er genannt, er treibe sich mit “Sündern und Steuerpächtern” herum, wird ihm vorgeworfen. Er sei nicht wirklich der Sohn Josefs, sondern “im Ehebruch gezeugt”, wird gemunkelt. Jesus zieht, wenn man so will, auch aus dem Vaterhaus Jahwes aus. Er ist ein verlorener Sohn Israels und er pflegt ganz offensichtlich Umgang mit Leuten, von denen ein ehrbarer Jude sich fernhält.

Von ganz anderem Zuschnitt ist Jakobus. „Der Gerechte“ nennt ihn das Thomas-Evangelium (12, 2) und nach Josephus, dem jüdischen Historiker stand er „in hohem Ansehen bei allen, die das Gesetz streng beobachteten“ (Antiq. 20.200-201). Jakobus bleibt draußen vor der Tür und verweigert die Teilnahme am Festmahl (Lk15, 28). Seine Vorstellung davon, wie ein gesetzestreuer Jude vor Gott wandeln solle, waren denen seines Bruders Jesus diametral entgegengesetzt.

Jakobus lehnt seinen Bruder Jesus und das, was er vertritt ab (Mk 3, 21). Erst nach dessen Tod stellt er sich in Jerusalem offenbar an die Spitze einer Gruppe von Anhängern Jesu (Apg 1, 14). Allerdings deutet nichts daraufhin, dass er sich dadurch der Sicht seines Bruders angenähert hatte. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, es sei sein Bemühen gewesen, die Jesus-Bewegung (wieder) in ein gesetzeskonformes Judentum einzubinden.

Jakobus fiel die Verantwortung zu, die Bewegung, die sein Bruder so unbedacht los getreten hatte, in geordnete Bahnen zu lenken. Immerhin stand die Ehre des Clans auf dem Spiel. Das entsprach den gesellschaftlichen Spielregeln. Wie immer man zum schwarzen Schaf der Familie stand, das Erbe, das er hinterlassen hatte, fiel der Familie zu und sie musste das Beste daraus machen oder das Schlimmste zu verhüten versuchen . Jakobus kam die Rolle zu, die Familienehre wieder herzustellen.

Man kann das Gleichnis vom verlorenen Sohn als die ausgestreckte Hand Jesu seinem Bruder Jakobus gegenüber deuten, sich nicht weiterhin von ihm zu distanzieren und sich vielmehr darüber zu freuen, dass auch er -Jesus - den Weg zurück ins Haus seines ABBA gefunden hatte. Für beide ist Platz an der Festtafel, für den „Fresser und Weintrinker“ Jesus ebenso wie für den „Gerechten“ Jakobus. Ob Jakobus die Einladung angenommen hat?

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn lässt – mit aller Vorsicht – Rückschlüsse auf das Selbstverständnis Jesu zu. Die Annahme ist berechtigt, dass Jesus wegen der Gerüchte, die es um seine Herkunft gab, zumindest in Nazareth kein Ansehen hatte, vielleicht sogar in seiner eigenen Großfamilie schief angesehen wurde. Wenn ihm die volle Zugehörigkeit zum Volk Israel – weil man seinen Vater nicht kannte – vielleicht auch nicht offiziell abgesprochen wurde, sie wurde doch mit einem Fragezeichen versehen. Vermutlich ist Jesus recht bald von Nazareth weggezogen. Wenn er ein Bauhandwerker war, wie anzunehmen ist, dann hatte er in einem kleinen Dorf auch kein Auskommen. Er musste dorthin, wo gebaut wurde, vielleicht nach Sepphoris, der Stadt nahe bei Nazareth, die Herodes Agrippa nach 4 unserer Zeitrechnung zu seinem Verwaltungssitz ausbauen ließ. Oder nach Tiberias, am Nordostufer des Kinnereth-See, wo Herodes in den zwanziger Jahren eine neue Stadt und das Zentrum seiner Herrschaft aufbaute.

Jesus erlebte sich als Ausgestoßenen aus dem Haus Israel bis er in der Begegnung mit Johannes dem Täufer eine spirituelle Erfahrung machte, die sein Leben von Grund auf veränderte. Der Vaterlose erfährt sich hier in einer einzigartigen Weise als Sohn des himmlischen ABBA. Und dies ist die positive Erfahrung, die Jesus im Gleichnis zum Ausdruck bringt: er, der in der Fremde ein elendes Leben führte, hat endlich zu seinem ABBA gefunden und ist bedingungslos aufgenommen worden.