Dienstag, 20. April 2010

Auferstanden am dritten Tag

Dass Jesus am dritten Tag nach seinem Tod von Gott aus dem Tod in ein neues Leben auferweckt wurde, zählt zu den Grundaussagen des christlichen Glaubensbekenntnisses. Auch finden sich im Neuen Testament an verschiedenen Stellen Hinweise und ausführliche Berichte darüber, dass sich Jesus von Nazareth nach seinem Tod einigen seiner Getreuen gezeigt habe. Das älteste Zeugnis darüber steht im ersten Korintherbrief des Paulus aus dem Jahr 54 u.Z.. Paulus hat es offenbar schon als festgeprägte Formel vorgefunden:Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschienen dem Kephas und den Zwölf.(1Kor 15,3b-5). Mit dieser Formel haben wir das älteste greifbare Glaubensbekenntnis des jungen Christentums vor uns. Paulus ergänzt die Liste derer, denen Jesus erschienen ist, durch eine Gruppe von fünfhundert Brüdern, den Herrenbruder Jakobus und alle Apostel (1Kor 15,6f) und fügt an: Als letztem von allen erschien er auch mir, dem Unerwarteten, der „Mißgeburt“. (1Kor 15,8).

Zwei Aussagen werden hier auf einer Aussageebene aneinander gereiht: Christus ist auferweckt worden und er ist erschienen. In Wirklichkeit gehören sie zwei ganz unterschiedlichen Ebenen an. Die erste Ebene ist die, wo von Erscheinungen Jesu vor einigen seiner Anhänger die Rede ist. Gut zwanzig und mehr Jahre später tauchen in den Evangelien im Anhang zu der Passionsgeschichte noch eine ganze Reihe teils sehr farbiger Erzählungen auf, in denen von Erscheinungen Jesu vor verschiedenen JüngerInnen die Rede ist (Mk 16,9-20; Mt 28,9-10; 16-20; Lk 24, 13-35; 36-53; Joh 20,11-18; 20,19-23; 20,24-29; 21,1-14; 15-23). Davon möglicherweise unabhängig berichten die Evangelien außerdem von der Entdeckung eines leeren Grabes am Ostermorgen (Mk 16, 1-8; Mt 28,1-8; Lk 24,1-12; Joh 20,1-10) durch Maria aus Magdala und weitere Frauen aus der Gefolgschaft Jesu.

Dass Verstorbene sich im zeitlichen Umfeld ihres Todes Menschen, die ihnen während ihres Lebens nahestanden, zeigen, wird bis in unsere Gegenwart hinein immer wieder bezeugt. Dieses Phänomen wird, wenn es nicht schlichtweg als Unsinn abgetan wird, in der Regel mit Halluzination oder visionären Erlebnissen im Prozess der Trauerarbeit erklärt. Anderseits hat sich über lange Zeit die Auffassung gehalten, dass der Geist oder die Seele oder das Bewusstsein, kurz das, was eine Person zu dem macht, was sie ist, sich beim Tod eines Menschen erst allmählich „entfernt“ oder „verflüchtigt“ oder wie immer man dies ausdrücken mag. Man könnte also sagen: die „Präsenz“ eines Verstorbenen ist mit dem Eintreten des Todes nicht plötzlich verschwunden. Sie ist häufig auf eine nicht näher zu bestimmende Weise weiterhin visuell oder akustisch erfahrbar. Diese „Präsenz“ kann durchaus unterschiedlich stark wahrnehmbar sein, je nachdem, wie stark die „Präsenz“ des Betreffenden zu dessen Lebzeiten und wie stark die Beziehung der Lebenden zu ihm war. Dass Jesu „Präsenz“, viele nennen sie „Charisma“ zu dessen Lebzeiten bemerkenswert war, bezeugen die Quellen verschiedentlich.

Wenn das Neue Testament also von Erscheinungen Jesu vor seinen JüngerInnen berichtet, halte ich dies durchaus nicht für einen einzigartigen Vorgang. Auch zweifle ich nicht daran, dass der Wahrnehmung der JüngerInnen durchaus eine Realität auf Seiten Jesu entsprach. Insofern kann man, wie es gelegentlich getan wird, von „objektiven“ Visionen sprechen. Die konkreten Schilderungen in den Evangelien allerdings halte ich für fiktive Ausschmückungen, die bestimmten theologischen Anliegen entsprechen. Die wirklichen Erscheinungen dürften sehr viel flüchtiger und diffuser gewesen sein.

Auch denke ich, dass der Kreis jener, die derlei Erfahrungen mit dem verstorbenen Jesus machten, erheblich kleiner war, als das Neue Testament glauben machen will. Natürlich bestand in den verschiedenen Gruppierungen der Jesus Anhänger und des frühen Christentums ein Interesse daran, gerade ihre jeweiligen Führungspersönlichkeiten zum Kreis jener zu rechnen, denen Jesus nach seinem Tod erschienen war. Leitete man doch aus dieser Tatsache schon sehr bald einen Autoritätsanspruch für die Betreffenden ab. Man darf nicht vergessen: Theologie ist nie nur interesseloses Nachdenken über die Geheimnisse des Göttlichen. Theologie verfolgt immer auch ganz handfeste Machtinteressen. So ist es etwa bemerkenswert, dass in der Aufzählung bei Paulus keinerlei Frauen genannt werden, während sie in den Ostererzählungen der Evangelien die ersten sind, die Jesus zu sehen bekommen.

