Sonntag, 23. Oktober 2016

"Spring doch"


Im thüringischen Schmölln hat sich ein 15-jähriger Somalier durch einen Sprung aus dem Fenster im fünften Stock einer Flüchtlingsunterkunft das Leben genommen. Die Medien berichteten darüber. Nachbarn erfreuten sich an dem Schauspiel, einige filmten oder fotografierten es mit ihren Smartphones und aus der Menge soll auch der Ruf zu vernehmen gewesen sein: „Spring doch“.
Diese Menschen als Tiere zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung für die Tiere. Sie als Menschen zu respektieren, weigere ich mich. Es ist eine Schande, was seit einiger Zeit in diesem Land geschieht – und immer wieder werden die krassesten Fälle von Menschenverachtung aus jenem Teil Deutschlands berichtet, das vor einem Vierteljahrhundert dank der Solidarität des anderen Teils Deutschlands aus dem Dreck geholt wurde.
Es gibt keine Entschuldigung und schon gar keine Rechtfertigung für diese Gefühlskälte und Brutalität – verbal oder brachial – mit der hier immer wieder auf die Not anderer Menschen reagiert wird. Man mag den Fremden, die seit kurzem in größerer Zahl bei uns Zuflucht suchen, mit Vorbehalten begegnen. Sie schaffen Probleme und sie bringen auch noch eine ganze Menge Probleme mit sich. Zum Spaß springt ein Fünfzehnjähriger nicht aus dem Fenster. Aber es sind Menschen. Und gerade dies wird ihnen von diesen kleingeistigen, innerlich kaputten Barbaren streitig gemacht. Die meisten von diesen würden eine Katze vor dem Ertrinken erretten, aber einen Jungen zum Suizid zu ermuntern, das ist okay.
Ich will es nicht mehr hören, dieses larmoyante Gerede von den „Abgehängten“. Das sind schlicht Barbaren, bei denen auch noch der letzte Rest von Menschlichkeit und Mitgefühl verkümmert ist. Sie gehören ausgegrenzt und an den Pranger gestellt. Es wird endlich Zeit, dass die Anständigen aus der Deckung kommen und Farbe bekennen. Und bitte nicht wieder eine Lichterkette mehr! Wir müssen laut werden, um das Geschrei des entmenschlichten Pöbels zu übertönen. Dieses Pack ist nicht das Volk. Aber dafür muss das Volk endlich aufwachen. Immerhin droht gerade eine Gesellschaft vor die Hunde zu gehen, für die bis vor kurzem noch Humanität und Mitmenschlichkeit ein hohes Gut waren.






