Freitag, 19. Februar 2010

Ein verlorenes Kind

Von wegen „Heilige Familie“. Die Idylle mit Jesus, Maria und Josef, die uns aus Gemälden gelegentlich entgegen strahlt, und deren Verführungskraft selbst halbwegs seriöse Jesus-Filme erliegen, trügt. Man darf Jesus im Gegenteil mit gutem Grund ein verlorenes Kind nennen und das Verhältnis zu seiner Familie als zerrüttet.

Die Hinweise in den Evangelien sind zahlreich, die auf ein gestörtes Verhältnis zwischen Jesus und den Seinen hinweisen. Als seine Mutter und seine Brüder – die Schwestern werden verschwiegen – ihn in Kapernaum aufsuchen, verleugnet er die Verwandtschaftsbeziehung zu ihnen (Mk 3,31-35par). Für orientalisches Denken eine Ungeheuerlichkeit. Ein andermal begegnet er seiner Mutter mit schroffer Ablehnung, verweigert ihr sogar die respektvolle Anrede „Mutter“ (Joh 2,4). Die wiederum zeigt sich peinlich berührt, als Jesus mit einigen Kumpanen auf einer Hochzeit in Kana auftaucht. Sie versucht ihn mit dem Hinweis, es gebe keinen Wein mehr, wieder los zu werden (Joh 2,3).

Als Jesus predigend durch Galiläa zieht, will ihn die Familie nach Hause zurückholen. Sie glaubt, er sei verrückt geworden (Mk 3,21). Als das offenbar misslingt, versuchen seine Brüder Jesus dazu zu bewegen, Galiläa zu verlassen und nach Judäa zu ziehen (Joh 7,3-5). Sein Treiben geht der Familie an die Ehre. Lieber wäre ihnen, er würde anderswo für Aufsehen sorgen. Auch muss Jesus sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, er sei „ein Weinsäufer und Fresser“ (Lk 31-34). Es ist dies der typische Vorwurf von Eltern, die einen Sohn vor die Dorfältesten bringen, wenn sie mit ihm nicht mehr fertig werden.

Alle diese Hinweise, die sich verstreut in den Evangelien finden, sind mit Sicherheit keine Erfindungen, denn sie sind für Jesus nicht gerade schmeichelhaft. Wo aber liegt der Grund für das, gelinde gesagt, angespannte Verhältnis zwischen Jesus und den Seinen? Man könnte vermuten, dass die Familie über seinem Auftritt als Heiler, Exorzist und Prediger nicht glücklich war. Immerhin riskierte er damit die Feindschaft der religiösen und der politischen Obrigkeit und brachte so mittelbar auch seine Angehörigen in Gefahr.

Das mag eine Rolle gespielt haben, aber der wahre Grund liegt tiefer. Nach Markus 6,3 nennt man Jesus in Nazareth "Jeschu Bar Miriam", „Sohn der Maria“. Das ist verächtlich gemeint, denn eigentlich hätte er "Jeschu Bar Josef" nach seinem Vater genannt werden müssen. Der aber taucht in dem ganzen Abschnitt, in dem von der Familie Jesu die Rede ist, kein einziges Mal auf. Maria, Jesu Mutter, wird mit Namen genannt; ebenso Jesu Brüder: Jakob, Simon, Josef, Judas. Von mehreren Schwestern ist die Rede, aber ein Vater namens Josef wird nicht erwähnt. In Joh 8.41 werfen einige seiner Gegner Jesus indirekt vor, er sei im Ehebruch gezeugt worden. Beide Stellen erwecken den Eindruck, als hätte es Zweifel über den natürlichen Vater Jesu gegeben, die man gerne als Argument gegen ihn verwandte.

Die neutestamentlichen Zeugnisse setzen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit diesen Zweifeln auseinander. Lukas (1,34-35) betrachtet die Geburt Jesu als Folge einer Intervention des Heiligen Geistes. Ihm zufolge hatte Maria keinen Geschlechtsverkehr mit einem Mann. Matthäus (1, 18-25) berichtet, dass sich bei Maria, während sie mit einem Mann namens Josef verlobt war, zeigte, dass sie schwanger war. “Vom Heiligen Geist”, ergänzt der Evangelist. Damit meint Matthäus aber lediglich, dass Marias Schwangerschaft göttlicher Absicht entsprach, keineswegs, dass sie nicht auf natürlichem Wege zustande gekommen wäre. Auf subtile Weise macht Matthäus allerdings auch klar, dass es sich hierbei um einen der Fälle gehandelt habe, wo Gott gezwungen war, auf krummen Zeilen gerade zu schreiben. Sehr verständlich nimmt Josef, Marias Verlobter, zunächst einmal das Offensichtliche an und will sich in aller Stille von Maria trennen. Weil er gerecht war und Maria nicht der Schande preisgeben wolle, erklärt der Autor. Dann aber lässt er sich von einem Traum dazu bewegen, Maria doch zu sich zu nehmen, noch bevor Jesus geboren wird. Damit erkennt er Jesus als seinen Sohn an. Vor dem Gesetz ist Jesus somit der Sohn Josefs.