Aber wie kam es nun vom Sehen des verstorbenen Jesus zu dem Glauben, dass Gott Jesus vom Tod auferweckt und in eine neue Existenzweise geholt hatte? Die Erscheinungen kann man als historisches Faktum akzeptieren. Die Aussage aber, dass Gott Jesus auferweckt habe, ist eine theologische Deutung dieses Faktums, die sich durchaus nicht von selbst aufdrängt. Wenn ein Ehemann nach einer Geschäftsreise plötzlich und unerwartet mit einem kostbaren Ring nach Hause kommt, mag die Frau dies als Beweis seiner Liebe und Wertschätzung für sie deuten. Möglicherweise will er damit aber auch nur sein schlechtes Gewissen beschwichtigen, weil er sich ein paar schöne Tage mit der Sekretärin gemacht hat. Genauso erlauben die Erscheinungen Jesu erst aufgrund eines bestimmten Vorverständnisses die Deutung, die sie schließlich gefunden haben.

Die Erscheinungen waren zunächst einmal durchaus nicht eindeutig . Auch unter den Jesusleuten war bekannt, dass Verstorbene sich im zeitlichen Umfeld ihres Todes zeigen konnten. „Es ist sein Engel“ (Apg 12,15), pflegte man in einem solchen Fall zu sagen. So etwa die Reaktion der Leute, als der nach seiner Verhaftung schon tot geglaubte Petrus unvermutet vor dem Haus auftaucht, in dem sich einige seiner Freunde versammelt hatten. Auch die Ostererzählungen berichten immer wieder davon, dass Jesus von denen, die ihn nach seinem Tod sahen, zunächst nicht erkannt wurde. Das wird gerne damit erklärt, dass der Auferstandene eben nicht der einfach ins physische Leben Zurückgekehrte sei. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Betroffenen das Phänomen, das ihnen widerfuhr, gar nicht als „Auferstehung“ oder „Auferweckung“ deuteten. Die Erfahrung mag verwirrend, vielleicht auch tröstlich angesichts ihrer Trauer über den Tod Jesu gewesen sein, aber sie wurde zunächst schlicht in den bekannten Bedeutungsrahmen eingefügt, dass Verstorbene sich offenbaren konnten.

Es gibt auch Hinweise dafür, dass dem Führungszirkel der Jesusbewegung, das Gerede über Erscheinungen zunächst durchaus ungelegen kam (Lk 24,11). Auch ein Hinweis darauf, dass durchaus nicht Petrus und die Zwölf ihre Adressaten waren. Offenbar aber ließen sich die Gerüchte irgendwann nicht mehr unterdrücken. Auch bestand die Gefahr, dass jene, die sich auf eine Erscheinung Jesu berufen konnten, zu besonderem Ansehen in der Jesusbewegung kamen und die Autorität des Führungszirkels bedrohten. Also kam man zu einer Sprachregelung, die autoritär festlegte, wer eine Erscheinung des Herrn für sich in Anspruch nehmen durfte.

Das waren dann laut Paulus, Kephas (Petrus) und die Zwölf, die er durch weitere fünfhundert Brüder, Jakobus und alle Apostel ergänzt und am Ende auch für sich selbst dieses Privileg in Anspruch nimmt (1 Kor 15, 6-8). Frauen kommen in dieser Liste nicht mehr vor. Dass sie sich aber nicht endgültig verschweigen ließen, beweisen die Ostererzählungen der Evangelien, die zwar jünger sind, aber hier mit Sicherheit Traditionen aufgreifen, die von Anfang an im Umlauf waren. Dass hier dann auch noch andere Personen namentlich genannt werden, zeigt, dass es durchaus konkurrierende Überlieferungen darüber gab, wer sich auf eine Erscheinung des Herrn berufen durfte.

Wann und wie Erscheinungen und Auferstehungsglaube zusammengeführt wurden, lässt sich nicht mehr entscheiden. Sicher ist, dass dies in einem Prozess geschah, der länger als drei Tage dauerte! Die geglaubte Auferweckung Jesu durch Gott entstand vielmehr in einem allmählichen Prozess von theologischer Reflexion und Studium der jüdischen Heiligen Schrift, der sich vermutlich über einige Jahre erstreckte. Es ist nicht einmal sicher oder überhaupt wahrscheinlich, dass die Erscheinungen die Ursache für den Auferstehungsglauben waren. Viel eher glaube ich, dass die Erscheinungen nachträglich im Lichte einer so gewonnen Erkenntnis gedeutet wurden.