Samstag, 10. September 2016

Die Hassprediger von der CSU




Wem die AfD zu moderat und die NPD zu chancenlos ist, der hat bei der nächsten Bundestagswahl in Bayern eine Alternative: die CSU. Mit der Beschlussvorlage für die Parteivorstandssitzung an diesem Wochenende, scheuern die Verfasser ganz ungeniert am äußersten rechten Rand, getreu dem Strauß-Diktum: Rechts von der CSU sei nur noch die Wand.
„Deutschland muss Deutschland bleiben“, was immer das heißen mag. „Wir sind dagegen, dass sich unser weltoffenes Land durch Zuwanderung oder Flüchtlingsströme verändert. Nicht wir haben uns nach den Zuwanderern zu richten, sondern umgekehrt.“ Die „deutsche Leitkultur“ soll in der (bayrischen) Verfassung verankert werden. „In Zukunft muss gelten: Vorrang für Zuwanderer aus unserem christlich-abendländischen Kulturkreis“ Zwischen Flüchtlingen und Zuwanderern wird dabei nicht unterschieden. Dabei gilt nach dem Asylrecht und der Genfer Flüchtlingskonvention, dass allein die Schutzbedürftigkeit und keinesfalls religiöse oder kulturelle Kriterien für die Aufnahme eine Rolle spielen dürfen. Aber solche Petitessen spielen natürlich bei jemand, der seinen Doktor beim Discounter in Prag geholt hat, keine Rolle.
Wiederholt wird die alte Forderung der CSU nach einer Obergrenze für Flüchtlinge von 200000 pro Jahr, was allein rechtlich schon problematisch sein dürfte. Statt eines Einwanderungsgesetzes wird ein „Einwanderungsbegrenzungsgesetz“ gefordert, wie ähnliches schon die SVP in der Schweiz durchgesetzt hat und was auch die Brexit-Befürworter in Großbritannien als Argument für einen Austritt aus der EU benutzt haben. Wie sich das mit der Freizügigkeit innerhalb der EU vertragen soll, bleibt unbeantwortet. „Nach Wegfall des Fluchtgrundes muss konsequent in die jeweiligen Heimatländer zurückgeführt werden“. „Es wäre unmoralisch, diesen Ländern Arbeitskräfte vorzuenthalten.“ Auch diese Forderung ist mit dem geltenden Asylrecht nicht vereinbar.
Gamsbart und Dirndl sollen offenbar auch in Zukunft als Ausweis echten Bayertums gelten, während das Kopftuch „weder im öffentlichen Dienst noch in der Justiz akzeptiert“ wird. Die Burka als „Uniform des Islam“ soll in der Öffentlichkeit verboten werden, „soweit dies rechtlich möglich ist“. Hier immerhin eine Konzession an die geltende Rechtslage. „„Wer auf Burka und Nikab nicht verzichten möchte, sollte sich ein anderes Land aussuchen“. Das dürfte dem Bayrischen Hotelier- und Gaststättenverband allerdings gar nicht gefallen. Ebenso wenig den Betreibern der zahlreichen Luxuskliniken und Inhabern der Luxusboutiquen in der Münchner Maximiliansstraße. Bringen doch die zahlungskräftigen Touristen aus den arabischen Emiraten am Golf mit ihrem zahlreichen voll verschleierten weiblichen Anhang jährlich Millionen nach Bayern. Dafür aber will die CSU diesen Teil der notleidenden bayrischen Wirtschaft ja bei der Erbschaftssteuer begünstigen.
Natürlich hat die CSU mit diesem Pamphlet die Bundestagswahl 2017 und die Landtagswahl 2018 im Blick. Schon früher hat diese Partei vor Wahlen ganz ungeniert an die Fremdenfeindlichkeit ihrer Klientel appelliert, siehe „Ausländer-Maut“ oder die Forderung, dass Migranten zu Hause deutsch sprechen sollen. So unverschämt wie diesmal, hat sie es allerdings noch nie gewagt. Ganz offen bedient sie die gleichen Ressentiments gegen Fremde wie AfD und NPD das tun. Die CSU hat sich damit ganz eindeutig am rechten Rand des Parteienspektrums positioniert: rechts-konservativ, nationalistisch, fremdenfeindlich. Der Skandal dabei: nach wie vor entblödet sich diese Partei nicht, das Etikett „Christlich“ in ihrem Namen zu führen. Ich gehe jede Wette ein: beim kommenden Fronleichnamsfest in München werden zahlreiche Prominente dieser Partei wieder an vorderster Stelle mit marschieren. Gehört doch das folkloristische Christentum zur bayrischen Leitkultur. Mit dem Evangelium aber hat das nichts zu tun.