An anderen Stellen im Neuen Testament erscheint Jesus ganz zweifelsfrei als der "Sohn Josefs" (Joh 1,45; 6,42, Lk 4,22). Auch die Stammbäume Jesu bei Lukas (3,23-28) und Matthäus (1,1-17) gehen von der Annahme aus, dass Jesus der Sohn Josefs ist. Bemerkenswert ist dabei immerhin, dass Matthäus in seinem Stammbaum vier Frauen aufführt, die wegen ihren fragwürdigen Verbindungen mit Männern bekannt waren (Mth 1,1ff). Auch wenn Jesus "Sohn Davids" genannt wird, muss man Josef als seinen Vater voraussetzen, denn nur er konnte ihm die Abstammung von David sichern ((Mt 1,1; 9,27; 12,23; 15,22; 20,30f; 21,9.15; Mk 19,47.48; Lk 18,38f; Röm 13; 2Tim 2,8; Offb 5,5; 22,16).

Aufs Ganze gesehen überwiegt somit in den neutestamentlichen Zeugnissen die Meinung, Jesus sei der Sohn Josefs. Die Theorie einer "Jungfrauengeburt" wird außer in der Geburtserzählung bei Lukas (1,34-35) und mit der erwähnten Einschränkung bei Matthäus (1,18-25) nirgendwo vertreten. Der Vorwurf, Jesus sei das Ergebnis eines Ehebruchs (Joh 8,41), wird nirgendwo unterstützt. Mk 6,3, wo Jesus "Sohn Marias" genannt wird, wird von Matthäus und Lukas ausdrücklich korrigiert. Matthäus spricht in der Parallelstelle (13,55) vom "Sohn des Bauhandwerkers), Lukas (4,22) nennt eindeutig Josef als den Vater Jesu.

Die neutestamentlichen Zeugnisse über Jesu Herkunft väterlicherseits sind also durchaus widersprüchlich, selbst innerhalb des gleichen Evangeliums. Es überwiegen zwar die Zeugnisse, Jesus sei der Sohn Josefs, es wird aber nicht verschwiegen, dass es diesbezüglich Zweifel gab. Die Erzählung von der "Jungfrauengeburt" scheint ihre Entstehung zumindest teilweise diesem Gerücht zu verdanken. Mit ihr sollte wohl Jesu Herkunft göttlicher seits legitimiert werden. Dass sie sich dann schon sehr bald verselbständigte, ist ein anderes Thema.
Man darf annehmen, dass die Evangelien, genauer das Johannes- und das Markus-Evangelium, die Gerüchte über die fragwürdige Herkunft Jesu nicht erfunden haben. Sie sind nicht schmeichelhaft für Jesus, deshalb würde man sie auch nicht in Berichten erwarten, die eindeutig darauf angelegt sind, seine herausragende Stellung zu betonen. Man konnte aber offenbar auch nicht stillschweigend darüber hinweggehen, weil sich allem Anschein nach nicht nur Jesus selbst sondern auch noch die junge Jesus-Bewegung damit auseinander zu setzen hatte.

Den Wahrheitsgehalt dieses Vorwurfs wird man nicht mehr überprüfen können. Ich sehe allerdings keinen Grund, weshalb man dem Bericht des Matthäus, bei Maria hätten sich in der Zeit zwischen Unterzeichnung des Heiratsvertrags und des Vollzugs ihrer Ehe mit Josef Anzeichen einer Schwangerschaft gezeigt (Mt 1,18), keinen Glauben schenken sollte. Matthäus - wer immer sich hinter diesem Namen verbirgt - war ganz offensichtlich mit jüdischen Sitten und Gebräuchen vertraut und vermutlich selber Jude. Er hätte gewusst, welchen Sprengstoff eine solche Behauptung besaß.

Für Jesus selbst hatte dieser Vorwurf verheerende Folgen. Wer nicht zweifelsfrei nachweisen konnte, wer sein Vater war, der konnte auch nicht mit Sicherheit behaupten ein volles Mitglied des Volkes Israel zu sein. Der Vorwurf bei Joh 8,48, Jesus sei ein „Samariter“ besagt genau dies. Die Samariter, die sich im Laufe ihrer Geschichte mit fremden Völkern vermischt hatten, galten deshalb als unrein und als keine vollen Mitglieder des Volkes Israel. Einen Juden zur Zeit Jesu als „Samariter“ zu beschimpfen, hieß, ihm vorzuwerfen, er entstamme einer unerlaubten sexuellen Beziehung seiner Mutter mit einem unbekannten Mann. Dieser Makel mochte nicht nur Jesu Verhältnis zu seinen Dorfgenossen in Nazareth belastet haben. Er machte ihn wohl auch in seiner eigenen Familie zu einem Aussenseiter. Es ist durchaus denkbar, dass Jesus selber seiner Mutter deswegen insgeheim gram war, was sein distanziertes Verhältnis zu ihr erklären könnte.

Ein Wort Jesu passt in diesen Zusammenhang. Kommt ein Mann zu Jesus und sagt zu ihm: “Ich will dir folgen, wohin du auch gehst.” Sagt Jesus zu ihm:” Füchse haben Höhlen, Vögel Nester, aber einer wie ich hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen könnte”(Mt 8,20par). Man bezieht dieses Wort meist auf Jesu Dasein als Wanderprediger. Es könnte aber genau so gut der Ausdruck einer viel tiefer reichenden Befindlichkeit sein, von der Jesus bestimmt war.