Wie die Passionsgeschichte und die ntl. Briefliteratur zeigen, führte der Schock über den gewaltsamen Tod Jesu zu einem intensiven Nachdenken darüber, wie Leben und Werk Jesu trotzdem ein Sinn abgewonnen werden könnte. Jesu gewaltsamer Tod stellte alles in Frage, woran seine Anhänger geglaubt und worauf sie gehofft hatten. Sie hatten nicht nur damit fertig zu werden, dass ihr Meister einen schandbaren Tod erlitten hatte, der ihn als einen von Gott Verfluchten abstempelte (Dt 21,23; Gal 3,13b). Sie mussten vor allem mit dem offensichtlichen Skandal fertigwerden, dass Gott selbst machtlos war angesichts der Machtwillkür der Mächtigen dieser Welt. Wie hätte er es denn sonst zulassen können, dass Jesus verurteilt und gekreuzigt wurde! Wenn Gott aber machtlos war im Angesicht der Machthaber dieser Welt, dann war alles, wofür Jesus gelebt hatte und gestorben war, ein grandioser Irrtum. Dann war seine Botschaft, Gottes Herrschaft sei im Kommen und Jahwe werde einen neuen Anfang setzen für Israel und alle Völker eine Täuschung.

Das Bemerkenswerte am Glauben Israels, soweit man ihn aus seinen Heiligen Schriften erschließen kann, ist, dass es seinem Gott gerade in Zeiten größter Not die unwahrscheinlichsten Dinge zu seiner Rettung zutraute. Wann immer Israel durch äußere oder innere Katastrophen in seinem Bestand bedroht war, hielten Profeten und weise Männer/Frauen mit kraftvollen Bildern von einem rettenden Eingreifen Gottes in naher oder ferner Zukunft dagegen. Die wohl mächtigste Vision göttlicher Intervention war die Vorstellung, Jahwe werde die Verstorbenen aus der Schattenwelt des Todes herausholen.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tode gehörte durchaus nicht zum Grundbestand des alten Israels. Er entwickelte sich erst allmählich nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil und erst im Frühjudentum bildet sich eine Vorstellung von der Auferstehung der Toten heraus. Unbestritten bleibt dieser Glaube allerdings nicht. Bis in die Zeit Jesu hinein halten etwa die Sadduzäer weiter am alt israelitischen Glauben fest, der Mensch versinke nach dem Tod in die Bewusstlosigkeit eines unterweltlichen Schattenreichs, in dem auch die Verbindung zu Gott abgeschnitten sei.

In der Makkabäerzeit verbindet sich der Auferstehungsglaube mit dem Gedanken des Martyriums des Gerechten (2Makk 7). Wer im Gehorsam gegenüber der Tora das Martyrium erleidet, der tut es in der Hoffnung auf die Auferweckung durch Gott und auf die Bestrafung der Gottlosen. Gott, der sich im gewaltsamen Tod des Gerechten als machtlos gegenüber den Mächtigen dieser Welt erweist, beweist schließlich seine grössere Macht durch die Auferweckung des Gerechten und die Bestrafung der Übeltäter.

An diese Hoffnung knüpfen jene in der Jesusbewegung an, die nach dem Tode des Meisters im Rückgriff auf ihre Heilige Schrift nach Antworten auf das schmachvolle Schicksal ihres Idols suchen. Die Erscheinungen, von denen sie erfahren haben, mögen die Plausibilität ihres Glaubens erhöht haben. Die Ursache dafür waren sie eher nicht.

Es gibt auch durchaus noch Spuren, die darauf hindeuten, dass es in den Anfängen der Jesusbewegung nach dem Tode Jesu noch andere Erklärungsversuche einer nachtodlichen Rechtfertigung Jesu durch Gott gegeben hat. Das Markusevangelium etwa sieht in dem am Kreuz Gestorbenen schon den durch Gott Erhöhten, wie es das Bekenntnis des römischen Hauptmanns zum Ausdruck bringt:“Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ (Mk 15, 39). Bei Lukas konkurriert die Auferstehungsvorstellung mit jener einer Hinwegnahme von der Erde ähnlich wie bei Elia (Lk 24.50). Im Spruchevangelium, das Eingang in das Matthäus- und das Lukasevangelium gefunden hat, ist vom Auferstandenen überhaupt nicht die Rede. Dort wird Jesus als weiser Lehrer, ja als mensch gewordene göttliche Weisheit erinnert. Offenbar sehr rasch aber muss sich die Vorstellung von der Auferweckung Jesu durch Gott durchgesetzt und alle anderen Erklärungsversuche verdrängt oder integriert haben. Sie bleibt aber ungeachtet ihrer zentralen Stellung im Glaubensbekenntnis eine Deutung, die nicht aus sich selbst heraus einsichtig ist. Wer sich für Jesus und seinen Lebensentwurf entscheidet, mag durchaus zu einem anderen Verständnis seines Schicksals und Gottes Rolle darin gelangen. Diese Entscheidung kann ihm keine Glaubensgemeinschaft abnehmen.

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