Freitag, 26. August 2016

Wie die Scharia das Abendland erobert


Bisher habe ich ja das Gerede vom Untergang des jüdisch-christlichen Abendlandes durch den Islam nicht ernst nehmen können. Inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Der Islam, insbesondere dessen Vorstellungen von dem, was sich schickt und was anstößig ist, beeinflusst in beängstigender Weise unsere viel gepriesene freiheitliche Art, zu leben. Ein Beispiel ging kürzlich durch die Medien: da wird an einem Strand in Nizza, eine Frau von drei bewaffneten Polizisten umringt und gezwungen sich auszuziehen. Was hatte sie verbrochen? Sie hatte die Kühnheit besessen, sich inmitten halb und beinahe nackter Menschen bekleidet mit einer Jogginghose und einem Oberteil, dass weder Busen noch Arme sehen ließ sowie einem Kopftuch in den Sand zu legen. Wohlgemerkt: Die Frau trug keinen Burkini, jenen Ganzkörper- Badeanzug, den die französische Regierung als unfranzösisch verboten hatte. Mag allerdings sein, dass die Frau kurz vorher zum Frühstück Fladenbrot statt Croissants verzehrt hatte. Die Szene hätte sich auch in Rakka oder in Aleppo abspielen können. Nur dass die Bedauernswerte dort von bewaffneten Religionswächtern des IS umzingelt worden wäre, weil sie sich nicht voll verschleiert in der Öffentlichkeit hätte sehen lassen. In Nizza wird, eine offenbar muslimische Frau, von der französischen Polizei gemaßregelt, weil sie zu wenig nackte Haut zeigt. Scharia auf französisch.
Scharia auf deutsch: In der Hoffnung, der AfD bei den kommenden Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ein paar Stimmen abjagen zu können, haben die CDU-Innenminister vor ein paar Tagen mit großem Getöse ein Burka-Verbot gefordert. Geeinigt hat man sich dann schließlich mit dem Bundesinnenminister für eine leicht abgespeckte Variante. Die ARD, offenbar auf das Wohlwollen von CDU-Mitgliedern im Rundfunkrat angewiesen, hat denn auch gleich die passende Umfrage dazu geliefert: 51% der dort Befragten sprachen sich für ein Burkaverbot aus. Der deutsche Michel ist offenbar schon so islamisiert, dass er die Kleidervorschriften der Scharia übernimmt und der deutschen Leitkultur anpasst: Zipfelmütze statt Burka! Dabei gibt es gerade ein paar hundert Burkaträgerinnen in Deutschland, aber offenbar hat die CDU in ihrem Bemühen, die AfD rechts zu überholen, doch ein feines Gespür für das xenophobe Grummeln im deutschen Volkskörper. Vorreiterin für ein Burkaverbot ist ja schon seit langem eine gewisse Julia Klöckner aus Rheinland-Pfalz. Ministerpräsidentin ist sie deshalb aber auch nicht geworden. Als Tochter eines Winzers und ehemalige Weinkönigin dürfte sie allerdings mehr das Alkoholverbot im Islam als die Burka stören.
Das Pikante an dem CDU-Schildbürgerstreich: Wenn irgendwo in Deutschland Burkaträgerinnen in nennenswerter Zahl auftreten, dann handelt es sich dabei meist um zahlungskräftige Touristinnen aus den arabischen Emiraten und aus Saudi-Arabien. Seit dem Burkaverbot in Frankreich hat für diese Personengruppe Deutschland sogar noch an Beliebtheit zugenommen. Für Hotels, Luxusgeschäfte und Kliniken stellen sie eine erhebliche Einnahmequelle dar. Sie lassen jährlich mehrere Millionen Euro im Land. Die monetäre Islamisierung, bzw. Arabisierung Deutschlands sollte man deswegen keineswegs unterschätzen.
Desgleichen sollte die CDU auch einmal den Einfluss arabischen Kapitals in der heimischen Wirtschaft ganz allgemein zum Wahlkampfthema machen. Angefangen von Fußballvereinen über Autofirmen bis zu Flugzeugunternehmen ist die Beteiligung an deutschen Unternehmen aus dem konservativ islamisch arabischen Raum beträchtlich. Hier dürfte allerdings der Wirtschaftsflügel der CDU sein Veto einlegen. Es ist eine Sache, gegen Burka- und Kopftuchträgerinnen Stimmung zu machen, oder die Finanzierung von Moscheen in Deutschland durch das erzkonservative Saudi-Arabien zu kritisieren oder sich mit der deutschen Wirtschaftslobby anzulegen. Eine Burkaträgerin auf dem Oktoberfest ist natürlich ein Sicherheitsrisiko, während eine Dirndlmaid zur Folklore gehört und kaum etwas versteckt.