Jesus war ein von seiner Gesellschaft Ausgegrenzter. Zumindest hat man seine Anerkennung als Mitglied des Volkes Israel stets mit einem Fragezeichen versehen. Für einen Menschen in einer traditionellen Gesellschaft aber ist es von entscheidender Bedeutung, Sicherheit darüber zu besitzen, wohin und wozu er gehört. Jesus wusste aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, wer sein Vater war in einer Gesellschaft, wo man nach seinem Vater benannt wurde. Da er seinen Vater nicht nennen konnte, war seine volle Zugehörigkeit zum jüdischen Volk in Frage gestellt. Das war nicht ein 'psychologisches' Problem im modernen Sinn. Es war ein existenzielles Problem. Klarheit darüber zu besitzen, zu welcher Familie, welcher Dorfgemeinschaft, welchem Volk man gehörte, hieß zu wissen, wer man war. Wer das nicht wusste, war ein Niemand. Er hatte ein Problem, aber ebenso auch seine Umgebung. Die Identität eines Menschen in einer traditionellen Gesellschaft hängt entscheidend davon ab, dass man weiß, zu welcher Gruppe er gehört. Wo dies nicht geklärt ist, greift man zu einer Notlösung: man ordnet ihn in die Gruppe der Aussenseiter, der Parias ein.
In einer traditionellen Gesellschaft bin ich der, für den die Leute mich halten. Meine 'psychische Gesundheit' wenn man so will, hängt davon ab, ob in dieser Frage Eindeutigkeit herrscht. Bei Jesus herrschte 'eindeutig' keine Eindeutigkeit. Durch alle vier Evangelien hindurch zieht sich der Streit darüber, wer Jesus sei. Gewiss spiegelt sich darin die Auseinandersetzung zwischen der Jesus-Bewegung und dem Judentum in der ersten Zeit nach Jesu Tod wider. Aber man darf wohl annehmen, dass diese Auseinandersetzung nicht so leicht in die Zeit Jesu zurückprojiziert hätte werden können, hätte sie sich nicht schon zu Jesu Lebzeiten an ihm entzündet. Das aber wiederum lag nicht ausschließlich an Jesu Botschaft und dem Anspruch, mit dem er sie vertrat. Im Falle von Johannes dem Täufer – so wenig wir auch über ihn wissen – kennt man derlei Zwistigkeiten nicht. Seine Anerkennung als Prophet und Heiliger Mann scheint unbestritten gewesen zu sein. Jesus hingegen muss sich, wenn man den Evangelien glauben will, ununterbrochen rechtfertigen.

Auf diesem Hintergrund meint das oben zitierte Wort Jesu mehr als den bloßen Hinweis auf einen festen Wohnsitz. Es gehört zu den entscheidenden Eigenheiten des Jesus von Nazareth, dass er keinen Ort hatte, wo er hingehörte. Seine Herkunft lag im Dunkel, seine volle Zugehörigkeit zum Volk Gottes wurde – aus eben diesem Grunde – in Zweifel gezogen, seine Dorfgenossen stoßen ihn aus ihrer Mitte aus (Mk6,1-6par). Seine Familie hält ihn für verrückt(Mk3,21), seine Brüder möchten ihn aus Galiläa weghaben (Joh 7,3-5). Selbst unter seinen Anhängern kursieren die unterschiedlichsten Meinungen darüber, wer er sei (Mt16,14). Er selbst scheint es bis zuletzt nicht zu wissen...

Mittwoch, 17. Februar 2010

Begegnung am See

Drei Männer hocken am Ufer des Kinnereth-Sees um ein Feuer herum. Ein Fisch liegt auf der Glut. Die ganze Nacht haben die Männer gefischt. Jetzt sind sie müde und hungrig.

"Habt ihr etwas zu essen Kinder?" Unbemerkt ist Jesus zu ihnen getreten. Sie reichen ihm von dem Fisch und dem Brot. Jesus nimmt das Brot, spricht den Segen und bricht es. Dann reicht er es den Männern am Feuer. Sie essen Brot und Fisch miteinander.

So ist es häufig. Plötzlich ist er da in ihrer Mitte. Unvermutet, unerwartet taucht er von irgendwoher auf. Dann teilen sie das Brot miteinander und den Fisch. Er stellt Fragen nach ihrer Arbeit, ob sie viel gefangen oder eine Nacht lang vergeblich sich abgemüht hätten. Zuweilen erzählt er dann wohl auch eine seiner Geschichten. Die Männer sind hundemüde von der Plackerei in der Nacht und noch muss der Fang versorgt und die Netze gerichtet werden. Aber wenn Jesus eine seiner Geschichten zum Besten gibt, dann vergessen sie ihre Müdigkeit und die Arbeit, die noch auf sie wartet. Auf ihren Fersen kauernd bleiben sie im Sand hocken und hören ihm zu, diesem etwas abgerissen wirkenden Sonderling mit dem Feuer im Blick und den beredten Gesten, mit denen er seine Worte unterstreicht.

So richtig weiss man nie, warum er jetzt gerade diese Geschichte erzählt oder jene. Eben noch haben sie sich über ihre Arbeit mit den Netzen unterhalten. Wie schwer es sei, trotz unablässiger Schufterei über die Runden zu kommen. Es blieb einem ja kaum etwas in der Hand, wenn man die Steuern bezahlt hatte und die Abgaben für die Fischereirechte und die Marktgebühren für den Verkauf des Fisches. Eigentlich erwartete man keine Antwort von ihm. Was sollte er auch dazu sagen. Schliesslich verstand er nichts von der Fischerei und all dem, was dranhing.

Im Grunde verstand er wohl überhaupt nicht allzuviel vom wirklichen Leben. Schliesslich arbeitete er nicht, hatte keine Familie zu versorgen, zog bloss von Ort zu Ort und liess sich von den Leuten aushalten. Nahm hier die Einladung zu einer Mahlzeit an, schlüpfte dort für eine Nacht unter. Besonders die Frauen waren ganz versessen darauf, etwas für ihn zu tun. Dabei sah er nicht einmal gut aus, klein, unscheinbar und immer etwas schmuddelig. Ausser seine Augen und die Hände, denen konnte man sich nur schwer entziehen.

Und seine Geschichten. Auf den ersten Blick schienen sie nie zu dem zu passen, was gerade Sache war. Man hatte den Eindruck, Jesus lebe in seiner ganz eigenen Welt. Aber wenn man ihm eine Weile zuhörte, und man konnte nicht anders als zuzuhören, auch wenn man vielleicht einen Augenblick lang verärgert darüber war, dass er einem ins Wort gefallen oder scheinbar das Thema gewechselt hatte. Ja seine Geschichten hatten ihren eigenen Zauber. Sie zogen einen hinein in seine Welt. Zumindest öffneten sie ein Fenster in eine andere Welt. Eine Welt, in der vieles möglich war, verrückte Dinge möglich waren, von denen man als einfacher Fischer oder Bauer oder Tagelöhner nicht einmal zu träumen wagte.

Ihr Leben war ja nicht geradde zum Träumen angelegt. Aber er mit seinen Geschichten, er konnte einen schon zum Träumen bringen. Mit einem Mal verwischte sich die Grenze zwischen seiner Welt und ihrer Welt. Sie schoben sich übereinander, die Welt der täglichen Plackerei und Mühsal und die andere Welt, die Welt Jesu. Es war nicht so, dass plötzlich alles besser, schöner oder leichter gewesen wäre. Keineswegs. Das war ein unentwegtes Hin und Her zwischen den zwei Welten. Sie schoben sich übereinander und verschoben sich wieder.

So ganz in eins fielen sie nie. Da blieb immer eine Lücke. Man vergass nie, dass man am Abend wieder hinaus auf den See musste, wollte man am anderen Tag etwas zu essen haben und genug Fisch, den die Frauen zum Markt bringen konnten. Aber wenn man dann hinausfuhr nach zu wenig Schlaf und mit knurrendem Magen, dann klangen die Geschichten vom Morgen noch nach. Irgendwie ging dann alles leichter von der Hand: die Arbeit mit dem Boot und den Netzen und auch der Kumpel, der stets fluchte und lästerte, ging einem heute nur ein ganz klein wenig auf die Nerven.

Dienstag, 16. Februar 2010

Kein Wein in Kana

Jesus steht im Ruf,in seiner Zeit als herumziehender Bauhandwerker ein unsolides Leben geführt zu haben: "Ein Fresser und Weinsäufer" sei er gewesen, der sich mit Sündern und Steuerpächetrn herumgetrieben habe (Lk7,31-34). So mochte man seinen Wandel zum Prediger nicht so recht glauben. Wenn man dies im Auge behält, dann bekommt eine Geschichte, die das Johannes-Evangelium erzählt, einen ganz anderen Sinn. Ich meine die Geschichte vom Weinwunder Jesus bei der Hochzeit zu Kana (Joh 2,11-11).

Ich erzähle sie auf meine Weise:

Am dritten Tag der Woche, das ist der Dienstag, der Tag an dem die Juden in Palästina zu heiraten pflegten, feierte man eine Hochzeit in Kana im Galil. Auch Maria, die Mutter Jesu war unter den Gästen. Als das Fest schon in vollem Gange war, erschien auch Jesus mit einigen seiner Freunde. Seine Mutter sah ihn und erschrak, denn sie schämte sich ihres Sohnes. „Es ist kein Wein mehr da“ sagte sie zu ihm und hoffte, er werde dann wieder gehen. Jesus aber wurde ärgerlich und fuhr sie an:“Was willst du von mir, Frau? Du hast mir nichts zu sagen!“

Maria sagte zu den Sklaven:“Tut, was er euch sagt!“. Sie kannte ihren Sohn und wollte einen Skandal vermeiden. Es standen aber da sechs steinerne Wasserkrüge, wie sie die Juden zum Mischen des Weines verwenden. Sie trinken den Wein nämlich mit Wasser verdünnt. Jesus kommt und befiehlt den Sklaven:“Füllt die Krüge mit Wasser“. Die Sklaven füllten die Krüge bis obenhin mit Wasser. Sagt Jesus zu ihnen:“Jetzt schöpft davon und bringt es dem Mundschenk!“ Sie taten wie geheißen.