Freitag, 11. September 2015

Der Papst, der nicht dazugehören will


Mit seinen jüngsten Erlassen, mit denen Papst Franziskus die Feststellung der Nichtigkeit einer kirchlich geschlossenen katholischen Ehe erleichtern will, dürfte er sich zwischen alle Stühle gesetzt haben.
Den Reformern kann die Regelung nicht gefallen, weil sie menschlich verhängnisvoll ist. Katholischen Paaren den Weg in eine neue kirchliche Ehe zu ermöglichen, indem man einfach behauptet, eine frühere Ehe hätte es nie gegeben, nimmt im Grunde die Menschen nicht ernst und macht das Sakrament der Ehe zur Farce. Auch eine gescheiterte Ehe war nie nur eine schlechte Ehe. Auf alle Fälle ist sie Teil der Lebensgeschichte zweier Menschen. Diese Lebensgeschichte wird nun mit einem juristischen Federstrich als nicht existent erklärt. Damit wird den Betroffenen die Möglichkeit genommen, sich auch mit der Erfahrung des Scheiterns in ihrem Leben konstruktiv auseinanderzusetzen. Zumindest wird ihnen von der Kirche signalisiert: das müsst ihr mit euch selber ausmachen, für uns war da nichts.
Aber auch das Sakrament der Ehe wird damit pervertiert. Nach katholischer Ehelehre ist es ja Gott selbst, der im Sakrament als Bürge dieser Verbindung auftritt. Die Annullierung einer Ehe aber bedeutet, dass Gott nie etwas mit der Verbindung dieser zwei Menschen zu tun gehabt hat. Wieso? Weil ein kirchliches Gericht nachträglich feststellt, dass bei der Eheschliesslung aus Unachtsamkeit, Unwissen oder absichtlich einige juristische Formalien nicht beachtet wurden. Ob Gott sich auf das Beziehungsabenteuer zweier Menschen einlässt, wird abhängig gemacht von Paragraphen des Kirchenrechts. Das ist eine ungeheure Anmaßung der kirchlichen Bürokratie!
Konservativen Kreisen aber geht selbst diese päpstliche Entscheidung schon zu weit. Laut einem Bericht von Christ&Welt formiert sich im Vatikan massiver Widerstand gegen die jüngste Entscheidung des Papstes:“Die Hauptvorwürfe lauten, der Papst habe die bei einer für die Kirche derart essentiellen Materie zuständigen Gremien umgangen und de facto die „katholische Scheidung“ eingeführt. Von einer „bedenklichen Entwicklung“ ist in dem mehrseitigen Schreiben die Rede, das geregelte Verfahren der Gesetzgebung in der Universalkirche sei „ausgehebelt“ worden. Die meisten Sicherungen im Eheprozess seien wissentlich „ausgeschaltet“ worden.“(Christ&Welt)
Man kann sich natürlich fragen, ob es klug von Franziskus war, der ab dem 4.Oktober in Rom tagenden Bischofssynode vor zugreifen. Diese sollte sich abschließend mit den Themen Ehe und Familie befassen. Was diese nun noch beschließen soll, nachdem der Papst das Ergebnis vorweg genommen hat, kann man sich durchaus fragen. Umgekehrt ist natürlich mit gutem Grund zu vermuten, dass die Synode in der Frage von geschiedenen Wiederverheirateten bestenfalls zu einem Ergebnis gekommen wäre, das etwa auf der Linie der jetzt vom Papst dekretierten Lösung gelegen hätte. Es hätte aber auch schlimmer kommen können, hätte sich die Beton-Fraktion durchgesetzt. Möglicherweise wollte Franziskus einem solchen Beschluss zuvorkommen und hat die Notbremse betätigt. Die Kosten seines Vorgehens sind dabei durchaus beträchtlich. Die Bischofssynode wird damit erheblich abgewertet und an der oft bekundeten Bereitschaft des Papstes, die offene Diskussion unter den Bischöfen zu ermutigen, dürften Zweifel aufkommen.
Außerdem kann man sich fragen, wie lange ein Papst sich halten kann, wenn er in wesentlichen Fragen an der Kurie vorbei regiert. Dass Franziskus mächtige Feinde in und außerhalb des Vatikans hat, ist ein offenes Geheimnis. Umgekehrt macht er sehr deutlich, dass er sich von der kurialen Bürokratie distanziert. Er holt sich seine Berater von außerhalb und es ist bezeichnend, dass Franziskus immer noch im Gästehaus des Vatikans wohnt. Das hat nicht nur mit seinem oft bekundeten Bedürfnis nach Kontakt und Kommunikation zu tun. Es ist auch ein sehr deutliche Aussage: „Ich gehöre nicht zu diesem Verein!“ Der Papst als Gast im Vatikan, das ist eine Provokation.