Der Mundschenk kostete von dem Wasser und erkannte: Jesus wollte den Bräutigam vor der ganzen Versammlung in Verlegenheit bringen, weil er seinen Gästen nur Wasser vorsetzte. Deshalb tat er, als ob er den köstlichsten Wein auf der Zunge hätte. Er ließ auch den Bräutigam von dem Wasser kosten und beide gaben sie vor, einen vorzüglichen Tropfen zu trinken. So rettete ein umsichtiger Sklave seinen Herrn aus einer großen Verlegenheit.

Diese Geschichte ist natürlich eine Fiktion. Die des Johannes auch. Beide Versionen sind legitim. Sie wollen eine Aussage über Jesus und seine Bedeutung machen. Für Johannes zeigt sich im Weinwunder gleich zu Anfang seiner öffentlichen Wirksamkeit die Herrlichkeit Gottes in Jesu Handeln.

Meine Geschichte hat vielleicht den Vorteil, dass sie psychologisch folgerichtiger abläuft. Wenn Jesus seinen Ruf, eine Vorliebe für Festgelage und reichlichen Weingenuss zu haben, zu Recht besaß, dann hat eine Episode wie diese durchaus Platz in seiner Biografie zu einer Zeit als er noch Bauhandwerker war. Sie zeigt überdies einen Charakterzug, der sich auch in manchen seiner überlieferten Worte findet: Jesus besaß Witz und die Fähigkeit, in unerwarteter Weise auf Situationen zu reagieren. Ein ‘Practical Joke’ wie der obige hätte durchaus zu seinem Charakter gepasst.

Das befremdliche Verhalten Jesu seiner Mutter gegenüber findet in meiner Geschichte auch eine plausiblere Erklärung. Es ist bemerkenswert, dass sich Jesus im Johannes-Evangelium gleich zu Beginn und dann am Ende vor seinem Tod sehr drastisch von seiner eigenen Mutter distanziert. Am Ende übergibt er - so stellt es das Johannesevangelium dar - seine Mutter in die Obhut des Jüngers, „den er liebte“, wer immer dies auch gewesen sein mag. Er tut dies mit den Worten:“Sohn, siehe da deine Mutter!“ und “Frau, siehe da deinen Sohn!“(Joh19,26f). Auch dort kommt ihm das Wort „Mutter“ nicht über die Lippen. Allerdings wird diese Stelle von den Kommentatoren im Allgemeinen positiv gewertet. Bei der Begegnung in Kana können aber selbst wohlwollende und konformistische Ausleger ein schwaches Befremden nicht unterdrücken.

Man findet natürlich für alles im Leben Jesu eine theologische - oder sollte man eher sagen: ideologische Begründung. Dem naiven Betrachter aber stellt es sich ganz einfach so dar: Hier treffen eine Mutter und ein Sohn aufeinander, die in einem äußerst gespannten Verhältnis zueinander stehen. Die Begründung, die ich in meiner Geschichte verwende, dass nämlich Maria den Lebenswandel ihres Sohnes nicht akzeptieren kann und sich seinetwegen schämt, wirkt plausibler als die theologisch verstiegene Ansicht: Maria trete mit der Bitte um ein Wunder an ihren Sohn heran. Nein! Sie möchte ihn ganz einfach möglichst schnell wieder loswerden, bevor er sie durch sein Verhalten in Verlegenheit bringt. Und Jesus weist sie nicht derart schroff zurück, weil nach seiner Meinung jetzt im göttlichen Heilsplan der Zeitpunkt für ein Wunder noch nicht gekommen ist. Er weist sie zurück, weil er sich - zu Recht - von ihr abgelehnt fühlt und weil er ihr möglicherweise nicht verzeiht, dass er keinen wirklichen Vater hat.

So erhält eine auf den ersten Blick vielleicht respektlose Neuformulierung eines kanonischen Textes eine tiefere Dimension. Sie wirft ein neues Licht auf die Person Jesu. Sie bringt ihn dem Verständnis des heutigen Menschen näher und lässt ihn ein Stück mehr als ein Mensch aus Fleisch und Blut erscheinen. Die Prioritäten von heute sind nicht mehr jene des ersten Jahrhunderts und ein Heiliger Mann, der eine jüdische Hochzeitsgesellschaft ein bisschen aufzumischen versucht und Zoff mit seiner Familie hat, ist vielleicht ein glaubwürdigeres Zeichen der „Menschwerdung Gottes“ als einer, der einem Bräutigam, der zu wenig Wein bestellt hat, mit einem Wunder aus der Patsche hilft. Natürlich nur dann, wenn man dieses Vorkommnis als ein Mosaiksteinchen in einem - wie sich zeigen wird - viel farbenprächtigeren Gemälde sieht.

Montag, 15. Februar 2010

Der nutzlose Feigenbaum

Oft stellten die Leute Jesus eine Frage und er antwortete mit einer Geschichte oder einem Gleichnis. Mir ist diese Eigenart Jesu sehr sympathisch. Sie zeugt von grossem Respekt gegenüber dem Fragenden. Sie drängt sich nicht auf sondern lässt dem Gegenüber die Freiheit, die Antwort zu finden, die ihm gemäss ist. Diese Art des Umgangs mit seinem Gegenüber ist typisch für Jesus.

Wir kennen die Frage nicht, die Anlass für das folgende Gleichnis (Lk 13,6-9) war, aber sicher finden Sie die Antwort, die im Augenblick gerade für Sie stimmig ist.

Ein Mensch besass einen Feigenbaum, der in seinem Weinberg eingepflanzt war. Er kam und suchte Frucht an ihm und fand keine.
Da sagte er zu dem Winzer: Drei Jahre schon komme ich her, suche Früchte an diesem Feigenbaum und finde keine. Grab ihn aus, warum soll er noch die Erde auslaugen?
Der Winzer aber antwortete ihm:Herr, lass ihn noch dieses eine Jahr stehen. Ich will die Erde um ihn umgraben und ihm Dünger geben. Vielleicht trägt er dann Früchte, wenn nicht, magst du ihn ausgraben


Die Geschichte rührt mich an. Ich empfinde Mitgefühl mit dem Feigenbaum, dem nutzlosen, und Groll gegen den Besitzer. Der bewertet dieses lebendige Teil der Natur nur nach seinem Ertrag. Ein nutzloser Feigenbaum - grab in aus. Nein - lass mich nocheinmal die Erde umgraben und Dünger ausbringen. Ja, ich würde mich auch so verhalten wie der Winzer. Eigentlich wäre es mir egal, ob der Baum Früchte trägt in einem Jahr. Ich wär's zufrieden, für's erste ein weiteres Jahr gewonnen zu haben für den Baum und für mich.

Sonntag, 14. Februar 2010

Erste Eindrücke

Die erste Begegnung mit Jesus von Nazareth, an die ich mich erinnern kann, war von der schmerzhaften Art. Meine Mutter hatte mich bei einer Lüge ertappt und dafür ausgiebig verprügelt. Dann liess sie mich hinknien und drückte mir ein kleines Kruzifix in die Hand. Mit meiner Lüge, so der pädagogisch wie theologisch fragwürdige Kommentar meiner Mutter, hätte ich Jesus ans Kreuz gebracht. Diese Tracht Prügel und ihre theologische Verortung haben mich nachhaltig geprägt.

Die zweite Erinnerung, nur einige Jahre später, bezieht sich auf den Tag meiner ersten Kommunion. Über mehrere Monate hinweg war ich krank im Bett gelegen und keiner konnte sagen, was mir wirklich fehlte. Zeitweise ging es mir offenbar so schlecht, dass man sogar den Pfarrer holte. Ich sehe ihn noch am Fussende des Bettes stehen, Vater und Mutter und einige Leute aus der Nachbarschaft daneben und einer sagt:“Ach, wenn der Bub doch nur sterben könnte.“

Als der Tag der Erstkommunion kam, entschloss man sich trotz Bedenken, mich zur Kirche zu bringen. Wir Erstkommunion-Kinder knieten auf Bänken vorne im Chor, direkt beim Altar; die Mädchen in weißen Kleidern mit Schleiern und Kränzchen auf dem Kopf, wir Buben in unseren ersten Anzügen mit einer Kerze in der Hand. Ich durfte die meiste Zeit sitzen, weil ich zum Knien noch zu schwach war. Der Altarraum ist strahlendes Sonnenlicht getaucht und ich in einem Zustand, wie man ihn gelegentlich an der Schwelle zwischen Wachsein und Schlaf erlebt. Als mir der Priester die Hostie auf die Zunge legt, ist mir, als würde ich nie mehr in meinem Leben einen erhebenderen Augenblick erleben.

An den restlichen Tag habe ich kaum noch Erinnerungen außer der einen. Nach einem festlichen Essen zu Hause mit Eltern, Brüdern und Paten schickte man mich Kuchen holen. Offenbar war ich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr so hinfällig wie noch einige Stunden zuvor. Den ganzen Weg zum Bäcker und zurück rannte ich in großen Sprüngen. Nichts besonderes für einen siebenjährigen Jungen. Für mich allerdings schon. Ich kann mich nicht erinnern, je zuvor überhaupt gerannt zu sein. Ich galt als ein sehr ruhiges, ängstliches und zurückhaltendes Kind, das neben vielem anderen auch seinem Körper nicht so recht traute.

Nun will ich damit nicht behaupten, es hätte sich an diesem Tag etwas Wunderbares ereignet. In einem anderen Umfeld als dem traditionell katholisch geprägten eines kleinen Bergdorfes der Fünfziger Jahre hätte man einen kränkelnden, lebensscheuen Jungen wohl auf andere Weise wieder ins Leben zurückgeholt. Für mich aber hatte das Erlebnis der Erstkommunion diese Wirkung. Sehr buchstäblich hatte ich die Worte Jesu an den kranken Jungen gehört:”Steh auf und gehe!”.

Bis zum heutigen Tag bewege ich mich im Spannungsfeld zwischen diesen zwei Polen, für die die geschilderten Erlebnisse aus meiner Kindheit kennzeichnend sind. Da ist dieses unklare Gefühl der Schuld, das mich daran hindert, mich vorbehaltlos dem Leben zuzuwenden. Und da ist die vertraute Stimme des Mannes aus Nazareth, die sagt: „Lazarus, komm heraus!“

Samstag, 13. Februar 2010

Jesus - Ein Porträt

In Nazareth nennt man ihn "Jeschua Bar Miriam"(Mk 6,3) nach seiner Mutter und die Dorfbewohner begegnen ihm mit Ablehnung und Feindseligkeit. Auch über die Grenzen seines Heimatdorfes hinaus, begegnet Jesus das Gerücht, er sei "im Ehebruch gezeugt worden" (Joh 8,41).