Donnerstag, 6. August 2015

Der lästige Geruch der Armut


Selig seid ihr Armen, denn euch gehört das Reich der Himmel“
(Jesus, jüdischer Wanderprediger, hingerichtet um 30 u.Z. bei Jerusalem wegen Störung der öffentlichen Ordnung)
Okay, Rabbi, die Armen ins Himmelreich und wir haben endlich wieder Ruhe.
Die wollen aber gar nicht ins Himmelreich, die wollen nach nach Deutschland. Dabei sind das oft ja gar keine wirklichen Flüchtlinge. Die sind nicht gefoltert oder vergewaltigt worden. Denen ist nicht das Dach über dem Kopf weggeschlossen worden. Denen geht es bloß nicht so gut. Die haben halt keine Arbeit und viele Kinder zu Hause und Eltern und Großeltern, und Onkel und Tanten und Neffen und Nichten, die auch keine Arbeit haben und natürlich auch keine Rente und nicht einmal HartzIV. Das sind eben nur Wirtschaftsflüchtlinge. Die sind illegal. Aber legal oder illegal, denen ist das scheissegal.
Da hilft auf Dauer keine Schleierfahndung und auch keine Zäune, es sei denn elektrisch geladene … Die kommen trotzdem, immer wieder, aus dem Balkan und aus Afrika übers Mittelmeer. Mare Nostrum, unser Meer nannten es die Römer. Das ist jetzt ihr Meer und ihr Friedhof. Euch gehört das Reich der Himmel. So hat er das wohl nicht gemeint, der Rabbi aus Nazareth. Keine Frage: Mit Bibelsprüchen kommt man dem Problem nicht bei. Also lassen wir die frommen Sprüche und reden Klartext.
Man kommt der neuen Völkerwanderung von Süden nach Norden nicht dadurch bei, dass man unterscheidet zwischen Flüchtlingen, die auf Grund von Krieg und Bürgerkrieg oder wegen ihrer Religion, ethnischen Zugehörigkeit oder sexuellen Orientierung verfolgt oder bedroht sind, für die haben wir ein ganz passables Asylrecht. Und jenen, die abschätzig Wirtschafts- oder Armutsflüchtlinge genannt werden. Man löst das Problem auch nicht mit einem Einwanderungsgesetz, das zwischen jenen unterscheidet, die uns nützlich sein könnten und den anderen, der menschlichen Ausschussware. Ab ins Mittelmeer mit denen, oder was?

Wir stehen gegenwärtig vor einer Situation, deren Brisanz offensichtlich noch gar nicht in ihrer ganzen Tragweite erkannt wird. Wir sprechen von Flüchtlingen und meinen in Wirklichkeit Bettler. Die Gutherzigen unter uns fühlen sich gedrängt zu helfen. Das ist lobenswert, aber es ist dennoch ein Missverständnis. Die Hunderttausende, die im Augenblick nach Europa drängen wollen nicht Barmherzigkeit, sie wollen Gerechtigkeit. Sie bitten nicht, sie fordern. Legal oder illegal, das ist scheissegal! Sie fordern ihr Menschenrecht auf ein Leben in Würde ein. Der lästige Geruch der Armut weht plötzlich in unsere Wohnzimmer.