Auch sonst ist Jesu Ruf nicht der beste. Ein "Weinsäufer und Fresser" sei er, einer, der sich mit "Sündern und Steuerpächtern" herumtreibe (Lk 7,31-34). Jesus nimmt's nicht tragisch. Er spottet über seine Kritiker, sie kämen ihm vor wie quengelige Kinder beim Spielen, denen man nichts recht machen könne.

"Weinsäufer und Fresser", das ist die Standardformel , mit der Eltern einen Sohn vor die Ältesten bringen, mit dem sie allein nicht mehr fertig werden. Zu seiner Familie geht Jesus auf Distanz, seiner Mutter begegnet er mit schroffer Ablehnung (Joh 2,4). Als er als Wanderprediger durch Galiläa zieht, versuchen die Seinen ihn nach Hause zurückholen, weil sie glauben, er sei "von Sinnen" (Mk 3,21). Ein andermal wollen seine Brüder ihn überreden, sich nach Judäa zu verziehen(Joh 7,3-5). Jesu Auftreten in Galiläa geht der Familie an die Ehre. Maria zeigt sich peinlich berührt, als Jesus mit einigen Kumpanen auf einer Hochzeit in Kana auftaucht. Sie versucht ihn mit dem Hinweis, es gebe keinen Wein mehr, wieder los zu werden (Joh 2,3). Jesus bleibt unverheiratet, wahrscheinlich unfreiwillig. Geheiratet wird innerhalb der Sippe. Dort aber kennt man das Gerücht um Jesu aussereheliche Zeugung. Welcher Vater hätte ihm da seine Tochter zur Frau gegeben?

Einem Mann, der sich ihm anschliessen will, gibt Jesus zu bedenken: "Die Füchse haben ihre Höhlen, die Vögel ihre Nester. Ein Mensch wie ich aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann."(Mt 8,20par). Jesus weiss nicht, wo er hingehört. Er führt ein unstetes Leben, vermutlich nicht erst als Wanderprediger. Schon als Bauhandwerker wird er auf der Suche nach Arbeit herumgezogen sein. Wenn er in seinen Gleichnissen von den Tagelöhnern spricht, die Morgen für Morgen auf dem Marktplatz herumstehen in der Hoffnung, dass ihnen jemand eine Arbeit für den Tag anbietet(Mt 20,3), dann spricht er aus eigener Erfahrung. Wer Gott gerade einmal um Brot für den kommenden Tag bittet(Mt 6,11), der ist nicht gewohnt, Rücklagen für die Zukunft anzulegen.

Bei alledem ist Jesus eine erfrischende Unbekümmertheit eigen: "Sorgt euch nicht um den kommenden Tag. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage(Mt 6,34). Oder: "Betrachtet die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes ..."(Mt 6,26.28). Dies sind Blitzlichter auf seinen Charakter und die Frucht seiner Erfahrung, in einem mühseligen Leben nicht die Zuversicht fahren zu lassen.

Als moralisches Vorbild eignet Jesus sich kaum. Oder was soll man davon halten, wenn er einen betrügerischen Verwalter als Beispiel dafür hinstellt, wie man sich mit List und Chuzpe das ewige Heil sichern soll(Lk 6, 1-8)? Sein Bruder Jakobus, den man den "Gerechten" nannte und der nach allem, was man weiss, einer strengen jüdischen Gruppierung angehörte, hätte eine solche Geschichte sicher nicht erzählt. Es ist nicht so, dass hier Betrug, Urkundenfälschung und Unterschlagung als nachahmenswert hingestellt würden. Aber die Wahl des Beispiels wirft ein Licht auf das unkonventionelle Denken Jesu.

Jesus liebt es, seine Umgebung zu schockieren. Einem jungen Mann, der ihm nachfolgen will, aber zuerst noch seinen Vater beerdigen möchte - immerhin eine von der Tora geforderte heilige Sohnespflicht - gibt er zur Antwort: "Lass die Toten ihre Toten begraben. Du aber folge mir nach!"(Mt 8,22par). Er zeigt keinerlei Respekt vor den für eine traditionelle Gesellschaft so ausserordentlich wichtigen Familienbanden. Er holt junge Männer von ihrer Arbeit im familiären Fischereibetrieb weg und bringt damit wohl die eine oder andere Familie in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Mit ihm durch Galiläa ziehen auch Frauen, deren Platz nach traditioneller Auffassung im Hause gewesen wäre. Er sammelt eine eigene Familie um sich. In ihr gibt es weder Väter noch Mütter, alle sind untereinander Geschwister. Es gibt in ihr nur einen Vater, den ABBA im Himmel. Bezeichnend ist, dass die Mutter fehlt.Den Dienst der Mutter erfüllen sich die Geschwister gegenseitig.

Zum Tempel, neben Familie und Dorfgemeinschaft der dritten tragenden Säule der jüdischen Gesellschaft, steht Jesus in kritischer Distanz. Souverän und provokant, spricht er Menschen die Vergebung ihrer Sünden zu. Damit masst er sich an, was nur durch die Entsühnungsrituale des Tempels geschehen kann.In einem rätselhaften Wort, mit dem die Jesus-Überlieferung grosse Schwierigkeiten hat (Mk 13,2par), spricht er von der Zerstörung des Tempels. Allem Anschein nach verursacht er einen Tumult auf dem Tempelgelände und greift wohl sogar in eine gottesdienstliche Handlung ein (Mk 11,15-19). Möglicherweise provoziert er damit schliesslich seine Verhaftung und anschliessende Verurteilung.

Immer wieder hat man versucht, aus Jesus einen politischen Revolutionär oder Agitator zu machen, zu Unrecht. Im Blickfeld Jesu stehen die Menschen und ihre unmittelbare Bedürftigkeit, das politische "System" interessiert ihn nicht. "Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser zukommt, und Gott, was Gott zukommt" (Mk 12,17par). Seine Strategie ist vielmehr, das "System" auszutricksen. Jesus glaubt nicht daran, dass kleine Leute wie er eine wirkliche Chance haben, zu ihrem Recht zu kommen, wenn sie aus diesem oder jenem Grunde mit der Justiz zu tun bekommen. Also empfiehlt er, es gar nicht so weit kommen zu lassen und sich mit seinem Gegner aussergerichtlich zu einigen (Mt 5,25). Machtverhältnisse schätzt Jesus sehr realistisch ein und empfiehlt dafür eine Strategie der subversiven Gewaltlosigkeit: "Wenn einer den Mantel von dir verlangt, dann gib ihm auch noch das Hemd!" (Mt 5,40). "Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin!"(Mt 5,39). Ein solches Verhalten erfordert wahre Stärke. Es führt das vermeintliche Recht des Stärkeren ad absurdum.

Radikal und subversiv ist die Vision, die Jesus den real existierenden Verhältnissen von Macht und Herrschaft engegensetzt. Die Römer, der Tempel mit seiner Priesteraristokratie, die bornierten Dorfvorsteher, die Grossgrundbesitzer und Herodes, dieser Fuchs (Lk 13,32), Jesu eigener Landesfürst, der über sein Treiben beunruhigt ist, sie alle zählen nicht wirklich. Denn unscheinbar zwar wie ein Senfkorn, aber im Stillen sein Werk vollbringend wie ein Sauerteig im Mehl ist die Herrschaft Gottes im Kommen. Sie wird mächtig aufgehen, wie der Strauch, der aus dem Senfkorn wächst und sie wird ihr Werk vollbringen wie Unkraut im Weizenfeld der Mächtigen.

Wir haben diese Gleichnisse so oft gehört und die harmlosen Auslegungen der Prediger in den Tempeln unserer Tage, dass uns der Sprengstoff, der in ihnen enthalten ist, wie die Füllung eines Knallbonbons vorkommen mag. Wir irren uns! Das sind Befreiungsgeschichten, die Jesus da erzählt. Jesus erzählt Geschichten, darin ist er unvergleichlich. Geschichten zu erzählen gehört zu Jesu Strategie, die Wirklichkeit zu verändern. Die Vision Jesu von der anbrechenden Königsherrschaft Gottes ist für sich genommen ein Mythos der Tradition Israels. Wir können ihn wohl kaum ins 21.Jhdt. herüber retten. Schon gar nicht Jesu mutmassliche Erwartung, dass Gott noch zu seinen Lebzeiten das Ende der Geschichte herbeiführen und sich ein neues Israel schaffen werde. Darin hat sich Jesus getäuscht und möglicherweise gibt das angebliche Jesus-Wort am Kreuz:"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" (Mk 15,34), wirklich die Verfassung Jesu im Augenblick seines Tode wieder.

Aber eines bleibt gültig. Hoffnungsgeschichten gegen die Wirklichkeit der Hoffnungslosigkeit zu erzählen, schafft selbst neue Wirklichkeit: "Lahme gehen, Taube hören, Blinden wird das Augenlicht wiedergegeben. Und den Armen wird die Frohe Botschaft verkündet" (Mt 11,5). Jesus hat das Wunder zustande gebracht. Bei aller Gegnerschaft, die er sich nicht ohne eigenes Zutun geschaffen hat, hat er Menschen für sich und seine Vision zu begeistern gewusst. Dass er als Heiler und Exorzist Erfolge hatte, ist unbestritten. Das Entscheidende aber ist nicht, dass er Menschen im medizinischen Sinne gesund machen konnte. Viel wichtiger ist, dass er ihnen ihre Würde zurückgab. "Steh auf und gehe" sagte er zu einem Gelähmten (Mk 2,11), "Mädchen, steh auf!"(M 5,41) zu dem Mädchen, das wie leblos auf seinem Bett liegt, "Komm heraus!"(Joh 11,43) zu Lazarus in seinem Grab. Jesus lehrte die Menschen den aufrechten Gang, "Er hat uns zu Menschen gemacht", sagt Maria aus Magdala im apokryphen Philippus-Evangelium nach seinem Tod.

Wenn der alte jüdische Mythos von der Königsherrschaft Gottes als subversive Gegenwelt zu den real existierenden Herrschaftswelten, mit denen wir zu tun haben, mehr Menschlichkeit schaffen kann, dann ist er nach wie vor wahr und dann behält Jesus Recht mit seiner Vision.