Mittwoch, 5. August 2015

Wieso die Rede vom "Auferstandenen" problematisch ist


Ich scheue mich, von Jesus/Christus, dem Auferstandenen zu sprechen, oder von Jesus nach seiner Auferstehung. Viel lieber spreche ich nüchtern von Jesus nach seinem Tod, nach seiner Hinrichtung usw.. Ich möchte damit Auferstehung weder leugnen noch auf irgendeine Weise entmythologisieren. Viel mehr will ich mit dieser Zurückhaltung das Eigentliche dessen, was mit Auferstehung gemeint ist, bewahren. Auferstehung ist nämlich nicht ein weiteres Ereignis im Schicksal Jesu, das man auf der Zeitachse irgendwo nach seinem Tod einzeichnen könnte. Jesus von Nazareth ist immer schon auch der Auferstandene. Das ist es ja auch, ganz abgesehen von der Quellenlage, was die Grenzen der Rückfrage nach dem historischen Jesus ausmacht. Der Jesus, der predigend und heilend durch Galiläa zieht, ist ebenso der Auferstandene wie der Jesus, der mit einem Schrei am Kreuz stirbt. Deshalb ist es durchaus konsequent, wenn die Evangelien etwa Berichte wie den von der Verklärung als Ereignisse im vortodlichen Leben Jesu darstellen. Auferstehung ist weniger ein Ereignis als vielmehr eine Qualität von Person und Schicksal Jesu.
Was ich damit sagen will, ist dies: die paranormalen Erfahrungen, die etlichen unter Jesu Anhängern nach dessen Tod mit Jesus widerfuhren, verweisen nur darauf, dass Jesu Botschaft von der nahe herbei gekommenen Herrschaft Gottes durch seinen Tod nicht desavouiert wurde, sondern dass vielmehr Jesu Tod ein entscheidendes Ereignis der nahe herbei gekommenen Gottesherrschaft war. Das ist nun allerdings eine Behauptung, die einer Erklärung bedarf. Nüchtern betrachtet ist es doch so, dass in der Ermordung Jesu göttliche Macht vor Menschenmacht kapituliert. So betrachtet scheitert Jesus mit seiner Mission und Gott selbst wird ins Unrecht gesetzt. Anders wenn man den Gedanken zulässt, dass sich im Todesschicksal Jesu eine Macht offenbart, die von ganz anderer Qualität ist als menschliche Macht. Eine Macht, die jede menschliche Macht ins Unrecht setzt. Der Tod Jesu ist das eschatologische Ereignis schlechthin. Im Tod Jesu triumphiert die Ohnmacht Gottes über die Macht der Herrschenden. Das ist die Erfahrung, die hinter der „Auferstehung“ steht. Die „Torheit des Kreuzes“ von der Paulus an einer Stelle spricht, stellt die gesamte Werte-Skala auf den Kopf.

Die Torheit Gottes und der infantile Glaube an einen allmächtigen Gott


Es nahm kein gutes Ende mit Jesus von Nazareth. Man hätte es ihm voraussagen können, und etliche habe das vermutlich auch getan: Am Ende hängst du irgendwo bei Jerusalem an einem Balken und stirbst einen qualvollen Tod, wenn dir nicht irgend eine barmherzige Seele Gift reichen lässt , um dein Leiden abzukürzen. So kam es dann auch.
Und heute, zweitausend Jahre danach, sind zwei gekreuzte Holzbalken das Markenzeichen einer Weltreligion, der größten nebenbei gesagt. Das Holz der Schande wurde zu einem Zeichen der Hoffnung und – gelegentlich mit schwer zu ertragender Überheblichkeit – zu einem Siegeszeichen: Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Sieg! Paulus hingegen spricht von der Torheit des Kreuzes (1Kor 1,18-25).

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.
Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit – oder je nach Perspektive – ein Ärgernis, weil im Kreuz ein Gott Ereignis wird, der alle unsere Vorstellungen von einem allmächtigen Gott konterkariert. Das Kreuz verlangt nach einer Entscheidung. Entweder gilt: Verflucht ist, wer am Holze hängt (Dtn 21,22f), will heißen, der Tod am Kreuz ist Ausweis der absoluten Gottesferne und Gottverlassenheit; oder aber am Kreuz offenbart sich Gott selbst. Wenn aber das zweite stimmt, dann müssen wir unsere Vorstellung von einem allmächtigen Gott wohl überdenken.
Was an sich ja kein so großes Problem sein sollte. Wo begegnen wir denn in unserer Erfahrung einem allmächtigen Gott? Nirgendwo! Und wenn Gott dennoch allmächtig sein sollte, dann ist er ein Willkür-Gott, der seine Allmacht spielen lässt, gerade wie es ihm gefällt. Ein allmächtiger Gott wäre ein Gott nach dem Vorbild alt orientalischer Despoten, ein durch und durch unmoralischer Gott. Die Vorstellung eines allmächtigen Gottes ist nichts weiter als die Projektion menschlicher Allmachtsphantasien und die Sanktionierung menschlicher Herrschaftsansprüche einerseits und die Wunschvorstellung von Generationen von Unterdrückten auf eine ausgleichende Gerechtigkeit andererseits. Wobei selbst ein allmächtiger Gott nur schwer den widerstreitenden Ansprüchen beider Seiten gerecht werden könnte. Und selbst die Gottesvorstellung der griechischen Philosophie, derer sich das Christentum der ersten Jahrhunderte bediente, war nichts weiter als die Abbildung der Herrschaftsverhältnisse ihrer Zeit, die es einem Sozialparasiten wie Plato und seinen Nachfolgern erlaubte, ihre Gedankenspiele zu betreiben, während ein Heer von rechtlosen Frauen, Männern (und Knaben) für die Befriedigung ihrer vitalen Bedürfnisse sorgten.
So hatte auch das Christentum sich sehr bald von der Torheit des Kreuzes verabschiedet und erfolgreich das Holz der Schande mit einem dicken Firniss von Gold und Silber überzogen. Aber selbst jene aus der unmittelbaren Gefolgschaft des Nazareners konnten die Vorstellung von einem gescheiterten Messias und mit ihm eines ohnmächtigen Gottes nicht ertragen. Was immer einige unter ihnen für Erfahrungen mit dem gestorbenen Jesus machten und nachträglich mit dem eschatologischen Hoffnungsbild von der Auferstehung von den Toten deuteten, es geriet ihnen die Auferstehung unter der Hand zu einer nachträglichen Rehabilitierung sowohl Jesu als auch Gottes selbst.
„Auferstehung“ aber ist nicht ein Ereignis, das der Kreuzigung Jesu linear folgt. „Am dritten Tag“ meint nicht eine zeitliche Abfolge. „Am dritten Tag“ verweist vielmehr auf die eschatologische Dimension des Kreuz-Ereignisses selbst. Was immer die ersten Zeugen geglaubt haben mögen, für uns lesen sich die Oster-Erzählungen der Evangelien so, als ob Gott auf Golgatha nur so getan hätte als ob. Und selbst ernstzunehmende Theologen vertreten heute noch die Meinung, Gott habe auf Golgatha nur eben mal um des Menschen willen seiner Allmacht Grenzen auferlegt. Das ist nicht Theologie, das ist kindisch! Eine solche Deutung nimmt Gott nicht ernst und den Menschen schon gar nicht. Das ist so, wie wenn der Vater sich bei einer spielerischen Rauferei mit seinem kleinen Sohn mal besiegen lässt. Dieser Infantilismus ist aber charakteristisch für den Glauben an einen allmächtigen Gott.